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Ich sehe den Mann Deiner Träume
Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
3,5
gut
Ich sehe den Mann Deiner Träume
Von Carsten Baumgardt
Bei der Pressekonferenz der 63. Filmfestspiele von Cannes, wo seine Komödie „Ich sehe den Mann deiner Träume" im Wettbewerb außer Konkurrenz läuft, wurde Woody Allen gefragt, warum er denn nur noch so selten auf der Leinwand zu sehen sei. Die Antwort: „Ich will immer den romantischen Helden spielen, der am Ende die schöne Frau kriegt. Aber mittlerweile bin ich einfach zu alt dafür. Es macht keinen Spaß mehr." Was auf den ersten Blick plausibel klingt, ist bei näherer Betrachtung pure Ironie, denn in „Ich sehe den Mann deiner Träume" übernimmt diesen traditionellen Allen-Part Anthony Hopkins. Der Waliser ist Jahrgang 1937 - und somit gerade einmal zwei Jahre jünger als der Meister selbst. Diese Ironie passt zu Allens 41. Film, einem der zynischsten im Schaffen des New Yorkers. Der ewige Stadtneurotiker lässt seiner pessimistischen Weltsicht in der pointierten Komödie, die vor allem durch das starke Ensemble überzeugt, einmal mehr freien Lauf.

Eines Tages überkommt den reichen Pensionär Alfie (Anthony Hopkins) das Gefühlt von Panik. Seine gleichaltrige Frau Helena (Gemma Jones) redet ihm ständig ein, alt zu sein, was ihn deprimiert. Er zieht die Konsequenzen und lässt sich nach 40 Ehejahren scheiden. Er will sich fortan wie 35 fühlen, heiratet das junge Dummchen Charmaine (Lucy Punch) und plant, im Londoner Luxusapartment das Leben zu genießen. Aber das schafft auch Probleme. Helena überschreibt ihr Seelenheil derweil an die windige Profiwahrsagerin Cristal (Pauline Collins), die mit ihren Vorhersagen in der Folge das Tun der Geschassten bestimmt. Deren Tochter Sally (Naomi Watts) stört sich nicht daran, Hauptsache, ihrer Mutter geht es wieder besser. Sally hat selbst genug um die Ohren, sie muss als Assistentin des Galeriebesitzers Greg (Antonio Banderas) das Geld ranschaffen, weil ihr Mann Roy (Josh Brolin) nach einem Erstlingserfolg keinen seiner weiteren Romane mehr an einen Verlag bringen kann. Er ist genervt von seinem Misserfolg, von seiner Schwiegermutter und von der Gesamtsituation. Sein einziger Lichtblick ist die neu eingezogene Nachbarin Dia (Freida Pinto), der er leidenschaftlich gern beim Gitarre spielen zusieht.

Immer wieder Ironie. Schon der Originaltitel „You Will Meet A Tall Dark Stranger" ist augenzwinkernd doppeldeutig: Zum einen greift Allen damit eine Äußerung von Josh Brolins Charakter Roy auf, der seiner von der Wahrsagerei besessenen männersuchenden Schwiegermutter in spöttischer Nachahmung des typischen Hellseher-Duktus prophezeit, sie werde einen „Tall Dark Stranger" treffen. Zugleich deutet der Titel aber auch die Entwicklung der Figuren im Verlauf des Films an, die alle der dunklen Seite ihrer Seele ins Auge blicken müssen. Jeder Charakter sehnt sich nach Abwechslung oder Neubeginn. Aber Veränderungen müssen nicht immer gut sein, denn eigentlich kann nur der simple Tor zur Glückseligkeit finden - das ist Woody Allens zynischer Kommentar zu unserer Welt, wie er sie wahrnimmt. Diesen für ihn so typischen Reigen inszeniert er trotz der schwergewichtigen Themen wie Ehe- und Lebenskrisen, Betrug, Verrat und Verzweiflung als leichte, beschwingte Komödie, die er nach „Match Point", „Scoop" und „Cassandras Traum" wieder in London ansiedelt, und sorgt mit scharfem Dialogwitz für Kurzweil und Pointen.

Woody Allens Filme spielen fast ausschließlich in einem ganz eigenen Kosmos, der Filmemacher verwendet dazu immer wieder die gleichen Zutaten und Motive. Auch diesmal entführt er uns in das Milieu der Reichen, porträtiert mit einigem Spott die Kunst- und Kulturszene und filmt mit Vergnügen wunderschöne Frauen. Wie die meisten Woody-Allen-Filme ist auch „Ich sehe den Mann deiner Träume" leicht als Werk des Meisters wiederzuerkennen, aber der Autor und Regisseur nutzt seine Sonderstellung auch dazu, vorgefertigte Bahnen zu verlassen und konsequent boshafte Ideen durchzusetzen. Mit einer Reputation wie der seinen bekommt Allen zudem bekanntermaßen so gut wie jeden gerade verfügbaren renommierten Schauspieler und berühmten Star. Neben der Ehre, für eine Regielegende zu arbeiten, erhalten die Darsteller mit hoher Wahrscheinlichkeit auch eine lohnende künstlerische Herausforderung und die Gelegenheit, sich auszuzeichnen. Und auch dafür liefert der neueste Streich wieder einige prächtige Beispiele.

Anders als zuletzt „Whatever Works" und „Vicky Cristina Barcelona" ist „Ich sehe den Mann deiner Träume" ein lupenreines Ensemblestück, in dem die gleich sieben Hauptfiguren allesamt auf sie zugeschnittene Szenen und besondere Momente bekommen. Josh Brolin („No Country For Old Men"), der schon in „Melinda und Melinda" eine kleine Rolle hatte, ist als erfolgloser Autor ebenso überzeugend wie Gemma Jones („Harry Potter und der Halbblutprinz") als der Macht der Geister anfällige Helena. Anthony Hopkins („Das Schweigen der Lämmer") gibt den 70-plus-Dandy herrlich gönnerhaft und eingeschüchtert gleichermaßen, Naomi Watts („King Kong") ist als romantisch verwirrte Ehefrau so umwerfend wie Freida Pinto („Slumdog Millionär") charmant und Lucy Punch („Die Girls von St. Trinian") als berechnendes Dummchen amüsant. Nur Antonio Banderas („Irgendwann in Mexico") als Kunsthändler bleibt blass, er hat aber trotzdem einen der besten Momente des Films, wenn er auf Sallys Geständnisse sehr unsicher reagiert und äußerst komisch um den heißen Brei herumredet.

Die Gründe, warum „Ich sehe den Mann deiner Träume" trotz des geballten Lobes „nur" ein guter Film ist, gelten in ähnlicher Weise für viele Werke Woody Allens. Der Regisseur und Autor variiert seine Themen und Inhalte nicht wesentlich. Großartig Neues fördert die Komödie nicht zu Tage. Seine Kritiker werden ihm das wie immer aufs Brot schmieren und alle Vorzüge mit diesem einen Argument für irrelevant erklären. Das wäre jedoch unfair. Allen hat seinen Stil, den zieht er Jahr für Jahr, Film für Film wie ein Uhrwerk durch. Damit ist er kein Massenliebling - vielen geht er ganz im Gegenteil sogar auf die Nerven -, aber seine treue Fangemeinde ist immer wieder froh, in die unverwechselbare Welt des New Yorkers eintauchen zu dürfen und sie wird auch diesmal nicht enttäuscht.

In Cannes wurde Woody Allen gefragt, ob er denn auch 101 Jahre alt werden wolle wie sein Regie-Kollege Manoel de Oliveira, der auf dem Festival 2010 mit „O Estranho Caso de Angélica" ebenfalls persönlich seinen neuesten Film vorstellte und von den Fans gefeiert wurde. „Auf keinen Fall", schoss es aus Allen heraus... um wenig später anzufügen: „Nur wenn ich in diesem Alter auch so fit bin wie er!" Und so schließt sich der ironische Kreis. Wenn Woody Allen weiterhin mit „Ich sehe den Mann deiner Träume" vergleichbare Qualität abliefert, bleibt zu hoffen, dass er im Jahr 2037 seinen dann 68. Film präsentiert – am besten in Cannes, denn dort passt er prima hin...
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