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    Wer Gewalt sät
    Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
    4,5
    hervorragend
    Wer Gewalt sät
    Von Björn Becher
    Sam Peckinpah ist bekannt für seine gewalthaltigen Filme. In der öffentlichen Wahrnehmung war spätestens nach The Wild Bunch dies sein Markenzeichen und Spitznamen wie „Bloody Sam" oder „Picasso of Violence" haften dem Namen Sam Peckinpah auch heute noch an. Sein eigentlicher Film über dieses Thema stammt überraschenderweise nicht aus Peckinpahs Stammgenre, sondern es ist sein allererster Nicht-Western, für dessen Produktion es ihn 1970 nach Großbritannien verschlug: „Wer Gewalt sät".

    Nach ihrer Heirat haben sich der junge amerikanische Mathematiker David Summer (Dustin Hoffman, Die Reifepruefung, Rain Man) und seine Frau Amy (Susan George, „Jack the Ripper") in ein Haus am Rande eines kleinen englischen Dorfes zurückgezogen. Dort will David ein Buch schreiben. Aufgrund Davids beschränkter handwerklicher Fähigkeiten werden mehrere Männer aus dem Ort angestellt, die eine Garage bauen und das alte Gemäuer, in dem Amy früher auch einmal mit ihrem Vater lebte, von Ratten befreien sollen. Unter den Männern ist auch Tom (Peter Vaughan, Brazil), der früher in Amy verliebt und wohl auch mal kurz mit ihr zusammen war. Aber auch die anderen Männer haben ein Auge auf die bildhübsche junge Frau geworfen und lassen ihre Arbeit liegen, wenn es was zu gaffen gibt.

    Nicht nur aus diesem Grund ist der kleine schmächtige Amerikaner David bei ihnen nicht gerade beliebt und das zeigen sie ihm deutlich. Zunächst sind es nur kleine Hänseleien, dann gehen sie weiter. Erst schleicht sich einer ins Haus, um dort ein Höschen von Amy zu klauen, später erdrosseln sie die Katze der beiden und hängen sie demonstrativ in den Kleiderschrank. Trotzdem traut sich der feige David nicht, die ihm körperlich überlegenen Männer zur Rede zu stellen. So gehen sie immer weiter, bis Tom und einer seiner Kumpane sogar Amy vergewaltigen. Selbst das nimmt der in seine Arbeit vertiefte Mathematiker nicht wirklich wahr. Doch als im Dorf ein Unglücksfall passiert und David mit diesem durch ein paar widrige Umstände in Berührung kommt, ist dies der sprichwörtliche Tropfen, der das Fass zum Überlaufen bringt. Wohl zum ersten Mal in seinem Leben wehrt David sich...

    Sam Peckinpahs auf einem Roman von Gordon M. Williams beruhendes Psychodrama ist eine eindrucksvolle Studie über die Entwicklung und Entstehung von Gewalt. Der Film beginnt sehr ruhig, bringt dem Zuschauer erst einmal die beiden Hauptpersonen näher und fängt erst dann mit den ersten kleineren, zunächst nur verbalen Attacken der Dorfbewohner gegen David an. Doch mit jeder Minute steigert sich die Spannungskurve des Films und damit auch die Gewaltspirale. Immer intensiver werden die Übergriffe gegen den kleinen Amerikaner und schließlich schlägt er zurück. Erst auch nur verbal, doch genauso wie bei seinen „Gegnern" dreht sich dann auch bei ihm die Spirale der Gewalt nach oben, bis beide Parteien schließlich ein so hohes Level an Brutalität erreichen, dass keiner mehr dem anderen nachsteht.

    Peckinpah geht dabei absolut schonungslos vor. Er führt David als eher friedlichen Bürger ein, der jedem Konflikt aus dem Weg geht. David ist so konfliktscheu, dass die Anti-Kriegsdemonstrationen in Amerika wohl mit ein Grund waren, warum er von dort „floh", nur um mit diesen Auseinandersetzungen nichts mehr zu tun haben zu müssen. Doch die Übergriffe seiner Gegner und schließlich die Bedrohung seines Heimes lassen ihn über sich hinauswachsen. Das Brutale und Schonungslose daran ist, dass man David verstehen kann. Er wird so stark in die Ecke getrieben, dass es kurzzeitig nur noch eine Alternative gibt, die Eskalation zu vermeiden und diese Alternative ist für David undenkbar.

    Peckinpahs Werk war Anfang der Siebziger nicht nur wegen der Tatsache, dass man David verstehen kann, ein sehr umstrittener Film. Die Grundaussage des Regisseurs ist, dass in jedem Menschen das Potential zur Gewalt vorhanden ist, ob man es glaubt oder nicht. David glaubt zu Beginn ganz sicher nicht, dass er jemals gewalttätig werden könnte, doch er wird brutaler als er es sich sich je erträumt hätte. Dabei war es David, der zuvor seinen eigenen Pazifismus wie eine Monstranz vor sich hertrug. Dazu kommt die sehr kontrovers inszenierte Doppelvergewaltigung von Amy. Bei der ersten Vergewaltigung durch Tom scheint es ihr mit der Zeit sogar fast zu gefallen. Auf der deutschen DVD ist dies aber aufgrund einer Kürzung kaum zu bemerken[1], so dass die Ambivalenz dieser Szene kaum zum Tragen kommt.

    Dabei hat diese Szene auch eine wesentliche Bedeutung. Peckinpah lenkt nun die kompletten Sympathien des Publikums auf David. Gemeinsam mit ihm fühlt man sich von Amy hintergangen. Diese hat zuvor mit ungehemmten Flirts die Aufmerksamkeit von Tom und seiner Bande weiter angestachelt. Durch das Ziehen der Publikumssympathien auf die Seite von David, erreicht Peckinpah ein weiteres seiner Ziele. Er stachelt den Zuschauer förmlich dazu an, sich zu wünschen, dass David endlich zurückschlägt. Gedanken wie „Los, David, jetzt zeig es denen endlich mal" sollen im Kopf des Zuschauers erzeugt werden. Der Zuschauer soll sich den Gewaltausbruch wünschen, um dann noch schockierter von dessen Intensität zu sein.

    Mit „Wer Gewalt sät" hat Peckinpah einen höchst atmosphärischen Film geschaffen, in dem Gewalt nicht verharmlost wird, sondern als brutales Mittel gezeigt wird, ein Mittel, das in mancher Situation aber der letzte Ausweg zu sein scheint. Ein Film, der nachdenklich macht, da er zeigt, dass es die Anwendung von Gewalt ist, die zu weiterer Gewalt führt und die dann vielleicht Menschen so in die Enge treibt, dass auch sie Gewalt anwenden müssen. Mit Dustin Hoffman und Susan George in den Hauptrollen ist der Film zudem erstklassig besetzt. Sehenswert für jeden der keine Angst vor einem intensiven und nicht gerade leicht verdaulichen Film hat.

    [1] Die deutsche DVD ist nur identisch mit der US R-Rated-Version, die um fünf Minuten kürzer ist als die komplett ungeschnittene Version. Die Schnitte spielen sich wohl alle im Rahmen der Vergewaltigung von Amy ab und blenden dabei aus, dass Amy aufhört sich gegen die Vergewaltigung durch Tom zu widersetzen. Näheres zu den Unterschieden und zu den Gründen für die erste Kürzung und spätere Wiederhereinnahme der Szenen findet sich hier: http://film.guardian.co.uk/censorship/news/0,11729,747454,00.html
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