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    Auf der Suche nach dem Gedächtnis
    Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
    3,5
    gut
    Auf der Suche nach dem Gedächtnis
    Von Jan Hamm
    „Niemals vergessen“ – so lautet der Leitspruch der jüdischen Weltgemeinde seit dem Holocaust. Was in erster Linie sowohl ein ethisch-moralischer Appell als auch eine Selbstvergewisserung jüdischer Identität ist, hat dabei eine interessante Kehrseite: Ist es rein biologisch überhaupt möglich, niemals zu vergessen? Dieser Frage hat der Hirnforscher Eric Kandel sein Leben und Schaffen gewidmet. 1938 emigrierte der gebürtige Wiener im Alter von neun Jahren in die USA, um der Nazi-Verfolgung zu entgehen. Zur Hirnforschung gelangte Kandel, selber Jude, durch das tiefe Sehnen nach einer Erklärung menschlicher Handlungsweisen – letztendlich also nach einem Erklärungsversuch für die historische Entgleisung der NS-Zeit. Die vorläufige Krönung seiner Arbeit war die Entdeckung eines Proteins, das eine Schlüsselrolle bei der Speicherung von Ereignissen aus dem Kurzzeit- ins Langzeitgedächtnis spielt. Im Jahr 2000 gab es dafür den Nobelpreis und eine Einladung ausgerechnet aus höchsten Wiener Kreisen. Die Dokumentarfilmerin Petra Seeger, die bereits Wim Wenders und Christoph Schlingensief porträtierte, begleitet ihn bei seiner Reise in die Vergangenheit und lässt sich dabei zugleich in die hochkomplexe Materie der Erinnerungsforschung einführen. Mit „Auf der Suche nach dem Gedächtnis“ (dem Titel von Kandels 2006 erschienener Autobiographie) gelingt ihr so zwar auch die Skizze eines Menschen, mehr aber noch eine berührende Geschichte über den Heilungsprozess eines traumatisierten Mannes.

    Seegers Porträt besteht aus zwei Abschnitten, die geschickt miteinander verknüpft werden. Auf der einen Seite steht Kandels Leben und Forschen in den Staaten. Mit einer Vielzahl intimer, mal nachdenklicher und mal humorvoller Impressionen zeichnet der Film das Bild eines kauzigen und lebensfrohen Mannes. Besonders ulkig ist seine zufällige Begegnung mit einem Straßenprediger, die in einem augenzwinkernden Wortgefecht voller Nonsens gipfelt. Äußerst liebenswürdig ist auch seine Laborassistentin, die darüber philosophiert, ob sich Kandels Intellekt von seinem massiven Fischkonsum ableiten lasse. Ob sie zugunsten eines eigenen Nobelpreises wohl selber auf Fisch umsteigen solle? Immer wieder wird auch Kandels Herkunft thematisiert, sein Bezug zur Religion, seine Identität als Jude. In diesen Szenen weist der Film weit über die Person Kandel hinaus. Oberflächlich bleibt hingegen leider der Einblick in Kandels Forschung. Zwar gibt er sich Mühe, die vertrackten biochemischen Vorgänge der Erinnerungsbildung laientauglich zu verpacken, über die Erkenntnis, dass es dabei eben um Synapsenbildung geht, kommt Seegers Interview-Auswahl aber nicht hinaus.

    „Die Erinnerung versieht unser Leben mit Kontinuität; ohne die bindende Kraft der Erinnerung würden unsere Erfahrungen in eben soviele Bruchstücke zersplittern, wie es Momente im Leben gibt. Wir sind, wer wir sind, auf Grund dessen, was wir lernen und woran wir uns erinnern.“
    - Eric Kandel


    Der zweite Abschnitt folgt Kandels Reise nach Wien. Gemeinsam mit seiner Familie besucht der Alte die Stätten seiner Kindheit. Sobald die Truppe gemeinsame Erinnerungen abgleicht, kommt es zu Meinungsverschiedenheiten. Wo war noch gleich der Fluchttunnel? Wie sah es im später verwüsteten Krämerladen des Vaters aus? Mit geschickten Schnitten zwischen der Reise und Kandels Fachsimpelei synthetisiert Seeger ihr Portrait – eben so, wie auch die Forschung des Exil-Wieners untrennbar mit seiner frühen Vergangenheit verwoben ist. Konsequent und bemerkenswert schön schließt „Auf der Suche nach dem Gedächtnis“ mit einem emotionalen Kandel, der über die Ironie seiner Wien-Einladung sinniert: vom Gejagten zum Ehrenbürger. Für ihn scheint das nicht all zu weit auseinander zu liegen. Doch ist da kein Vorwurf in seiner Stimme, keine Bitterkeit. Bloß das tiefe Glück über neue Zeiten, neue Menschlichkeit. Wer sich für Details aus der Erinnerungsforschung interessiert, wird zwar enttäuscht. Auf der Suche nach einer herzerwärmenden Geschichte aber ist Seeger fündig geworden!
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