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Die Frau des Anarchisten
Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
1,5
enttäuschend
Die Frau des Anarchisten
Von Stefan Ludwig
Ein Krieg ist für Familien am schlimmsten. Während Väter und Söhne an der Front kämpfen, müssen Frauen und Kinder alleine klarkommen, oder gar in ein anderes Land flüchten. Die ständige Ungewissheit über den Verbleib der Familienangehörigen ist eine unmenschliche Zerreißprobe. Deshalb stellen auch so viele Kriegsdramen eine Familie in den Mittelpunkt. Das ist sinnvoll und bietet viel emotionales Potential. Es sei denn, man tritt wie das Regisseur-Duo Marie Noëlle und Peter Sehr mit ihrem Drama „Die Frau des Anarchisten“ in so ziemlich jede Stolperfalle, die das Genre bereithält.

Madrid, 1937: Der spanische Bürgerkrieg tobt. Justo (Juan Diego Botto) kämpft gegen Franco. Darunter leidet die Beziehung zu seiner Frau Manuela (Maria Valverde), die die gemeinsame Tochter Paloma (als 6-Jährige: Alba Barragán, als 15-Jährige: Ivana Baquero) größtenteils alleine erziehen muss. Plötzlich verschwindet Justo von der Bildfläche. Manuela ist davon überzeugt, dass ihr Mann noch lebt. Jeden Tag durchkämmt sie die Zeitungen auf der Suche nach einem Lebenszeichen. Die heranwachsende Paloma, die ihren Vater nur noch vom Foto auf ihrem Nachttisch kennt, sieht das alles jedoch ganz anders. Sie glaubt, dass Justo seine Familie im Stich gelassen hat…

Aufwachsen ohne Vater – dieses Thema ist eine Herzensangelegenheit für die Regisseurin und Drehbuchautorin Marie Noëlle: Immerhin ereilte ihre Mutter ein ähnliches Schicksal, wie es im Film Paloma aushalten muss. Diese lernte ihren Vater auch erst als 16-Jährige richtig kennen. Ihrer Tochter erzählte sie von ihrer eigenen Kindheit stets nur bruchstückhaft. Mit „Die Frau des Anarchistin“ wollte Marie Noëlle nun die Puzzlestücke zusammenfügen und jene Geschichte erzählen, die bis in alle Ewigkeit hinter den gepanzerten Gedächtnissen ihrer Verwandten eingesperrt bleiben wird. Doch ein einheitliches Ganzes springt dabei nicht heraus. Die Versuche, beim Zuschauer persönliche Betroffenheit hervorzurufen, sind mitunter gar grotesk. Und die Auswahl der Episoden des über mehrere Dekaden angelegten Epos ruft Verwunderung hervor: Die Charaktere werden mit der Zeit immer unsympathischer.

Auf der Leinwand brechen etliche Welten zusammen: Menschen töten, Kinder sterben, und sogar Brüder schlagen sich einander fast tot. Dazu kommen Vater und Tochter, die zwar blutsverwandt sind, sich aber eigentlich nie kennen gelernt haben. Das ist mehr als genug Stoff für ein großes Drama. Dennoch ist das Ergebnis eine Aneinanderreihung von Belanglosigkeiten, die einen weitgehend unbeteiligt zurücklassen. Die Ursache liegt in der schwachen Einführung der Charaktere begründet: Der anarchistische Ehemann bleibt dem Zuschauer seltsam fremd. Warum er sich im Kampf gegen Franco so energisch aufopfert, kommt nicht zur Sprache. Doch um das jahrelange Ausharren auch emotional nachvollziehen zu können, hätte man zumindest eine Idee davon haben müssen, auf wen Manuela da eigentlich wartet.

Hier macht es sich der Film zu einfach. „Blinde Liebe“ soll als Grund ausreichen. Doch das haut vorne und hinten nicht hin. Gerade weil in den gemeinsamen Auftritten von Manuela und Justo außer körperlichem Verlangen keinerlei Anzeichen für wahre Liebe aufblitzen. Außerdem sind die gemeinsamen Szenen so hölzern, dass man mit zunehmender Laufzeit immer mehr daran zweifelt, ob die beiden überhaupt zueinander passen. Auch die übrigen Charaktere leiden unter massiven Mängeln. Justos faschistischer Bruder taucht zwar immer wieder auf, bekommt aber noch weniger Tiefgang zugebilligt. Nie wird reflektiert, warum die Geschwister vollkommen konträre politische Ansichten vertreten.

Hier liegt ein weiterer Schwachpunkt von „Die Frau des Anarchisten“. Spezifika des Spanischen Bürgerkriegs werden zu Gunsten des Familiendramas bewusst im Hintergrund belassen. Natürlich ist das eine Grundsatzentscheidung. Trotzdem drängt sich die Frage auf, ob ein Eingehen auf Francos Krieg nicht eine Ergänzung gewesen wäre, die den Film weitergebracht hätte. Sicherlich erhebt das Drama zu keinem Zeitpunkt den Anspruch, den Konflikt erklären zu wollen. Doch zumindest die Motive Justos hätten hinreichend erläutert werden müssen.

Fazit: „Die Frau des Anarchisten“ ist ein schlussendlich belangloses und nur mäßig unterhaltsames Drama. Leider werden die politischen Hintergründe des Spanischen Bürgerkriegs nahezu komplett ausgeblendet. Stattdessen beschränkt sich der Film auf Familienkonflikte, die zwar auf dem Papier Spannung versprechen, aber aufgrund der schwachen Charakterzeichnung auf der Leinwand langatmig und anstrengend wirken. Eine Identifikation mit den Figuren findet kaum statt. Zudem wird der Kern des Films, die unaufhaltsame Liebe zwischen Justo und Manuela, stiefmütterlich behandelt. Immerhin fragt sich der Zuschauer ständig, warum die beiden eigentlich ineinander verliebt sind.
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