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Centurion
Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
3,5
gut
Centurion
Von Jan Hamm
Wenn es eine Konstante in der Rezeption historischer Filmstoffe gibt, dann die zuweilen geradezu pedantische Abtastung auf historische Korrektheit. Das ist bemerkenswert, denn weder ist Geschichte ein untrüglicher Faktenkatalog, noch ist das Kino als Projektionsfläche des Phantastischen in der Pflicht, historischer Allgemein- und Scheinbildung Folge zu leisten. In diesem Sinne musste Quentin Tarantinos „Inglourious Basterds" als längst überfälliges Manifest verstanden werden: Film hat Narrenfreiheit, darf Geschichte umschreiben – mindestens aber ihre Leerstellen ausfüllen. Eine solche Leerstelle ist das Verschwinden der Legio IX Hispana; besser bekannt als die im ersten Jahrhundert in Britannien stationierte Neunte Legion. Von Pikten abgeschlachtet, sagen die einen. In den mittleren Osten abgegangen, sagen die anderen. Genau würden wir diese Geschichte nie kennen, scheint Neil Marshall mit „Centurion" zu spotten – erzählt werden müsse sie trotzdem. Dabei ist ein so pointierter wie deftiger Historien-Actioner herausgekommen, der zwar nicht ganz an den unterhaltsamen Irrsinn des postapokalyptischen Vorgängers „Doomsday" anknüpfen kann, den Briten aber dennoch einmal mehr als einen der besten Genre-Handwerker dieser Tage ausweist.

Wir schreiben das Jahr 117 nach Christus: Nördlich von York ist nichts, aber auch rein garnichts von den Römern besetzt. Gegen die keltische Guerilla sind die Heere des britischen Governors Agricola (Paul Freeman) machtlos. Kurz bevor der erste Stein des Hadrianswall gelegt wird, schickt er die neunte Legion unter Titus Flavius Virilius (Dominic West) gegen den Kriegsherren Gorlacon (Ulrich Thomsen) ins Feld. Dann kommt es zur Katastrophe: Die adoptierte Kundschafterin Etain (Olga Kurylenko) verrät das Heer an ihre Landsmänner, bloß sieben Legionäre überleben das folgende Blutbad. Die Flucht gen Süden steht für Zenturio Quintus Dias (Michael Fassbender) allerdings nicht zur Debatte, solange Virilius in Gorlacons Gefangenschaft schmort. Als das Rettungsmanöver in einem weiteren Desaster endet, erhält Dias einen letzten Auftrag: Er soll die Überlebenden durch die Wildnis führen, zurück zur Front und in den Ruhestand. Doch Etain hat ihre Fährte bereits aufgenommen...

Innovationspreise wird Neil Marshall nicht ernten, solange er von Film zu Film die gleiche Geschichte erzählt: Schon in „The Descent" und „Doomsday" ging es um schlagfertige Truppen, die sich hinter feindlichen Linien wiederfinden und nach einem harten Überlebenskampf realisieren, dass sie große Konflikte nicht entscheiden, sondern sich bloß daraus zurückziehen können. Es ist bemerkenswert, wie clever Marshall diese Prämisse ein ums andere Mal variiert und den Vorwurf der Redundanz damit spielerisch auskontert. Wo „The Descent" als rabiate Emanzipationsmär im Gewand eines Monsterschockers überzeugte und „Doomsday" zwischen Hightech-Horror, „Mad Max" und Mittelalter gleich ein halbes Dutzend dystopische Entwürfe vereinte, sattelt Marshall mit „Centurion" thematisch erneut um.

Mag der Antike-Thriller auch um bloß wenige Milliliter CGI-Blut harmloser als seine Vorgänger im Geiste sein, hat die Gewalt hier doch einen anderen Kontext. Die Pikten sind Figuren, deren Motivation gar emotional greifbarer als die der römischen Invasoren ist. Die notwendige Sympathieverteilung geht dank skizzenhafter aber effektiver Charakterisierung dennoch auf. Olga Kurylenko gibt ihre stumme Fährtenleserin als mysteriösen Rachedämon, der mit keiner List abzuschütteln ist und so immer bedrohlicher wirkt. Michael Fassbenders natürliches Charisma hingegen ermöglicht eine unkomplizierte Identifikation - wenngleich seine Schauspielmuskeln hier anders als in „Hunger" oder „Fish Tank" kaum gefordert werden.

So schlägt „Centurion" ambivalente Zwischentöne an, ohne dass die unmittelbare Spannung der angenehm physischen und nahezu frei von CGI-Effekten inszenierten Verfolgungsjagd darunter leiden würde. Einzig Marshalls pflichtbewusste Verneigung vor dieser einen, reichlich staubigen Genre-Regel nimmt dem wüsten Treiben phasenweise jeglichen Antrieb: Das Zehn-kleine-Römerlein-Prinzip. Während also schön der Reihe nach entsetzlich uninteressante Nebenfiguren abtreten, bleibt immerhin Zeit, Kameramann Sam McCurdys wuchtige Schottland-Panoramen zu genießen. Ganz und garnicht trivial ist allerdings die Schlusspointe, mit der Marshall dem fragwürdigen Anspruch historischer Korrektheit gehörig vors Schienbein tritt: Wo die Neunte Legion tatsächlich abgeblieben ist, wissen wir zwar immernoch nicht – wohl aber, warum wir es nicht wissen.
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