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Larry Flynt
Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
4,5
hervorragend
Larry Flynt
Von Robert Cherkowski
Es gab eine Zeit, in der amerikanische Herrenmagazine noch einen größeren Anspruch hatten, als ihre Leserschaft allein mit nackten Tatsachen anzulocken. In den swingenden Sechzigern und den wilden Siebzigern verfolgten die Herausgeber beizeiten sogar noch echte Anliegen, die sie zwischen die Doppelseiten mit den nackten Schönheiten quetschten. Bunny-Dompteur Hugh Hefner war beispielsweise nicht immer das alberne Selbstzitat im Bademantel, als das man ihn heute kennt. Früher ließ er noch eigenes an politischem und sozialem Engagement in den „Playboy" einfließen. Neben langen Beiträgen über den Vietnamkrieg oder den Watergate-Skandal gewann er auch amerikanische Star-Literaten von Norman Mailer bis John Updike für Gastbeiträge. „Penthouse"-Boss Bob Guccione investierte sein Vermögen sogar in eine der legendärsten und legendär-misslungensten Filmproduktionen aller Zeiten und stellte mit Hilfe von Autor Gore Vidal und Regisseur Tinto Brass den Historien-Porno „Caligula" auf die Beine. An Wagemut mangelte es Hefner und Guccione also zumindest nicht. Keiner von ihnen lieferte sich jedoch so erbitterte und (selbst-)zerstörerische Kämpfe mit der bigotten amerikanischen Obrigkeit wie Hustler-Chef Larry Flynt, dem Regisseur Milos Forman („Einer flog über's Kuckucksnest", „Amadeus") mit „Larry Flynt – Die nackte Wahrheit" ein packendes Denkmal setzt.

Aufgewachsen in Kentucky, entflieht Larry Flynt (Woody Harrelson) zusammen mit seinem tumben Bruder Jimmy (Brett Harrelson) bei der ersten Chance der provinziellen Tristesse und eröffnet ein Striptease-Lokal in Cincinnati. Aus der fixen Idee, ein kleines Werbeprospekt für sein Etablissement zu drucken, wird schon bald das extrem erfolgreiche Herrenmagazin „Hustler", das mit nackten Tatsachen jenseits der Mainstream-Kuschel-Erotik und angriffslustiger Satire dick Auflage macht. In der ausgeflippten und sexuell sehr aufgeschlossenen Althea (Courtney Love) findet er wenig später zudem eine Seelenverwandte, die er sogar heiratet. Doch bald sieht sich Flynt den Angriffen der religiösen Rechten ausgesetzt, die ihn wegen der Verbreitung von Pornographie zum Feind des gesunden Volkskörpers erklären. Zunächst nimmt Flynt die Prozesslawinen gelassen hin. Als er jedoch zum Opfer eines Scharfschützen wird, der ihn für immer an den Rollstuhl fesselt, und ihn bigotte Würdenträger sogar in eine psychiatrische Klinik einweisen lassen, wird aus Flynts einsamen Kampf ein Kampf für das Recht auf freie Meinungsäußerung...

Was leicht zu einer pompösen Heiligsprechung hätte werden können, gerät in den fähigen Händen Formans zu einer angenehm trockenen und ambivalenten Angelegenheit, die zwar Sympathie und Verständnis für den Protagonisten aufkommen lässt, sich jedoch immer eine gesunde Distanz zum Gezeigten bewahrt. Das große Ass in Formans Ärmel ist dabei sein Ensemble, das hier Vollgas gibt, ohne zu offensichtlich auf die Oscars zu schielen. So sticht besonders Kurt Cobains Witwe Courtney Love als Larrys von tiefer Trauer besessener, zur exzessiven Selbstzerstörung neigender Gattin Althea hervor. Egal ob als selbstbewusster junger Hüpfer oder später als heruntergekommener Junkie: Love zieht die Blicke auf sich und überzeugt auf ganzer Linie. Woody Harrelson gibt unterdessen einen mit fiesem Minipli und einem herrlich nöligem Südstaatenslang ausgestatteten Larry Flynt, den man nicht mögen muss, um mit ihm zu fiebern. Tatsächlich wirkt er über weite Strecken wie ein kontrollsüchtiger Lüstling mit prahlerischen Tendenzen. Das ausgerechnet ein Widerling wie er zum Kämpfer für Redefreiheit wird, ist die bezeichnende Ironie der Geschichte. Neben diesem (Alb-)Traumpaar verblasst der Rest des Casts ein wenig. Einzig das 90er-Jahre-Wunderkind Edward Norton und der wie immer „seltsame" Crispin Glover („Zurück in die Zukunft") vermögen es noch, aus dem durchweg guten Aufgebot an Darstellern hervorzustechen.

Während die erste Hälfte von der Dramaturgie her an klassische Aufsteiger-Erfolgsgeschichten erinnert, verfremdet Forman diese durch einen bewusst unspektakulären Szenenaufbau und einen leicht „verstörenden" Schnitt, der nicht auf die klassischen Hollywoodmomente abzielt, sondern sie stets um wenige Sekunden verschleppt oder abwürgt. Mit einfachen Mitteln wird so das übliche Pathos vermieden, so dass Formans Flynt-Biopic stets einen angenehm unsentimentalen und entschlackten Eindruck macht. Mit schnellen, aber nie hektischen Schritten reißt er sein Publikum mit und stürmt zügig voran. Auch in der zweiten Hälfte, wenn Flynt mehr und mehr den Schmerzmitteln und Althea härteren Drogen verfällt, suhlt sich Forman nie im Elend seiner Antihelden, sondern schildert ihren zeitweisen Niedergang als egomane Selbstaufgabe. So streitbar sie auch gewesen sein mögen und so wichtig ihr Kampf gegen Doppelmoral und Scheinheiligkeit auch war – vor allem waren sie eins: schwache Menschen mit großen Problemen. Die zahlreichen Gerichtsszenen, in denen Edward Norton als Flynts Anwalt mit einigen großartigen Monologen auftrumpft, sind ebenfalls sehr gelungen, gerade weil sie schnell und protokollarisch abgehandelt werden. So wird „Larry Flynt – Die nackte Wahrheit" zwar zu einem breitgefächerten Sittenbild, franst dabei jedoch nie aus und ergeht sich nie im üblichen, schwelgerischen Ausstattungskitsch, der ähnlich geartete Historienfilmen gerne einen aufgedunsen-protzerischen Beigeschmack gibt. „Larry Flynt" hat kein Gramm Fett zu viel am Leib und kommt in zwei Stunden auf den Punkt – ein Musterbeispiel für klassisches, ökonomisches Erzählen auf hohem Niveau.

Fazit: Mit seinem Schmuddel-Biopic ist Milos Forman ein moderner Klassiker, der auch beim wiederholten Schauen immer wieder Spaß macht.
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