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Badlands
Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
4,5
hervorragend
Badlands
Von Andreas R. Becker
Terrence Malick, geboren 1943 in Texas, hat trotz seiner jahrzehntelangen Karriere im Filmgeschäft lediglich bei vier Filmen Regie geführt, die Veröffentlichung von Nummer fünf, The New World, steht kurz bevor und wird mit Spannung erwartet. Und zwar nicht grundlos, zeichnen sich seine wenigen Werke doch alle insbesondere durch eine unglaubliche Bildkomposition aus. Martin Scorsese sagte in einem Interview über Malicks „In der Glut des Südens“ sogar, jedes Einzelbild daraus könne in einem Museum ausgestellt werden.

1973 portraitiert Malick mit dem Drama und Roadmovie „Badlands“ – seiner zweiten Regiearbeit – eine ungewöhnliche Liebe auf der Flucht. Die 15-jährige Holly (Sissy Spacek, "Carrie", The Ring 2) lebt nach dem frühen Tod ihrer Mutter unter der strengen Hand ihres Vater (Warren Oates) im Texas der späten 50er Jahre. Dort lernt sie den attraktiven und zehn Jahre älteren Lebenskünstler Kit (Martin Sheen, Apocalypse Now) kennen, der sich als Müllmann über Wasser hält und eine (in der Tat) frappierende Ähnlichkeit mit James Dean besitzt. Eine romantische Liebe entbrennt zwischen den beiden, die dem konservativen Vater jedoch ein großer Dorn im Auge wäre, wie Holly weiß. Als der Mantel der Verschwiegenheit auffliegt, richtet der Vater Hollys Hund vor ihren Augen hin und sorgt dafür, dass ihre gesamte Freizeit mit zusätzlichem Musikunterricht verplant und kontrolliert wird. Alle Anläufe Kits, in ehrlicher und sachlicher Konfrontation um die Legitimation der Beziehung durch den Vater zu bitten, prallen an diesem ab. Beim Versuch, mit Holly heimlich durchzubrennen, kommt der alte Herr jedoch dazwischen und fällt zwei Schüssen aus Kits Revolver zum Opfer. Mit nicht vielmehr als dem Allernötigsten, ein paar Schulbüchern (Kit will nicht, dass Holly in der Schule zurückfällt) und ihrer Liebe im Gepäck, machen sich die beiden auf die Flucht.

Eine ungewöhnliche Flucht, die eher eine Reise ist: Keine hektischen Blicke, keine Sirenen, kein Reifenquietschen. Vielmehr sind es wildromantische Sonnenuntergänge, Flussläufe und Baumhäuser, die von nun an das Leben der beiden Ausgestoßenen umschreiben. Stimmungsvoll, einfühlsam und von viel warmem Licht und exotisch-heiterer Musik umgeben, begleiten wir das ungewöhnlich gewöhnliche Paar auf dem Weg durch die Natur. So schön ist es, dass man das absehbar bittere Ende oft völlig vergessen und in den wunderschön fotografierten Impressionen schwelgen kann. Dennoch geht auch die Spannung nie verloren, denn die Realität lauert stets im Nacken. Denn wenn die Störenfriede in das Paradies auf Zeit einbrechen, zerreißen die Illusion und die Hoffnung auf ein Happy End immer wieder – und mehr Menschen müssen sterben. Selbst als ein alter Freund, der den Flüchtlingen Unterschlupf gewährt, sich mit der sprichwörtlichen hektischen Bewegung des Verrates verdächtig macht, muss er dafür sein Leben lassen. Doch wird das Töten nie in den Mittelpunkt gerückt. Weder inhaltlich, noch visuell. Vielmehr lapidar und nebensächlich wird das Gewehr zum alltäglichen Gebrauchsgegenstand, wird Mittel zum Zweck, niemals persönlich und bestenfalls dann und wann rabenschwarz kommentiert (Holly: „How is he?“ - Kit: „I got him in the stomach.“ - Holly: „Is he upset?“ - Kit: „He didn't say nothing to me about it.“). Um jeden Preis beschützt Kit seine Auserwählte und ihr gemeinsames Glück – hätte James Dean doch jede in der Stadt haben können.

Dennoch stellt Malick seinen männlichen Hauptdarsteller niemals als dummen, unmoralischen oder herzlosen Massenmörder dar. Die höhere Schulbildung mag ihm fehlen, doch lernen wir Kit vor allem als einen fürsorglichen, intelligenten und manchmal ruppig-autoritären, aber immer liebenden und respektvollen Mann kennen. Die Konsequenzen seiner Handlungen kennt er dabei ebenso genau wie die alte Schule: Selbst auf der Flucht hält er Holly noch die Tür des „geliehenen“ Cadillacs auf. Der noch unbekannte Martin Sheen, der spätestens in Francis Ford Coppolas Apocalypse Now weltbekannt werden sollte, verleiht diesem Kit eine große Authentizität und Komplexität: Nicht zu ergründen und grundsympathisch.

Auch Sissy Spacek, die zum Zeitpunkt des Drehs bereits 24 Jahre alt war, kauft man die Rolle der 15-jährigen Holly jederzeit ab. Frühreif, abgeklärt und gleichzeitig doch noch Kind, verbindet sie wohl gerade ihre Intelligenz und ihre romantische Naturverbundenheit mit ihrem Liebhaber. Sie philosophiert im Voice Over über ihr Leben, über „das“ Leben, in altbekannten und unbekannten Was-wäre-wenn-Fragen und kann sich in den schwarzweißen Bildern des Stereoskops ihres Vaters verlieren. Dabei fehlt aber auch ihr nicht der Blick für das unausweichliche Ende. Ihr Weg an der Seite von Kit ist nicht das Ergebnis jugendlichen Leichtsinns: „It was better to spend one week with one who loved me for who I was than years of loneliness.“

Die gesamte, befristete Beziehung, die beide miteinander führen, ist eine gegenseitige Abhängigkeit, für die sie sich bewusst entschieden haben. Er opfert seine Zukunft für eine kurze Zeit mit ihr und achtet stets darauf, dass akute Bedrohung und späte Konsequenzen soweit wie möglich nur ihn selbst treffen können, sie ist ihm dafür hörig: „He says frog, I jump.“

Malick schuf mit einem schmalen, zusammengeklaubten Budget von 500.000 Dollar und einer eigens gegründeten Produktionsfirma nicht nur die Vorlage für Oliver Stones Natural Born Killers. „Badlands“ ist eine außergewöhnliche Liebesgeschichte 1, die wunderschön fotografiert und musikalisch untermalt und großartig gespielt ist, ohne dabei jemals kitschig zu werden. Kit und Holly sind keine dahergelaufenen, alltäglichen Charaktere, sondern zwei komplizierte und liebenswerte Personen, die das Leben miteinander und füreinander intensiv machen. Hier gibt es keine eindimensionalen Kausalitäten, keine schicksalhafte Verkettung unglücklicher Umstände, keinen übernatürlichen, unsichtbaren Verantwortlichen, sondern bewusste Entscheidungen irdischer Menschen – und die temporäre Kraft der Verdrängung.

Bei aller Gewalt wird „Badlands“ niemals explizit moralisierend, ohne dabei amoralisch zu sein. Du sollst nicht töten. Das ist Kit und Holly von der ersten Minute an ebenso klar, wie dem Zuschauer. Eine Rechtfertigung dafür gibt es nicht. Einmal einen bestimmten Weg eingeschlagen, gibt es kein zurück mehr. Auch die Anarchie der Natur, die Schauplatz und Zufluchtsort ist, kann daran nichts dauerhaft ändern. Kit entgeht seiner gerechten Strafe nicht, die Liebe findet ihr absehbares Ende und trotz allem: Von Schwermut keine Spur. So schön kann Tragik sein.


1 übrigens wieder einmal beruhend auf einer der berühmten, wahren Begebenheiten: Charles Starkweather und Caril Fugate hielten 1958 die USA mit einer brutalen Mordserie in Atem
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