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Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
2,0
lau
The Tree
Von Jan Hamm
Charlotte Gainsbourg ist ein gern gesehener Gast in Cannes, ganz gleich, wie ihre Filme ankommen. Während sich Lars von Trier 2009 mit der Presse um die Zumutbarkeit seines „Antichrist" fetzte, strich die anglo-französische Aktrice den Preis als beste Hauptdarstellerin für den Skandalfilm ein. Für ihren Beitrag 2010 gab es sogar sieben Minuten Applaus – und das, obwohl Julie Bertuccellis „The Tree" im Vergleich zur Trier'schen Höllenfahrt ein Spaziergang für die leidensfähige Darstellerin gewesen sein muss. Für das Publikum im Übrigen auch: Bertuccellis Adaption des Judy-Pascoe-Romans „Our Father Who Art In The Tree" ist glattgebügeltes Indie-Kino, das anderthalb Stunden mit der Ausformulierung einer einzigen, platten Metapher beschäftigt ist. Immerhin, angenehm anzuschauen sind die staubig-warmen Panoramen des australischen Outbacks samt der gewohnt überzeugenden Gainsbourg jederzeit. So ist zumindest für ein wenig Ablenkung gesorgt, während sich Regisseurin und Autorin Bertuccelli in Phrasen über Verlust und Trauer ergeht.

Dawn (Charlotte Gainsbourg) und Peter O'Neill (Aden Young) leben ein glückliches Familienleben. Die vier Kinder gedeihen prächtig und Peter schafft Geld für das ganze Rudel ran. Eines Tages, auf dem Heimweg mit Töchterchen Simone (Morgana Davies), erleidet Daddy einen Herzanfall – der Wagen rollt noch aus und kommt unter einer gewaltigen Feige gleich neben dem Haus der O'Neills zum Stehen. Die junge Familie versinkt in lethargischer Trauer. Doch dann meint Simone, die Stimme ihres Vaters im Wispern der Feigenblätter zu erlauschen. Fortan baut sie eine eigenartige Beziehung zum hölzernen Titanen auf, der selber keineswegs untätig bleibt und das Grundstück mit seinen Wurzeln umpflügt. Auch Dawn lässt sich von der kindlichen Idee faszinieren. Zumindest bis sie den Klempner George (Marton Csokas) kennenlernt. Der soll eines Tages die Axt anlegen, denn acht Monate nach Peters Tod ist die Feige zur Bedrohung für das physische und seelische Wohl der O'Neills geworden...

Judy Pascoe erzählte ihren Roman „Our Father Who Art In The Tree" durch die Augen Simones – eine einleuchtende Schwerpunktsetzung, die Julie Bertuccelli bei ihrer Adaption verfehlt. Über weite Passagen ist „The Tree" Dawns Geschichte, um Simones Position schert sie sich erstaunlich wenig. In der Theorie mag Simones Widerborstigkeit nachvollziehbar sein. Sie hat ja ihren Feigendaddy und sieht keinen Grund, ihn auszutauschen. Für Bertuccelli steht allerdings Dawns Entwicklung im Mittelpunkt. Hier trifft sie den richtigen Ton, wenn die trauernde Witwe mit George lernt, wieder Frau zu sein und das Leben zu genießen. Bloß – dabei steht ihre Tochter im Weg. Oft und lautstark. So gerät Simone erst zum Hindernis, dann sogar zum Ärgernis.

Und das umso mehr, als dass Bertuccelli ihr Formulierungen in den Mund legt, an denen jeder Kinderdarsteller scheitern muss. Morgana Davies spielt engagiert, über altkluge Sätze der Marke „Ich hatte die Wahl, glücklich oder unglücklich zu sein – also entschied ich mich für das Glück!" muss sie aber zwangsläufig stolpern. So gerät „The Tree" zum ermüdenden Tauziehen um den Vater im Geäst. Und der lässt sich nicht lumpen. Äste brechen ins Schlafzimmer der neu verliebten Dawn, Wurzeln reißen die Strom- und Wasseranlagen des Hauses auf. Schlussendlich ist das Gewächs so instabil, dass es das fragile Haus jederzeit unter sich begraben könnte. Ist Peter tatsächlich ein so zorniger Blattgeist, dass er seiner Familie das Weiterleben nicht gestatten will?

Ob „The Tree" übernatürliche Elemente beinhaltet, darf das Publikum selbst entscheiden. Angedeutet wird vieles, festgezurrt nichts. Denn der Baum soll als Metapher taugen, nicht als absurder Protagonist einer Gruselgeschichte. Gruselig ist höchstens Dawns kuschelige Nachtruhe mit den über das Ehebett gestürzten Ästen – ein Schelm, wer hier an die berüchtigte Baumsequenz aus Sam Raimis Kultstreifen „Tanz der Teufel" denkt. Wenn dann der Neue anrückt, um den Alten zu fällen, ist damit alles gesagt, was Bertuccelli zu Dawns Trauerarbeit zu sagen hat - wesentlich weniger als Lars von Trier, der für seine ganz andere Variante einer Verlustgeschichte, „Antichrist", sicher auch gerne sieben Minuten Applaus eingeheimst hätte. Charlotte Gainsbourg und einen außergewöhnlichen Baum gab es da bereits lange vor „The Tree". Aber gelegentlich sind eben auch die Wege des Cannes-Publikums unergründlich.
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