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The Collector
Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
3,0
solide
The Collector
Von Stefan Ludwig
Während Til Schweiger hierzulande bei seiner „Mission Hollywood“ verzweifelt Nachwuchsschauspielerinnen sucht, die sich vor der Kamera ausziehen, wird im amerikanischen Fernsehen längst auch ernsthaft nach Talenten für Kino und TV gefahndet: Seit 2001 werden in der Sendung „Project Greenlight“ Amateurfilmer begutachtet. In der dritten Staffel gewann der Horrorfilm „Feast“ – geschrieben von Marcus Dunstan und Patrick Melton. Das Duo nutzte seinen Erfolg und schreibt seit Teil 4 die Drehbücher für das Saw-Franchise. In „The Collector“ nimmt Dunstan nun zum ersten Mal auf dem Regiestuhl Platz. Und es ist ihm mit seinem Kumpel Melton als Co-Autor gelungen, etwas vollkommen anderes zu schaffen als einen billigen „Saw“-Abklatsch.

Arkin (Josh Stewart) hat einen Haufen Schulden. Der ehemalige Dieb versucht, sie mit ehrlicher Arbeit abzubauen – doch den Gläubigern ist der Geldfluss zu langsam. Daher entscheidet sich Arkin zu einem letzten Coup: Er will in das Landhaus seines neuen Arbeitgebers einbrechen. In dem Glauben, die Familie sei in den Urlaub aufgebrochen, schleicht er sich in das einsame Anwesen. Schnell merkt der Kleinkriminelle, dass er nicht allein im Haus ist: Ein maskierter Serienmörder, der titelgebende „Collector“ (Juan Fernández), foltert die Hausbewohner. Zudem hat er das gesamte Haus verriegelt und mit tödlichen Fallen gespickt. Den Kronleuchter hat er mit Küchenmessern verziert, auf dem Boden Bärenfallen ausgelegt und in einem Zimmer einen Eimer Säure ausgekippt. Arkin will seinen Einbruch so schnell wie möglich hinter sich bringen, doch er glaubt, dass die kleine Tochter des Hausbesitzers sich irgendwo versteckt hält…

Dunstan und Melton gelingt es, der Verlockung einer stupiden Kopie des kommerziell erfolgreichen Konzeptes von „Saw“ zu widerstehen, auch wenn das Drehbuch zu „The Collector“ ursprünglich einmal die Vorlage für einen weiteren Teil der Folterfilmreihe werden sollte. Das Autorenduo verzichtet auf sämtliches überflüssiges Beiwerk, konzentriert sich ohne Abschweifungen auf ein ganz klares Szenario und hält seine kammerspielartige Konstellation bis zum Ende durch: Ein maskierter Irrer überfällt eine Familie in ihrem einsamen Landhaus; dazu kommt der kleine Kriminelle, der zum Helden mutiert und versucht, dem bösen Killer, der eigentlich nur seine Opfer foltern will, Einhalt zu gebieten. Dem Missetäter fehlt zwar insgesamt die ausgefallene Fantasie von Jigsaw, dafür hat er im Haus eine fast unüberschaubare Menge von Fallen gelegt, deren Tücke in Dunstans einfallsreicher Inszenierung effektvoll zum Tragen kommt.

An die Klasse des Saw-Originals reicht Dunstans Regiedebüt dabei nicht heran. Die Entscheidung, den Täter nicht mit einer Motivation oder einem Plan zu versehen, sein Tun und Wesen also als absolutes Mysterium darzustellen, birgt auch Nachteile in sich: Es gibt kein packendes Finale, in dem seine Taten in ein völlig neues Licht gerückt oder verborgene Absichten enthüllt würden. Mag das Fehlen einer Erklärung auch unbefriedigend sein, es ist allemal besser als eine hanebüchene und an den Haaren herbeigezogene Begründung. Der Folteranteil von „The Collector“ wiederum ist erfreulicherweise relativ gering. Für Zartbesaitete sind zwar zu viele langsame Kamerafahrten über entstellte Menschen zu sehen, aber zum „Folter-Porno“ verkommt der Film nicht, da die Brutalität häufig nur angedeutet wird und große Teile des gewalttätigen Geschehens somit der Phantasie des Zuschauers überlassen bleiben.

Statt auf Folterszenen konzentriert sich Dunstan auf das Katz-und-Maus-Spiel durch die gesamte Villa. Dabei klebt die Kamera förmlich an Hauptdarsteller Josh Stewart. Dieser Fokus versetzt den Zuschauer mitten in das packende Geschehen. Auch wenn Stewart (Der seltsame Fall des Benjamin Button) sich nicht als genialer Schauspieler entpuppt, füllt er die Rolle des mutigen Diebes zufriedenstellend aus. Er wird sehr schnell als Sympathieträger installiert, indem uns Dunstan und Melton die Qualen zeigen, die Arkin erduldet, um der Familie zu helfen. Dass er sie ursprünglich bestehlen wollte, gerät dabei schnell zur Nebensache. Seine Figur ist der geborene Verlierer, der sich in extremer Situation heldenhaft bewährt.

Kaum ein Horrorfilm kommt ohne düstere Musik aus, um die Spannung auf die Spitze zu treiben. Wer einen der „Halloween“-Filme gesehen hat, wird den Score nie wieder vergessen. Zwar wird „The Collector“ nicht von einer derart perfekten Melodie geprägt, aber mit Jerome Dillon, der früher bei der Industrial-Rock-Gruppe „Nine Inch Nails“ trommelte, fand Dunstan einen hervorragenden Komponisten für die Aufgabe. Dillon untermalt die Kamerafahrten durch das Anwesen mit pulsierendem Elektrosound, den er mit scheppernden und stampfenden Klängen anreichert, die an die Geräuschkulisse einer Fabrik erinnern. Er kleidet „The Collector“ in ein gleichzeitig schauderhaftes und modernes musikalisches Gewand. Zusätzlich holt Brandon Cox mit seiner beweglichen und flexiblen Kamera das Maximum aus dem beengten Schauplatz heraus. So zeigt er uns etwa einfach von oben, wie Killer und Held Wand an Wand aufeinander lauern. Im gelungenen Zusammenspiel von Bildgestaltung und Montage verliert der Zuschauer trotz der temporeichen Action nie die Übersicht.

Es ist recht schnell zu erahnen, wie das Katz-und-Maus-Spiel in „The Collector“ ausgeht. Großartige Überraschungen bietet die Handlung nicht. Dunstan verzichtet auf unerwartete Plot-Wendungen, stattdessen stellt er das mit Fallen übersäte Haus in den Vordergrund. Die unmittelbare Spannung der einzelnen Szenen ist hier wichtiger als der große dramaturgische Bogen. Und auf die kleineren Schwächen stößt der Kinogänger dank der kompetent inszenierten Straight-Forward-Action auf der Leinwand erst bei genauerem Hinsehen.
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