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    Fish Tank
    Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
    3,5
    gut
    Fish Tank
    Von Ulf Lepelmeier
    Regisseurin Andrea Arnold scheint dem glücklichen Kreis jener anzugehören, denen Fortuna stets wohlgesonnen ist. Mit ihrem 26-minütigen Film „Wasp“ gewann sie 2004 den Kurzfilm-Oscar, ihren ersten Spielfilm „Red Road“ brachte sie 2006 im renommierten Wettbewerb in Cannes unter und nahm dafür gleich noch den Preis der Jury in Empfang. Für ihren zweiten Langfilm „Fish Tank“ durfte sie nun erneut an der Croisette den gleichen Preis in Empfang nehmen. In den Filmen der britischen Regisseurin geht es stets um wirtschaftlich gebeutelte Existenzen, die apathisch oder zornig ihr Leben in britischen Sozialbaugegenden fristen und voller Sehnsucht darauf warten, dass das Glück endlich auch einmal bei ihnen anklopft. Im Coming-of-Age- Drama „Fish Tank“ erzählt Andrea Arnold vom trostlosen Vorstadtalltag der wütenden Mia, die sich mit allem und jedem anlegt, aber eigentlich nur nach ihrem Platz im Leben und etwas Geborgenheit sucht. Mit einer grandios in ihrer Rolle aufgehenden Hauptdarstellerin und einem nahezu naturalistischen Regiestil entwickelt sich ein Sozialporträt, das so rau, grausam und gleichzeitig spannend wie die ungeliebten Teenagerjahre selbst daherkommt.

    In Essex, östlich von London, liefert sich die unerschrockene 15-jährige Mia (Katie Jarvis) in einer düsteren Sozialwohnung deftige Wortgefechte mit ihrer verwahrlosten Mutter Joanne (Kierston Wareing) und ihrer nervigen kleinen Schwester Tyler (Rebecca Griffiths). Aber auch außerhalb des ungemütlichen Zuhauses lebt der Teenager seine Wut auf die Welt verbal und mit den Fäusten aus. Einzig für das Tanzen kann sich Mia wirklich begeistern. Eines Morgens steht der gutaussehende Connor (Michael Fassbender) in der Küche und bringt frischen Wind in die Bude. Mia bewundert den sympathischen neuen Freund ihrer Mutter vom ersten Augenblick an und auch Tyler schließt ihn schnell ins Herz. Doch Mias Schwärmerei für Connor hat schon bald ungeahnte Folgen...

    Regisseurin Andrea Arnold versetzt ihr Publikum ganz und gar in die Perspektive ihrer von Aggressionen getriebenen Protagonistin, indem sie Mia mit sensibler Kameraführung unablässig folgt und ihr in jeder einzelnen Szene Präsenz verschafft. Dabei wandelt Arnold mit ihrer genauen Betrachtung des Teenagerlebens und der Situation in dem Sozialbaugürtel um London auf den Pfaden von Ken Loach (Sweet Sixteen, It`s A Free World) und Mike Leigh (Lügen und Geheimnisse, All Or Nothing). Sie präsentiert bitteren britischen Sozialrealismus aus dem Blickwinkel von kajalgeschwärzten Mädchenaugen, die keine wirkliche Zukunftsperspektive mehr erkennen können.

    Gleich zu Beginn gibt die Regisseurin dem Zuschauer erst einmal eine volle Breitseite britischen Gegenwartselends zu verdauen. Mit der fernsehsüchtigen kleinen Tyler, der ihren Frust mit Fluchtiraden und Gewaltausbrüchen Ausdruck verleihenden Mia und der alleinstehenden Mutter, die lieber in kurzen Röcken umherstolziert und Männer aufgabelt, als ihrer Versorgerrolle gerecht zu werden, schafft Arnold ein mitunter klischeebeladenes, aber sich dennoch äußerst realistisch anfühlendes Proletariatsszenario. Neben der ungeschönten Inszenierung, der Sentimentalität und Moralisierung fremd sind, trägt dabei auch die Musikauswahl inklusive Songs wie „Life’s A Bitch“ oder „California Dreamin‘“ zur eindinglichen Wucht des Films bei, dem nur im Mittelteil der kämpferische Elan bisweilen etwas abhanden kommt.

    Es sind vor allem die darstellerischen Leistungen, die „Fish Tank“ sehenswert machen und den ruppigen Figuren einen hohen Grad an Authentizität verleihen. Kierston Wareing („It‘s A Free World“) als junge Mutter verachtet man in der einen Szene aufgrund ihrer Gefühlskälte und ihres lieblosen Verhaltens, um sie in der nächsten wegen ihrer Situation wieder zu bemitleiden. In einer Schlüsselsequenz, in der sie zusammen mit Mia und Tyler zu Hip-Hop-Beats tanzt, wird deutlich, dass sie eben doch etwas für ihre beiden Mädchen empfindet. Worte führen in dieser Familie zwangsläufig zu Beleidigungen, aber in den sprachlosen Minuten der gemeinsamen Bewegungen kann die Mutter ihre Gefühle endlich einmal zum Ausdruck bringen. Auch Shootingstar Michael Fassbender (Hunger, Inglourious Basterds, 300) gibt als angehimmelter Connor, dem das Richten der familiären Strukturen ein Anliegen zu sein scheint, eine gute Figur ab. Er legt den Freund der Mutter als kumpelige Vaterfigur an, die den Reizen des verliebten Mädchens immer mehr zu verfallen droht.

    Die Schauspieldebütantin Katie Javis, die der Regisseurin auf einem Bahnhof beim Streit mit ihrem Freund auffiel, verkörpert die ungestüme Mia wahrlich mit Haut und Haaren. Die widersprüchlichen Seiten des Teenagers, der sich mit roher Wut sowie unbändigem Willen durch die Wirren der Pubertät strauchelt, lebt die 18-Jährige vor der Kamera förmlich aus. Zugleich lässt sie aber auch Mias Unsicherheit, Verletzlichkeit und Naivität durchscheinen, die sie hinter ihrer verletzenden und beleidigenden Art zu verstecken versucht. Umso spannender erweist es sich dann auch, ihre ersten Gefühlsverwirrungen zu beobachten, die sich beim Zusammentreffen mit dem Freund ihrer Mutter einstellen, der als einziger wirkliches Verständnis für sie aufzubringen scheint.

    Fazit: „Fish Tank“ ist sowohl Sozialstudie als auch Coming-of-Age-Drama und lebt vom authentischen und kraftvollen Spiel seiner Hauptdarstellerin Katie Javis sowie der auf das Gefühlschaos des Teenagers fokussierten Inszenierung. Andrea Arnold konzentriert sich ganz auf den Wahrnehmungshorizont ihrer jungen Protagonistin und macht Mias steinigen Weg in die Welt der Erwachsenen zu einem sehenswerten Stück britischen Realitätskinos.
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