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Buried - Lebend begraben
Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
3,5
gut
Buried - Lebend begraben
Von Carsten Baumgardt
Luchino Viscontis Historien-Drama „Ludwig II." spielt zwar nicht ausschließlich in einem Raum, aber das Bewusstsein des maroden Herrschers verengt sich mit zunehmender Dauer, bis Ludwig schließlich - dem Wahn nahe - emotional erdrückt wird und sein Schicksal in den Fluten des Starnberger Sees sucht. Im Gegensatz zu dieser metaphorischen Einengung hat aber auch die rein physische Begrenzung in der Filmgeschichte ihren festen Platz. Altmeister Alfred Hitchcock beherrschte diesen dramaturgischen Kniff in „Das Rettungsboot", „Cocktail für eine Leiche" oder „Das Fenster zum Hof" brillant. Joel Schumacher ließ einen Film überwiegend in einer Telefonzelle spielen („Nicht auflegen!"), Carl Schenkel schickte seine Protagonisten in einem Fahrstuhl „Abwärts" und David Fincher (ver)bannte Jodie Foster und Kristen Stewart in einen „Panic Room". Wie sehr sich Raum auf der Leinwand aber tatsächlich verdichten lässt, belegt der Spanier Rodrigo Cortés. Sein Horror-Thriller „Buried - Lebendig begraben" spielt anderthalb Stunden ausschließlich in einem Sarg. Wer sich so brutal limitiert, muss einiges an Ideen im Köcher haben... und die hat Cortés zur Genüge. Sein „Buried" ist trotz kleiner Schwächen der ultimative Klaustrophobie-Trip.

23. Oktober 2010, 6.12 Uhr: Es ist dunkel und eng. Es gibt nur wenig Luft zum Atmen. Lastwagenfahrer Paul Conroy (Ryan Reynolds) ist nach einem Angriff auf seinen Konvoi im Irak gekidnappt worden und erwacht lebendig begraben in einem Sarg – nur ein Sturmfeuerzeug spendet ihm etwas Licht. Als einziger Kontakt zur Außenwelt dient ein Handy. Leider ist das Bedienmenü auf Arabisch eingestellt. Dem Familienvater bleibt nur wenig Zeit, bevor ihm die Atemluft ausgeht. Er versucht daheim in den USA seine Rettung zu organisieren, doch die Hoffnung ist gering. Nach einer Weile melden sich die irakischen Entführer und verlangen bis Schlag 9 Uhr fünf Millionen Dollar Lösegeld. Doch Conroys Firma CRT erweist sich nicht gerade als große Hilfe, seine Frau Linda (Stimme: Samantha Mathis) geht nicht ans Telefon und auch FBI-Agent Dan Brenner (Stimme:Robert Paterson) hat nur Durchhalteparolen parat...

Allein der Gedanke daran, lebendig begraben zu sein, jagt vielen einen eisigen Schauer über den Rücken. Diese Urangst macht sich Regisseur Rodrigo Cortés zunutze und treibt das Spiel mit dem begrenzten Raum in „Buried" auf die Spitze. Der Psycho-Schocker spielt konsequent bis zur Selbstaufgabe 93 Minuten in der potenziellen Grabstätte. Das verlangt allen Beteiligten höchste Konzentration ab, um den Zuschauer über die komplette Dauer bei Laune zu halten... oder vielmehr ihn um das Leben von Ryan Reynolds‘ Trucker Paul Conroy zittern zu lassen. Das Drehbuch von Chris Sparling exerziert zunächst alle offensichtlichen Szenarien durch. Paul Conroy klammert sich an sein Mobiltelefon wie an einen Strohhalm, der aber immer kürzer wird (sprich: die Batterielaufzeit nimmt ab). Entgegen den kolportierten Presseinformationen spielt der Film nicht in Echtzeit, sondern erstreckt sich über einen Zeitraum von knapp drei Stunden (das erste Mal schaut Conroy um 6.12 Uhr auf die Uhr, das Ultimatum läuft um 9 Uhr ab).

Dieses Szenario reichern Cortés und Sparling mit politischem Kontext an: dem Irak-Krieg. Mehr als spannungsfördernde Staffage ist dieser Hintergrund jedoch nicht. Die Zeichnung der Charaktere, die mit Ausnahme von Ryan Reynolds („Green Lantern", „Selbst ist die Braut") nur über den Handy-Lautsprecher zu hören sind, ist grob gehalten. Das Zentrum bleibt Paul Conroy, dessen Lebensgeschichte noch einige Überraschungen bietet. Diese deuten sich bereits in einem frühen Telefonat mit der besten Freundin seiner Frau an. Vieles macht Cortés richtig: Er weidet sein morbides Setting bis zum Geht-nicht-mehr aus. Nur zwei Mal überreizt der Regisseur sein Blatt, indem er auf allzu beliebige Genrekonventionen reinfällt. Der Zynismus seines Arbeitsgebers CRT macht wütend, ist aber nicht sonderlich glaubwürdig. Dazu gesellt sich eine tierische, der Spannungsförderung zugedachte Szene, die getrost als überflüssig bezeichnet werden darf, weil sie „Buried" als Konstrukt brandmarkt. Aber angesichts der vielen aufgegangenen Ideen sind zwei Nieten zu verschmerzen.

Optisch schöpft „Buried" dank der formidablen Arbeit von Kameramann Eduard Grau („A Single Man") seine eingeschränkten Möglichkeiten voll aus. Der Sarg mit seiner spärlichen Beleuchtung wirkt dabei keineswegs wie ein Bremsklotz am Bein, sondern wie ein Füllhorn, aus dem Grau immer neue visuelle Einfälle zaubert. Wer nur ein Motiv zur Verfügung hat und trotzdem nicht langweilt, erntet Respekt. Und eben diesen hat sich die gesamte Crew aus demselben Grund verdient. „Buried" unterhält sein Publikum über die volle Distanz. Der solide agierende Ryan Reynolds durchlebt diese Extremsituation plausibel, ohne sich übermäßig clever zu verhalten. Er ändert den Gemütszustand nachvollziehbar, bis am Ende Details über Leben und Tod entscheiden.

Dass „Buried" nicht in dem Maße schockiert wie zum Beispiel George Sluizers artverwandter „Spurlos verschwunden" (1988), liegt auch daran, dass Cortés' Reißer nicht auf einen Paukenschlag hin inszeniert ist, sondern auf sich konstant steigernden psychologischen Horror setzt. Der Zuschauer fiebert mit dem Protagonisten mit, obwohl es sicherlich schon sympathischere Charaktere in der Filmgeschichte gegeben hat.

Fazit: Rodrigo Cortés‘ Horror-Konzeptfilm „Buried" ist eine reife, visuell überzeugende Fingerübung, die für ein geringes Budget von drei Millionen Dollar realisiert wurde. Kleine inhaltliche Mängel in der Umsetzung schmälern das Vergnügen nur unmerklich, da der spanische Regisseur diese anspruchsvolle filmische Herausforderung innerhalb der Genrekonventionen, denen er sich sehr wohl beugt, mit Chuzpe meistert.
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Kommentare

  • Gerhard Pfeiffer

    Meiner Meinung nach zu viele Logiklücken. Hat mich nicht wirklich erreicht.

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