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The Twilight Saga: Eclipse - Bis(s) zum Abendrot
Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
3,0
solide
The Twilight Saga: Eclipse - Bis(s) zum Abendrot
Von Jürgen Armbruster
Das wohl polarisierendste Kino-Phänomen unserer Zeit geht in die nächste Runde. Auf der einen Seite stehen die zumeist weiblichen, die Grenze zur Obsession mitunter überschreitenden Fans, die kein böses Wort über die Liebesgeschichte zwischen einem ewig 17-jährigen Vampir und einem Mädchen aus der Kleinstadt zulassen und dieser vollkommen verfallen sind. In der anderen Ecke hocken die Kritiker – mitunter gar Hasser – die auf keine Gelegenheit verzichten, den vermeintlichen Sexismus und das veraltete Frauenbild anzuprangern oder einfach nur einen spöttischen Kommentar zur Reihe abzugeben. Dazwischen gibt es nicht viel. Die Rede ist natürlich von „Twilight". Love it or hate it. Daran wird auch „Eclipse – Biss zum Abendrot", der von David Slade inszenierte dritte Teil der Fantasy-Romanze, nicht viel ändern. Auch wenn hier zum ersten Mal – zumindest theoretisch – eine breitere Publikumsschicht angesprochen wird.

Wir erinnern uns: Am Ende des Vorgängers „New Moon" hat Vampir Edward (Robert Pattinson) seiner Bella (Kristen Stewart) einen Heiratsantrag gemacht. „Eclipse" knüpft nahtlos an diese Geschehnisse an. Doch der unerwartete Vorstoß entpuppt sich schnell als das kleinste Problem Bellas. In Seattle grassiert eine rätselhafte Mordserie wie eine Epidemie. Während die örtlichen Behörden im Dunkeln tappen, haben die Cullens um Familienoberhaupt Carlisle (Peter Facinelli) und Hellseherin Alice (Ashley Greene) die Handschrift längst erkannt: Nur eine schnell wachsende Gruppe von neugeborenen Vampiren kann für die Todesfälle verantwortlich sein. Jemand züchtet offensichtlich eine Armee von Vampiren heran. Doch wer? Und zu welchem Zweck? Der mächtige Vampir-Clan der Volturi, der Bellas menschliches Leben nach den Geschehnissen des vergangenen Jahres nur unter der Bedingung verschonte, dass Edward sie in einen Vampir verwandelt und nun die Geduld verloren hat? Oder vielleicht doch Victoria (Bryce Dallas Howard), die nach dem Tod ihres Partners James (Cam Gigandet) noch immer auf Rache an Bella sinnt? Sicher ist nur eines: Die Cullens werden nicht in der Lage sein, das Städtchen Forks verteidigen zu können, sollte sich die Armee der Neugeborenen zum Angriff entscheiden. Es gibt nur einen Ausweg: ein Pakt mit dem Indianerstamm der Quileute und deren Werwolfrudel um Bellas besten Freund Jakob Black (Taylor Lautner)...

Es gibt kaum ein leichteres Ziel als „Twilight", um mal eben einen schnellen Witz zu reißen. So existieren beispielsweise Überlieferungen von Männer-Videoabenden, bei denen „New Moon" für ein Trinkspiel missbraucht wurde: Für jeden entblößten Männeroberkörper wird ein Schnaps serviert – Gewinner ist, wer am längsten durchhält. Es ist durchaus erfrischend, dass „Eclipse" dieses der Reihe anhaftende Image mit einem Augenzwinkern aufgreift. Nun darf Edward seinem Widersacher um die Gunst Bellas auch einmal ein mürrisches „Hast Du eigentlich kein T-Shirt?" um die Ohren hauen. Auch mit den weit verbreiteten Vorwürfen des Sexismus‘ und dem Steinzeit-Frauenbild, mit dem sich die „Twilight"-Autorin Stephenie Meyer immer wieder konfrontiert sieht, wird in „Eclipse" offensiv umgegangen. Kein Sex? Das liegt in einer Szene vor allem am zugeknöpften Mann – bzw. am altmodischen, da über 100 Jahre alten Vampir. In „Eclipse" zeigen die „Twilight"-Macher durchaus die Fähigkeit zur Selbstkritik und Selbstironie. Nur mit der inhaltlichen Kritik an der „Twilight"-Reihe ist es so eine Sache. Der Ansatz von Stephenie Meyer ist bekannt. Bei jedem ihrer „Twilight"-Romane sind die Hauptmotive aus einem Klassiker der Weltliteratur entliehen. Bei „Twilight" war das Vorbild Jane Austens „Stolz und Vorurteil", bei „New Moon" Shakespeares „Romeo und Julia", und bei „Eclipse" muss nun Emily Brontës „Sturmhöhe" herhalten. Aus dem Dreieck Edgar/Cathrine/Heathcliff wird der Triangel Edward/Bella/Jakob. In einer Szene des Films bekommt „Sturmhöhe" sogar ein direktes Zitat zugewiesen. Natürlich wird die Komplexität der Vorlage Meyers in keiner Phase erreicht. Hauptmotive und Grundidee sind jedoch identisch und in Anbetracht des Erfolgs verdient ihr Ansatz zumindest vor diesem Hintergrund Respekt.

Auch bei „Eclipse" wurde auf dem Regieposten erneut ein Wechsel vollzogen. Nach der Geschichtenerzählerin Catherine Hardwicke („Twilight") und dem Handwerker Chris Weitz („New Moon") darf nun der Brite David Slade („Hard Candy") ran. Ausgerechnet jener David Slade, der mit „30 Days of Night" zuletzt einen der besseren und vor allem brutaleren Genrebeiträge zum Thema Vampirfilm abgeliefert hat (inklusive der Enthauptung eines Kindes in der ungekürzten Originalfassung), soll nun der „Twilight"-Reihe frischen Wind einhauchen? Diese Rechnung geht nur bedingt auf. Vor allem während des ungewöhnlich beklemmenden Prologs darf sich Slade munter selbst zitieren und aufzeigen, dass er ein richtig Guter ist. Wer allerdings glaubt, dass David Slade im Folgenden richtig losgelassen wird, der irrt. Die Romanvorlage hätte es zwar durchaus hergegeben (in der finalen Schlacht werden im Roman mitunter abgetrennte Gliedmaßen als Waffen missbraucht), aber Slade hält sich in der Folgezeit dennoch merklich mit Gemetzel zurück. Zwar ist „Eclipse" sicherlich der härteste aller „Twilight"-Teile, jedoch hat Slade logischerweise keinen Film abgeliefert, der vollkommen am Zielpublikum vorbei geht. Und dennoch: „Eclipse" macht einige Dinge, die auch ein breites Publikum ansprechen sollten. Dazu gehört beispielsweise, dass damit begonnen wird, den Vampiren des Cullen-Clans durch vereinzelte, durchaus tragische Rückblenden eine Hintergrund-Geschichte zu verleihen. Die Charaktere werden dadurch greifbarer und bekommen mehr Substanz. Dennoch steht auch „Eclipse" natürlich zu jeder Zeit die Liebesgeschichte im Vordergrund – alles andere sind Nebengeräusche.

Das große Problem von „Eclipse" ist weder David Slade und auch nicht die eigentliche Romanvorlage. Die „Twilight"-Reihe wird erstmals von dem Phänomen befallen, an dem auch das „Harry Potter"-Franchise leidet. Im Stakkato-Stil werden Versatzstücke aus der Vorlage abgearbeitet, ohne dem Zuschauer die Gelegenheit zur Erholung zu gönnen. Dadurch reiht sich entweder ein bedeutungsschwangerer Dialog an den nächsten (was den Kitsch-Faktor in die Höhe schnellen lässt) oder der Film wirkt gehetzt. So war die Highschool-Abschlussfeier in dieser Form für die Handlung des Films sicherlich nicht notwendig. Aber Anna Kendrick ist nach ihrer Oscar-nominierten Offenbarung in „Up in the Air" eben momentan eine ganz große Nummer. Also braucht auch sie noch ihren veritablen Auftritt. Im Roman stören diese Szenen nicht weiter. Schließlich vergeht hier genug Zeit zwischen den jeweiligen Einzelszenen. Der Film leidet jedoch spürbar unter dieser phasenweisen sturen Abarbeitung von Schlüsselszenen der Romanvorlage.

Nein, es ist derzeit sicherlich nicht einfach, in der Haut von Robert Pattinson, Kristen Stewart oder Taylor Lautner zu stecken. Als Hauptdarsteller des derzeit wohl größten Blockbuster-Phänomens neben „Harry Potter" brauchen die drei jungen Darsteller schon ein mächtig dickes Fell. Kristen Stewart geht über die Straße? Ihre Fans verfolgen sie ohne Rücksicht auf die eigene Gesundheit... Taylor Lautner checkt am Flughafen von Los Angeles ein? Der örtliche Sicherheitsdienst erhöht vorsorglich das eingesetzte Personal am betreffenden Terminal... Robert Pattinson putzt sich die Nase? Paparazzos halten mit dem Teleobjektiv voll drauf und seine Jünger prügeln sich um das entsorgte Papiertaschentuch... Und vielleicht ist es genau diesem Wahnsinn geschuldet, dass Pattinson unlängst öffentlich das Bekenntnis abgab, er habe eine Vagina-Allergie. Wer weiß das schon. Fakt ist jedoch, dass sich Pattinson, Stewart und Lautner bei dem ganzen Irrsinn um sie herum eine mediale Leidensfähigkeit aneignen mussten – ob sie wirklich das Talent haben, sich langfristig in der ersten Liga Hollywoods zu etablieren, steht hingegen auf einem ganz anderen Blatt. Zumindest bei Lautner darf dies leise angezweifelt werden. Und dennoch: In Anbetracht der anvisierten Zielgruppe scheint ihr Star-Appeal für den Moment vollkommen auszureichen, um die Filme der „Twilight"-Reihe zu tragen. Ansonsten gibt es an der Darstellerfront nichts Neues. Das versammelte Ensemble ist solide wie eh und je – mit Ausreißern nach oben wie unten. Aber wer eine Anna Kendrick schon vor ihrem großen Durchbruch entdeckt oder eine Bryce Dallas Howard („The Village", „Manderlay") als Ersatz für die Rolle der Victoria an Stelle der wegen Terminkonflikten ausgeschiedene Rachelle Lefevre („Boston Legal") aus dem Hut zaubern kann, der hat beim Casting-Prozess sicherlich nicht allzu viel falsch gemacht.

Fazit: David Slade versucht in „Eclipse" einige neue Dinge, die durchaus funktionieren und die „Twilight"-Reihe voran bringen. Allerdings begeht er andererseits auch Fehler, die seine Vorgänger Catherine Hardwicke und Chris Weitz vermeiden konnten. Doch letztlich kommt es nur auf eines an: „Twilight" bleibt „Twilight".
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