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Four Lions
Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
4,0
stark
Four Lions
Von Jens Hamp
Darf man über Terroristen lachen? Wenn es nach dem CSU-Bundestagsabgeordneten Stephan Mayer geht, sollte man von derartigen Witzen eher die Finger lassen. Unlängst forderte der Bayer deshalb, die britische Satire „Four Lions" nicht in den deutschen Kinos zu zeigen. Aufgrund der aktuellen Terrorgefahr könne Christopher Morris‘ mehrfach ausgezeichnetes Regiedebüt unnötig Öl ins Feuer gießen und so zu einer Eskalation der angespannten Situation führen. Ob Herr Mayer den Film bereits gesehen hat, ist den öffentlichen Statements nicht zu entnehmen. Es darf allerdings stark bezweifelt werden. Denn „Four Lions" macht sich keineswegs über Muslime lustig und dürfte demnach weniger Konfliktpotential als befürchtet enthalten. Was Morris hingegen abliefert, ist eine pechschwarze Satire, die zu guter Letzt auch der Gesellschaft entlarvend den Spiegel vorhält und aufzeigt, dass die geschürte Angst völlig fehlgeleitet ist und seitens der Staatsgewalt mit geradezu absurden Methoden bekämpft wird.

Omar (Riz Ahmed) will zum Selbstmordattentäter werden. Sonderlich religiös ist der in Sheffield lebende Pakistani nicht, er hat sich mit seiner Familie auch gut in der britischen Gesellschaft integriert – aber er will halt etwas bewegen. Ein Aufenthalt in einem Terrortrainingscamp wird für ihn und seinen Freund Waj (Kayvan Novak) allerdings zu einem Desaster. Dank eines „kleinen" Bazooka-Missgeschicks fliegen die Möchtegern-Terroristen im hohen Bogen aus der Al-Qaida. Doch von dieser Schmach erzählen sie ihren in der Heimat gebliebenen Terrorfreunden nicht. Barry (Nigel Lindsay) und Fessal (Adeel Akhtar) wird kurzerhand aufgetischt, dass man auserwählt sei. Jetzt müssen nur noch die letzten Vorbereitungen getroffen und ein geeignetes Ziel aufgetan werden...

Christopher Morris führte seinen Film bereits in New York und in Großbritannien auf – der Aufschrei hielt sich jedoch in Grenzen. Einzig eine Hinterbliebenengruppe der Opfer der Terroranschläge auf die Londoner U-Bahn empfand den Zeitpunkt für eine Satire als zu früh. Ein Argument, dass durchaus zutreffend ist. Denn der kostümierte Bombenanschlag auf den London-Marathon weist durchaus kleinere Parallel zu den U-Bahn-Explosionen auf. Insbesondere wenn ein Polizist im Finale einen Unbeteiligten erschießt, fühlt man sich unweigerlich an Jean Charles de Menezes erinnert. Der in der britischen Hauptstadt lebende Brasilianer wurde wenige Tage nach den Anschlägen mit einem Tatverdächtigen verwechselt und durch die Polizei mit mehreren Kopfschüssen getötet. Dies sind Momente, in denen einem das Lachen wahrlich im Halse stecken bleibt.

Allerdings möchte der britische Regiedebütant mit seiner pechschwarzen Satire keine Betroffenen verletzten. Nach eigenen Aussagen wollte Morris‘ vielmehr eine typische Terroristengruppe darstellen. Seiner Auffassung nach findet man in selbigen nur in den wenigsten Fällen kriegerische Genies. Der überwiegende Teil sind schlichtweg politisch verbohrte Amateure, deren Tatausführung vom Zufall abhängt. Diese trottelige Charakterisierung wird insbesondere im Hinblick auf die Angst der Schmalspur-Terroristen vor Überwachung herrlich ausgespielt. Bevor SIM-Karten verspeist werden, wird nachgefragt, ob man diese nicht auch vorher noch schnell kochen könnte. Fessal will bei einem Probe-Bekennervideo – auch aufgrund einer religiösen Fehlinformation - sein Gesicht nicht zeigen und zieht sich daher einen Karton über den Kopf. Selbst das Entladen eines Autos wird bei diesen Chaoten zu einem Ereignis: Um nicht von den Satelliten-Überwachungskameras aufgenommen zu werden, laufen sie kopfschüttelnd umher. Schließlich können verschwommene Bilder nicht zu Beweiszwecken herangezogen werden.

Christopher Morris, der das Drehbuch in Zusammenarbeit mit Jesse Armstrong, Sam Bain und Simon Blackwell (Armstrong und Blackwell waren bereits für die grandiose Polit-Satire „Kabinett außer Kontrolle" verantwortlich) verfasste, setzt sich jedoch nicht nur auf derartig leichtfüßige Art und Weise mit der Terrorismusthematik auseinander. Insbesondere Omars Charakter und dessen privates Umfeld werden für zahlreiche Pointen, die mit den westlichen Angstvorstellungen spielen, genutzt. Von außen betrachtet ist Omars Familienleben den britischen Umständen angepasst. Die Drehbuchautoren zaubern immer wieder hochgradig absurde Szenen in die Wohnräume der glücklichen Familie. Die als Krankenschwester arbeitende Sophia (Preeya Kalidas) unterstützt ihren Mann, wo sie nur kann. Als dieser an seinen Attentatsplänen zweifelt, ermutigt sie ihn unmissverständlich: „Du warst viel besser drauf, als du noch vorhattest, dich in die Luft zu sprengen." Selbst der Sohnemann wird zum verständigen Mitwisser, wenn ihm Omar abends den „König der Löwen" als Gute-Nacht-Geschichte mit Simba als Märtyrer erzählt.

Diese perfiden Witze werden mit Omars Bruder schließlich auf die Spitze getrieben. Selbiger lebt abgeschottet und zufrieden in seiner strenggläubigen Welt. Als er von dem geplanten Attentat erfährt, versucht er die vier Trottel von ihren Plänen abzubringen. Letzten Endes siegt aber die stumpfsinnige Engstirnigkeit der ermittelnden Polizei. Bei einer Razzia werden nicht die trotteligen „Four Lions", sondern die Gruppe Strenggläubiger verhaftet. Denn rein äußerlich passen diese viel besser in das Bild, das unter Nicht-Muslimen als das eines klassischen Terroristen propagiert wird.

Fazit: „Four Lions" provoziert gerne und schlägt mit seinen bösartigen Pointen immer wieder über die Stränge. Aber Regisseur Christopher Morris macht sich nicht platt über Selbstmordattentäter lustig, sondern hält einer durch die ständige Angst vor willkürlichen Terroranschlägen pervertierten Gesellschaft einfach einen Spiegel vor – kein schöner, aber dafür ein urkomischer Anblick!
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