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Ironclad - Bis zum letzten Krieger
Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
3,5
gut
Ironclad - Bis zum letzten Krieger
Von Jan Hamm
Wenn es nach Sir Ridley Scott geht, hat England seine erste Verfassung dem aufopferungsvollen Einsatz eines gewissen „Robin Hood" zu verdanken. Der König der Diebe als vergessener Nationalheld – das ist zwar grober Unfug, aber warum auch nicht? Die Vorstellung vom Kino als Fenster zur Geschichte ist selbst längst Geschichte - und das ist auch gut so. Filmemacher müssen als Erzähler und Künstler überzeugen, nicht als Historiker. Mit „Ironclad" setzt Jonathan English dort an, wo Scott aufhörte: Bereits im Jahr der Unterzeichnung der Magna Carta beginnt King John, die aufmüpfigen Barone zurück in die Unterwerfung zu zwingen. Die wiederum haben sich in der Rochester-Feste verschanzt, wo es 1215 zur allesentscheidenden Belagerungsschlacht kommt. Wie Scott nimmt es auch English nicht allzu genau mit der Historie, in einem Punkt unterscheiden sich die beiden Ansätze aber dennoch fundamental: Während Scott eine naive Hochglanz-Mär vom heroischen Aufstand erzählte, inszeniert English seinen Mittelalter-Stoff als verstörendes Gemetzel. „Ironclad" ist ein B-Movie im besten Sinne des Wortes: unangenehm, grimmig, brutal – und keineswegs dumm.

England, 1215: King John (Paul Giamatti) hat die Magna Carta – eine Vereinbarung, über die sich zunehmend selbstbewusste Barone vor der Krone emanzipieren – unterzeichnet. Allerdings hat er keineswegs vor, seine Opposition unbehelligt zu lassen. Gnadenlos fällt er über die Wortführer der Verfassungsbewegung her, ehe sich ein winziges militärisches Bündnis gegen ihn formiert. Unter der Führung des ehemaligen Kreuzzüglers Marshall (James Purefoy) und des Barons Albany (Brian Cox) setzt sich eine Rebellenschar über die Proteste des Burgherren Cornhill (Derek Jacobi) hinweg und besetzt die Burg von Rochester, eine strategisch entscheidende Position, die King John auf seinem Heereszug nach London passieren muss. Als der zornige Tyrann mit der Belagerung beginnt, scheint die Lage aussichtslos. Welle um Welle branden die königlichen Truppen gegen die Bastionen und treiben die Widerständler immer tiefer in die Gemäuer zurück. Nur die französische Invasionsarmee, die angeblich in King Johns Rücken aufmarschiert, kann Rochester jetzt noch retten...

„Ironclad" ist ein anstrengender Film: Auf pathostriefende Monologe über Recht und Freiheit haben Jonathan English und seine Co-Autoren wohlweislich verzichtet, dafür nehmen die Erzähler ihr Szenario zu ernst. Mit einer hohen Schnittfrequenz, hektischer Handkamera und knallharten Gewaltdarstellungen werden die Schlachtensequenzen schnell zur Belastungsprobe. Ganz in diesem Sinne zeigt English dann auch konsequent die Erschöpfung der Krieger nach immer neuen Angriffswellen, lässt sie nach Atem ringend durch den Hof der Rochester-Burg stolpern oder darüber verzweifeln, gerade zum ersten Mal ein Leben ausgelöscht zu haben. „Ironclad" besteht aber nicht nur aus Gewaltausbrüchen. Im Verlauf des ersten Drittels gilt es erst einmal, die Resistance zu versammeln, und zwar in einer Sequenz, die an die Team-Zusammenstellungen aus klassischen Heist-Filmen erinnert. Die eindrucksvollsten Momente gelingen English dann im späteren Verlauf des Films, wenn er seine Figuren zunehmend unter Starkstrom setzt.

Und diese Momente gehören vor allem dem großartigen Paul Giamatti mit seiner wilden King-John-Interpretation. So genüsslich überzogen Giamatti seinen soziopathischen Despoten ausspielt, so klar ist jederzeit ohne den leisesten Zweifel: Dieser Mann ist brandgefährlich, ganz einfach deshalb, weil er mit dem Rücken zur Wand steht. In einer fesselnden Sequenz klärt ein vor Zorn überschäumender King John einen seiner Lakaien über das Wesen der Monarchie auf. Aus ihm spricht der eiskalte Pragmatismus, der Gewaltherrschaft erst möglich macht: Wer Rebellen gewähren lässt, so der totalitäre Entwurf, gibt seinen Machtanspruch auf. „Ironclad" ist kein politischer Film und ganz sicher keine Allegorie. Dennoch wird King Johns Ausführung umso gruseliger, als dass man darin die grausame Logik wiedererkennt, mit der etwa Muammar Gaddafi oder Bashar al-Assad gegen den arabischen Frühling anmorden.

Auch abseits von Giamatti überzeugt die Darsteller-Riege. Mit einem Budget von rund 25 Millionen Dollar waren freilich keine großen Namen drin. Der Durchbruch des britischen Shakespeare-Mimen James Purefoy, der bislang vor allem mit seinem einprägsamen Auftritt als Marcus Antonius in der HBO-Serie „Rome" auf sich aufmerksam machte, ist allerdings langsam mal fällig. Hartnäckig halten sich Gerüchte, Purefoy sei für eine Rolle in der gefeierten George-R.R.-Martin-Adaption „Game of Thrones" vorgesehen, verdient hätte er es. Auch „Ironclad" profitiert von seinem rauhen Charisma. Sein Ex-Tempelritter Marshall ist ein furchteinflößender Kämpfer, ebenso aber ein traumatisierter Mann, der sich selbst für seine Taten im Heiligen Land verachtet und der vor den Berührungen der schönen Cornhill-Tochter Isabel (Kate Mara) verschämt zurückschreckt. In diesen nur vordergründig kitschigen Augenblicken kommt „Ironclad" fast zum Stillstand, nur ganz kurz, ehe King John das nächste Blutbad anzettelt.

An vorderster Front lacht ein gewohnt spielfreudiger Brian Cox („X-Men 2") als Baron Albany dem Tod ins Gesicht, ihm zur Seite stehen in kleineren Nebenrollen der als Trottelpirat Ragetti aus der „Fluch der Karibik"-Serie bekannte Mackenzie Crook, Derek Jacobi („The King's Speech - Die Rede des Königs"), Jason Flemyng („Wer ist Hanna?") und Kate Mara („127 Hours"), die die ursprünglich für die Rolle der Isabel vorgesehene Megan Fox ersetzte – ein Glück! Besondere Wiedersehensfreude dürften Fans von John McTiernans „Der 13. Krieger" empfinden – Tiberius, King Johns Vollstrecker wider Willen, ist zwar nicht ganz so cool wie der Wikinger-König Buliwyf, der hünenhafte Vladimir Kulich ist aber nach wie vor eine imposante Erscheinung. Und damit war das Budget dann wohl auch aufgebraucht. Zumindest deuten die miesen CGI-Effekte, die allerdings nur selten zum Einsatz kommen, darauf hin. Sei es drum – „Ironclad" mag ein kleiner Film sein, dafür aber einer mit Ecken und Kanten: aufregend, beklemmend und dabei auch noch ziemlich fetzig!
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