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    True Grit
    Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
    4,0
    stark
    True Grit
    Von Michael Smosarski
    Mit fast jedem ihrer Filme haben sich die Brüder Joel und Ethan Coen ein weiteres Denkmal gebaut und zugleich die Messlatte gefährlich hoch gehängt. Für herausragende Leistungen wird man schließlich nicht nur gefeiert, man wird auch an ihnen gemessen. So stellt sich jedes Mal aufs Neue die Frage: Ist der aktuelle Coen so herrlich überdreht wie „The Big Lebowski"? Ist der Humor so schwarz wie in „Fargo"? Angesichts solcher Referenzen kann ein eigentlich solider Film wie „The Ladykillers" auch schnell mal als gescheitert gewertet werden. Auch bei „True Grit", einem Remake des Henry-Hathaway-Westerns „Der Marshal" mit John Wayne, sind konkrete Vergleichspunkte im Gesamtwerk der Coens schnell ausgemacht - schließlich hat das Regie-Gespann erst kürzlich mit „No Country For Old Men" bereits einen denkwürdigen Neo-Western-Entwurf vorgelegt und auch der Hillbilly-Genremix „O Brother, Where Art Thou?" spielte bereits - zumindest was Setting und Outlaw-Story angeht - mit Westernelementen. Angesichts dieser gelungenen Beispiele stellt sich noch vor der Frage nach dem qualitativen Vergleich eine andere, fast schon blasphemische: Wäre ein weiterer Coen-Western wirklich nötig gewesen? Ja, denn „True Grit" wählt einen völlig anderen Ansatz, statt ironischer Distanzierung und postmodernem Crossover ist der neueste Streich der Brüder ein lupenreiner Genrebeitrag, eine detailverliebte Hommage klassischer Machart. Lediglich der Subtext unterminiert Westerntraditionen, indem er die moralischen Vorzeichen des Genres ins Gegenteil verkehrt. Satt einer Schwarz-Weiß-Lektion über Moral ist „True Grit" ein trauriger Abgesang auf sicher geglaubte ethische Überzeugungen.

    Die 14-jährige Mattie Ross (Hailee Steinfeld) ist fest entschlossen, Tom Chaney (Josh Brolin), den Mörder ihres Vaters, zu fassen und vor Gericht zu bringen. Weil die Justiz dem Fall aber keine Priorität einräumt, nimmt sie die Sache in die eigene Hand und heuert den versoffenen Marshall Reuben Cogburn (Jeff Bridges) an, um ihr bei der Suche zu helfen. Anfangs wenig begeistert von der Vorstellung, für die Kleine zu arbeiten, lässt er sich letztlich doch von den Verdienstaussichten überzeugen. Auch Texasranger LaBoeuf (Matt Damon) ist wegen des hohen Kopfgeldes daran gelegen, Chaney dingfest zu machen. So begeben sich die drei, angetrieben von vollkommen unterschiedlichen Motiven, auf die Suche nach dem Mörder...

    Schon die Eröffnungsszene macht deutlich, dass „True Grit" im Hinblick auf die ästhetische Grundausrichtung nur bedingt mit „No Country for Old Men" vergleichbar ist: Begleitet von Pianoakzenten erzählt die Off-Stimme der Protagonistin die Vorgeschichte des Films, während sich die Kamera langsam der Leiche von Matties Vater nähert. Die Szene ist warm ausgeleuchtet wie in einer Bühneninszenierung. Statt auf Erzähltempo oder launige Dialoge setzt „True Grit" auf Atmosphäre und Bildgewalt. Entsprechend hervorzuheben ist deshalb auch die fantastische Kameraarbeit von Roger Deakins. Auf dieser aufbauend, gelingt es den Coens, ihrer eigentlich simplen Rachegeschichte von Beginn an eine allegorische Dimension zu verleihen. Ebenso überhöht erscheinen die Figuren, die von ihren Darstellern durchweg überzeugend und charismatisch verkörpert werden.

    Gerade mit Blick auf Jeff Bridges musste man sich fragen, ob es ihm gelingen würde, aus dem langen Schatten des „Dudes" herauszutreten, den er durch seine großartige Leistung in „The Big Lebowski" selbst zur kultigsten Figur des Coen'schen Oeuvres gemacht hat. Obwohl Bridges in der Rolle des Reuben „Rooster" Cogburn wieder einen bärtigen Säufer verkörpert, ist seine Interpretation des einäugigen Raubeins aber kompromisslos genug, um ihn als eigenen Charakter klar abzusetzen. Schwankend und grenzwertig nuschelnd setzt Bridges mit seiner Performance einen Glanzpunkt von „True Grit". Ihm gleichwertig ist Hailee Steinfeld als frühreife Mattie. Dabei hätte die Idee, ein 14-jähriges Mädchen als knallharte Geschäftsfrau und Kämpferin für Gerechtigkeit zu verkaufen, auch locker als typisch ironischer Coen-Einfall durchgehen können. Tatsächlich sorgt Mattie für ein paar Lacher, allerdings nicht auf ihre Kosten. Das liegt vor allem daran, dass man Steinfeld ihr Alter nicht anmerkt – an keiner Stelle wirkt sie überfordert mit der Aufgabe, eine Erwachsene im Körper eines Kindes zu spielen. Matt Damon hat im Vergleich zu seinen beiden Co-Stars weniger beizutragen, schlägt sich aber dennoch passabel in der Rolle des Sidekicks.

    Trotz des überzeugenden Ensembles wirkt die Suche nach dem Mörder von Matties Vater zwar episch, aber nur selten mitreißend. Das liegt vor allem daran, dass der Antagonist über weite Strecken des Films nur ein Gespenst ist, ein Name, dem der Zuschauer weder Gesicht noch Charakter zuordnen kann. Darin liegt ein weiterer fundamentaler Unterschied zu „No Country for Old Men", der mit Javier Bardem als Killer einen wahrhaft teuflischen Bösewicht aufbieten konnte. Das Fehlen einer starken Gegenfigur zu den Protagonisten ist jedoch kein Versäumnis, sondern ein inszenatorischer Trick, der den Kern des Subtexts offenlegt. Denn ohne das Böse, das es auszuräumen gilt, wird das ritterliche Unternehmen der drei zu einer traurigen Ballade, zu einem Kampf gegen Windmühlen. Als Chaney letztlich erscheint, wirkt er eigentlich kaum bösartiger als etwa Cogburn selbst. Gerade hier setzt der moralische Relativismus der Coens an: Es gibt keine klaren Trennlinien, die Gut und Böse gegeneinander absetzen, und selbst die immer moralische Mattie begibt sich am Ende - ohne hier zu viel verraten zu wollen - in eine Grauzone, die durch die biblische Allegorik der Bildsprache noch unterstrichen wird.

    Von all dem, was man mit Blick auf das Schaffen der Coen-Brüder als stiltypisch bezeichnen würde, findet sich also in ihrem aktuellen Film recht wenig. „True Grit" ist weder boshaft wie „No Country for Old Men" noch lustig wie zuletzt „Burn After Reading". Humor gibt es zwar auch, nur ist er punktuell gesetzt und droht angesichts der Tiefe der Bilder fast am Horizont zu verschwinden. Insofern ist „True Grit" also, obwohl erneut ein Western, in zweierlei Hinsicht doch eine wirkliche Überraschung: Zum einen aufgrund der Ernsthaftigkeit des Films, der zwar die Moralvorstellungen, nicht aber das Regelwerk des Genres verdreht und fast völlig ohne Ironie auskommt. Zum anderen wegen der schlichten Schönheit der Bilder, die vor allem zum Ende hin bei der fiebrigen, nächtlichen Reise durch die Prärie voll zur Geltung kommen. So kann „True Grit" seinem Western-Vorgänger „No Country for Old Men" in mancherlei Hinsicht zwar nicht das Wasser reichen, wird aber ganz sicher trotzdem als Ausnahmewerk im Kosmos der Coen-Brüder nachhaltig im Gedächtnis bleiben.
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