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13 Assassins
Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
4,5
hervorragend
13 Assassins
Von Björn Becher
Das Genre des Jidaigeki, des klassischen Samuraikostümfilms, ist tot. Seine Hochphase mit Akira Kurosawas Meisterwerk „Die sieben Samurai" an der Spitze liegt bereits über ein halbes Jahrhundert zurück, seit den späten Sechzigern wird die klassische Form nur noch vereinzelt und dabei meist nur in Teilaspekten aufgegriffen. Takeshi KitanosZatoichi - Der blinde Samurai" oder Yoji Yamadas Drama „Samurai der Dämmerung" sind bekannte Beispiele für diese individuelle Anverwandlung, beide Regisseure kommen etwa ohne die früher obligatorischen epischen Samuraischlachten aus. Was ist nun also zu erwarten, wenn ausgerechnet Regie-Tausendsassa Takashi Miike („Audition", „Visitor Q") in seiner ersten Zusammenarbeit mit dem britischen Produzenten Jeremy Thomas („Der letzte Kaiser") das japanische Filmgenre schlechthin wiederbeleben will? Viele rechneten mit einem verrückten Inferno, aber Miike überrascht Publikum und Kritik einmal mehr. Sein Remake „13 Assassins" atmet nämlich den Geist der Klassiker und es ist tatsächlich die Wiederauferstehung eines toten Genres zu bestaunen.

Doch dabei belässt es Miike nicht. Subtil unterminiert er zugleich die so kunstvoll heraufbeschworene traditionelle Form und trägt sie wieder zu Grabe. Diese einzigartige Kombination resultiert in einem schonungslosen, brutalen, unglaublich unterhaltsamen, aber auch ernsthaften Werk, das an das Niveau der großen Klassiker von Kurosawa, Masaki Kobayashi, Kenji Mizoguchi & Co. heranreicht und nebenbei zu den allerbesten Filmen des wandlungsfähigen Miike gehört.

Im feudalen Japan herrscht seit Jahren Frieden. Die Samurai müssen nicht mehr mit dem Schwert kämpfen, sondern nur noch mit dem Stock üben. Doch nun droht Ungemach: Der durch und durch böse Halbbruder des Shoguns, Lord Naritsugu (Goro Inagaki, „University Of Laughs"), ist zu dessen rechter Hand und Thronfolger aufgestiegen. Der sadistische Psychopath mordet, vergewaltigt und quält grund- und wahllos, doch aufgrund seiner Stellung kann ihm kein Prozess gemacht werden. Der alte und weise Shogun-Offizielle Sir Doi (Mikijiro Hira, „Azumi 2") sieht nur einen Ausweg: Er bittet den erfahrenen Samurai Shinzaemon Shimada (Koji Yakusho, „Babel"), Naritsugu zu töten. Da der schwer bewacht wird, ist die Mission ein Himmelfahrtskommando. Für dieses gewinnt Shinzaemon elf weitere Mitstreiter, darunter seinen tapferen Neffen Shinrokuro (Takayuki Yamada, „Crows Zero"). Sie wollen den Lord und dessen Entourage auf einer Reise durchs Land überfallen. Doch dessen Leibwächter Hanbei (Masachika Ichimura), ein alter Freund von Shinzaemon, hat von den Plänen Wind bekommen und sorgt dafür, dass 200 schwer bewaffnete Krieger den Tross begleiten. In einem kleinen Dorf kommt es – wie es im Film selbst heißt – zum „totalen Massaker".

Im Zuge des Erfolges von „Die sieben Samurai" erschien im Jahr 1963 auch Eiichi KudoThirteen Assassins", dessen Story große Parallelen zum Kurosawa-Meisterwerk aufweist und der selbst schnell in den Rang eines Klassikers aufstieg. Hier wie dort steht eine Unterzahl tapferer Kämpfer (7 bzw. 13) einer Übermacht (40 bzw. 200) entgegen und die Samurai ahnen bereits bei der Vorbereitung zum großen Kampf, dass sie in den sicheren Tod gehen. Takashi Miike lässt die Story des Originals weitgehend unangetastet und orientiert sich auch am Stil der alten Samuraikostümdramen. Sorgfältig wird das feudale Japan wiederbelebt und die besondere Bedeutung der Ehre vermittelt. Das mit dem Kodex der Samurai und mit den alten Filmen wenig vertraute heutige Publikum wird an die Hand genommen und langsam in diese Welt eingeführt.

Miike unterstreicht von Beginn an die Grausamkeit und Brutalität der Welt der Samurai, bereits in der allerersten Szene zeigt er einen rituellen Ehrenselbstmord. Es ist ein atemberaubender und schockierender Auftakt, aber nicht weil Miikes Gewaltdarstellung besonders drastisch wäre, ganz im Gegenteil. Die eigentliche blutige Tat findet außerhalb der Leinwand statt, der Zuschauer sieht nur das schmerzverzerrte Gesicht des Selbstmörders (Masaaki Uchino). Wie so oft erweist es sich aber als besonders wirkungsvoll, die schrecklichen Einzelheiten der Phantasie des Betrachters zu überlassen, die hier durch die suggestive Tonspur noch zusätzlich angeregt wird. Nach diesem nervenzerrenden Auftakt dreht Miike unter genau dosiertem Einsatz seiner Mittel weiter an der Spannungsschraube. Die Gewaltdarstellung wird nach einer fast actionlosen, mit einzelnen Momenten der Brutalität durchsetzten ersten Filmhälfte immer deutlicher. Schließlich mündet das Ganze in ein halbstündiges furioses Finale, in dem ein komplettes Dorf in Blut getränkt wird.

Gelingt Miike auf dem Weg zum großen Showdown schon ein starkes Samurai-Drama, geht es jetzt erst richtig los. Das abschließende Gemetzel ist von einer Energie, wie sie nur selten im Kino zu erleben ist. Das erinnert an die große Schlacht der Braut am Ende von Quentin Tarantinos „Kill Bill Vol. 1", aber das ist bei Weitem nicht die einzige Referenz. Elegant integriert Miike auch einige Anleihen an den Schlussakt von „Die sieben Samurai" und evoziert das heroische Blutvergießen eines John Woo zu besten „A Better Tomorrow II"-Zeiten. Der für seine ausufernden und überaus ideenreichen Schlüsse bekannte Regisseur belässt es natürlich nicht bei rein filmischen Bezügen und streut diesmal auch Verweise auf Terrorismus und Selbstmordanschläge ein, etwa wenn Bullen als lebende Fackeln in die Reihen des Gegners geschickt werden oder Samurai sich selbst in die Luft sprengen.

Bei aller Gewalt und dramatischer Zuspitzung vergisst es Miike bei seiner Mischung aus Samurai-Klassiker und modernem Actionkino nicht, das Geschehen mit humoristischen Einlagen ein wenig aufzulockern. Großen Anteil daran hat ausgerechnet der Bösewicht: Goro Inagaki, japanischer TV-Star, Teenie-Idol und Mitglied der seit zwei Jahrzehnten aktiven, erfolgreichsten Boygroup Nippons, SMAP, ist komplett gegen sein eigentliches Helden-Image besetzt. Als sadistischer Thronfolger haut er selbst beim größten Blutvergießen noch ein kindlich-vergnügtes „großartig" heraus, als hätte er den neuesten Abenteuerspielplatz entdeckt. In diesem irren Porträt eines Psychopathen wird zugleich auch die Perversion eines auf starren Regeln und fragwürdig ausgelegten Traditionen basierenden Gesellschaftssystems angedeutet.

Miike beschwört den Samurai-Mythos zunächst machtvoll - das macht seine anschließende Dekonstruktion umso wirkungsvoller. Der 13. Attentäter Koyata (Yusukue Iseya, „Die Stadt der Blinden") wird von den zwölf Samurai im Wald aufgelesen und schließt sich ihnen an. Diese Figur verweist natürlich auf Toshirô Mifunes Charakter in „Die sieben Samurai". Der ist dort nämlich zu Beginn auch kein vollwertiger Ehrenkrieger, sondern eher ein Bauer und wird erst im Fortlauf des Gefechts zum richtigen Samurai. Koyata nimmt nun einen signifikant anderen Weg, sein anfängliches Interesse für das Leben der Krieger erkaltet allmählich und er empfindet den Ehrenkodex der Samurai zunehmend als arrogant und abstoßend. Mit den finalen Momenten krönt Miike seine Dekonstruktion noch. Da lässt er extra einen zuvor Gefallenen von den Toten auferstehen, um den einzigen überlebenden Krieger des Massakers in einen Dialog zu verwickeln. Darin äußert dieser die Absicht, seine Profession aufzugeben und lieber als Bandit nach Amerika zu gehen, um dort viele Frauen flachzulegen. Das ist dann natürlich das Gegenteil von romantisierender Überhöhung. Miikes Abgesang hat vielmehr eine ungeschönte Zwangsläufigkeit: Während die Samurai mit ihrem Ehrenkodex tot sind, haben diejenigen, die dieses überholte Bild überwinden konnten und denen nicht zufällig auch eine Frau an die Seite gestellt wurde, die Chance auf ein neues Leben.

Fazit: Takashi Miike haucht dem Samuraifilm neuen Atem ein, um ihm im Anschluss mit großer Konsequenz gleich wieder den Todesstoß zu versetzen. Er folgt den Gesetzen, die der Klassikerkanon vorgibt, nimmt aber die entscheidenden Modernisierungen vor, um das heutige Publikum zu fesseln. Es gibt viel Action, viel Brutalität, großes Melodram, aber auch immer wieder ironische Brechungen und trockenen Humor. Und bei all dem ist Miikes unverwechselbare Handschrift stets erkennbar, auch wenn er sich für seine Verhältnisse über weite Strecken zurückhält.
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