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Tödliche Affären
Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
3,5
gut
Tödliche Affären
Von Florian Koch
Ob Der Schuh des Manitu oder Willkommen bei den Sch’tis. Die größten lokalen Filmhits sind in den meisten Ländern Komödien. Nicht so in Belgien. Dort knackte der wendungsreiche Whodunit-Thriller „Loft“ die alte, von „Koko Flanel“ aufgestellte Besuchermarke. Fast 1,1 Millionen Belgier können nicht irren. Filmemacher Erik van Looy, spätestens seit seinem meisterhaften „The Alzheimer Case“ in seiner Heimat ein gefeierter Regisseur, gelang mit „Loft“ ein spannender, wendungsreicher Krimi voller Fallstricke für seine Charaktere und Zuschauer. Vor der Kamera wurde die erste Garde an belgischen Spitzendarstellern verpflichten, die sich ganz nach dem Die üblichen Verdächtigen-Prinzip ein packendes Belauerungsduell liefern.

Luc Seynaeve (Bruno Vanden Broecke) teilt mit seinen vier Freunden ein bittersüßes Geheimnis. Die Männer haben sich ein Designerloft gemietet, von dessen Existenz ihre Familien – und besonders ihre Ehefrauen – nichts erfahren sollen. Denn an diesem Rückzugsort treiben sie mit ihren Geliebten heiße Spielchen. Bis eines Morgens Luc die Zimmertür des Lofts aufschließt und zu seinem Entsetzen eine brutal zugerichtete, angekettete Frauenleiche im Bett entdeckt. In Panik ruft er seine Freunde an und nacheinander trudeln der graumelierte Architekt Vincent Stevens (Filip Peeters), der Psychologe Chris van Outryve (Koen De Bouw), der Heißsporn Filip Williams (Matthias Schoenaerts) und der Sprücheklopfer Marnix Laureys (Koen De Graeve) ein. Jeder von ihnen besitzt einen exklusiven Schlüssel zu dem Loft, käme also als Täter in Frage. Doch niemand will es gewesen sein, und die Polizei traut sich keiner der Männer anzurufen. Denn eine Untersuchung würde zweifelsohne den Zweck des Liebesnests der Fünferbande offenbaren. Zunehmend verzweifelt versuchen die Männer, zu rekonstruieren, was in der Todesnacht vorgefallen ist. Doch schon bald zeigt sich, dass ihre Freundschaft brüchiger ist, als sie es je für möglich gehalten hätten…

Mehr zu verraten, wäre ein Frevel, lebt Erik van Looys Thriller doch gerade vom klassischen Enträtselungs-Prinzip. Und der Regisseur erweist sich gleich zu Beginn als Meister seines Fachs, wenn er seine drei Erzählebenen ungemein geschickt und elegant miteinander verwebt. Da ist zum einen das Verhörszenario, das van Looy nur kurz anreißt, um den Unmut der Polizisten über die fünf dichthaltenden Freunden zu zeigen. Im Haupterzählstrang sind es die zahlreichen Rückblenden, in denen scheibchenweise die Abgründe der Filmcharaktere offenbart werden, die für Spannung sorgen. Zu guter Letzt kommt van Looy auch immer wieder auf die Gegenwartssituation zurück, bei der die Verzweiflung der Figuren zunehmend in Gewalt zu eskalieren droht. Dieses Erzählebenennetz hat van Looy perfekt im Griff. Immer wieder führt er den Zuschauer, der früh glaubt, alles zu durchschauen, an der Nase herum. Nur im Schlussabschnitt gibt es die eine oder andere Wendung zu viel, hier verfängt sich Looy mitunter in seinem eigenen, kunstvoll konstruierten Drehbuch.

Formal hält sein Thriller locker mit ähnlich gelagerten US-Produktionen mit. Vom eleganten Schnitt über die atmosphärische Ausleuchtung bis hin zu den faszinierenden, schleichenden Kamerafahrten bewegt sich „Loft“ technisch auf allerhöchstem Niveau. Dazu trägt neben der hypnotischen Musik auch das exzellent ausgewählte Darstellerensemble bei. Besonders Filip Peeters überzeugt in der Rolle des alternden, unberechenbaren Souveräns. Aber auch der melancholisch dreinblickende Koen De Bouw als mysteriöser Psychiater und Koen De Graeve als nie um einen frauenfeindlichen Spruch verlegener Säufer beweisen in ihren psychologisch stimmigen, wenn auch ein wenig holzschnittartig gezeichneten Rollen große Spielfreude.

Ein besonderes Augenmerk verdient auch das Produktionsdesign. Jedes Haus, jedes Zimmer, jedes Möbelstück fällt unter die Kategorie Designerschick. Das Jetset-Milieu seiner vermögenden Protagonisten zeichnet van Looy mit größter Sorgfalt und Detailgenauigkeit nach. Die schöne Kälte des ästhetischen Ambientes spiegelt wunderbar die (fehlenden) Gefühlswelten der „Freunde“ wieder. Sie gefallen sich in Sexspielen - besonders eine Sequenz in Düsseldorf ist von van Looy wunderbar prickelnd und genau arrangiert –, die die Leere ihres langweiligen Alltags überdecken sollen. Gesellschaftliche Anlässe wie Ausstellungseröffnungen dienen der Ablenkung von der inneren Abgestorbenheit. Und die Erlebniskicks - samt Seitensprung und Saufgelage - müssen immer höher angesetzt werden, um in den fünf traurigen Gestalten noch etwas auszulösen. Eine atemberaubende Casino-Sequenz, bei dem sich Geliebte und Ehefrauen ohne ihr Wissen gegenüberstehen, ist der Höhepunkt dieses verzweifelten Event-Exzesses.

Erik van Looy muss sich bei seiner bitteren Oberschicht-Satire nur den Vorwurf gefallen lassen, dass er die Freunde nicht wirklich klar in ihrer Beziehung zueinander etabliert. Nie lässt sich zur Gänze nachvollziehen, warum eigentlich gerade diese fünf so viel miteinander unternehmen. Zu verschieden wirken sie in ihrer Sozialisation, ihrem Charakter und auch ihrem Alter. Was van Looy mit dieser zusammengewürfelten Zufallsgemeinschaft aber erreicht, ist das Aufzeigen der beliebigen Bindungslosigkeit der Figuren.

Fazit: Das früher wenig beachtete Filmland Belgien lässt mit dem Thriller „Loft“ erneut aufhorchen. Regisseur Erik van Looy beschwört hier die Stimmung von Krimis aus den 80er Jahren und lässt sogar Erinnerungen an Billy Wilders „Das Appartement“ wachwerden. Mit einem originellen, wendungsreichen Drehbuch fügt er dem Whodunit-Genre - trotz eines überhasteten Schlussakkords - ein packendes, erstklassig gefilmtes Kapitel hinzu.
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