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Die Akte Jane
Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
1,5
enttäuschend
Die Akte Jane
Von Jonas Reinartz
„Sadomasochismus: das Empfinden von sexueller Lust, Erregung beim Ausführen und Erdulden von körperlichen oder seelischen Misshandlungen.“ [1]

In der heutigen Zeit mag es unglaublich klingen, doch Demi Moore war einmal der größte weibliche Star Hollywoods. Übermäßig talentiert hatte sie sich nie gezeigt, sieht man von den Filmjournalisten ab, hatte dies auch nie jemanden ernsthaft gestört – die Kassen klingelten und das ist es, was in der Traumfabrik zählt. Nach einem guten Start in den 80er Jahren mit Filmen wie Joel Schumachers „St. Elmo’s Fire“ war es bereits der 1990 entstandene Ghost, der ihren kometenhaften Aufstieg andeutete. Moore arbeitete bald mit Größen wie Tom Cruise und Jack Nicholson (Eine Frage der Ehre), Robert Redford („Ein unmoralisches Angebot“) oder Michael Douglas („Enthüllung“). Es waren gerade die brisanten Sujets, die sie ins Gespräch brachten und ihr ein entsprechendes Image verpassten, was sie bereitwillig annahm und durch diverse Aktionen noch zementierte. So ließ sie sich nackt für das Cover des „People“-Magazine ablichten und die Brüste durch Silikonimplantate vergrößern. Doch die Popularität eines Männertraumes hat für gewöhnlich eine sehr geringe Halbwertszeit, so dass sich die Aktrice danach sehnte, als erstzunehmende Künstlerin zu gelten, doch die Hawthorne-Adaption Der scharlochrote Buchstabe mit Gary Oldman an ihrer Seite und „Striptease“, beides Misserfolge, manövrierten ihre Karriere in eine Abwärtsspirale. Hinaus führen sollte das Action-Drama „Die Akte Jane“, ein auf dem Papier sicherer Hit über die Geschichte einer willensstarken Soldatin, realisiert durch den angeschlagenen Regievirtuosen Ridley Scott, der hiermit seine Reputation fast völlig gegen die Wand fuhr. Das Resultat ist ein Markstein des schlechten Kinos – eine pseudo-feministische, reaktionäre, verklemmte, homophobe, sadistische, unfreiwillig komische und schlicht einfältige Sadomaso-Fantasie.

Die ehrgeizige Senatorin Lillian DeHaven (Anne Bancroft) sucht ein Versuchskaninchen für ihren Plan, der Öffentlichkeit zu beweisen, dass es für Frauen möglich sei, selbst bei den Navy Seals, einer der härtesten Militäreinheiten der Welt, zu bestehen. Nach einer Sichtung der möglichen Kandidatinnen entscheidet sie sich für die gescheite Jordan O'Neil (Demi Moore), deren Freund Royce (Jason Beghe) alles andere als begeistert über die Entscheidung seiner Partnerin ist, die die Herausforderung gerne annimmt. Bereits kurz nach ihrer Ankunft auf der Catalano Naval Base in Florida sieht sie sich diskriminiert, denn ihr Vorgesetzter, C.O. Salem (Scott Wilson), nimmt sie allein aufgrund ihres Geschlechts nicht ernst. Die größte Herausforderung lauert in Form des grausamen Ausbilders Chief John James „Jack“ Urgayle (Viggo Mortensen), der sich redlich bemüht, eine legendäre Statistik zu bestätigen. Diese besagt, dass ungefähr 60 Prozent eines Jahrgangs bei seiner Truppe frühzeitig aufgeben, Männer wohlgemerkt, eine Soldatin hat sich bisher wohlweislich diesem Martyrium nicht ausgesetzt.

Es schien eine so sichere Angelegenheit zu sein. Ein erfahrener Regisseur, der Thelma And Louise zu einem durchschlagenden Erfolg gemacht hatte und eine ehrgeizige Schauspielerin, die ihren Körper willig den Anforderungen ihrer Karriere unterordnete. Dass die damalige Gattin von Bruce Willis die Ambition besaß, ihren Körper deutlich zu verändern, war im Allgemeinen nach ihrer Brust-OP und spätestens nach den Tanzstunden für „Striptease“ sehr offensichtlich. Das Problem lag nur darin, dass sie ihre anziehende Wirkung erzwingen wollte. Am attraktivsten wirkte sie am Anfang ihrer Karriere, wenn sie ganz natürlich und ohne jegliche kosmetische Chirurgie einfach spielte, ohne PR-Berater im Kopf. Ihre mühsam einstudierten Verrenkungen an der Stange waren dann auch alles Mögliche, nur eben nicht erotisch, wie besonders die amerikanische Presse mit Wonne und voller Hohn feststellte. Als Soldatin schlägt sie sich (das ist durchaus wörtlich zu nehmen) innerhalb ihrer recht eingeschränkten Möglichkeiten durchaus wacker, auch wenn ihr Körper recht grotesk anmutende Züge annimmt.

Ausgerechnet sie, die üppige Aphrodite der 90er, schmeißt sämtliche femininen Attribute über Bord und wird zur perfekten Killermaschine. Im Grunde kann man zum Militär stehen, wie man will, vertritt man einen uneingeschränkten Emanzipationsbegriff, darf auch vor solchen Institutionen nicht Halt gemacht werden. Worin der Sinn besteht, jegliche Individualität und Würde vor der Kasernentür anzugeben und sich bedingungslos unterzuordnen, sei einmal dahingestellt. Überaus bedenklich ist zweifellos die Darstellung von O’Neills Master Chief Urgayle, verkörpert von einem bestens aufgelegten Viggo Mortensen. Dieser Spaß sei ihm gegönnt, als Zuschauer kann man ihn nicht teilen. Seit Quentin Tarantinos amüsanter Top Gun-Analyse in „Sleep With Me“ gilt bei Hollywoods Militärfilmen stets höchster Homosexualitätsverdacht, doch was Scott und seine Autoren David Twohy und Danielle Alexandra hier auffahren, ist so unfassbar, dass man es gesehen haben sollte, denn der böse Ausbilder entpuppt sich früh in seinem Aussehen als Homosexueller. Mit seinem Oberlippenbärtchen und den muskulösen Oberarmen - derartig sah Mortensen weder zuvor nach danach aus - scheint er direkt einer S/M-Lederbar entstiegen zu sein, nur um dann in seinem Beruf ebenfalls niedere Triebe auszuleben. Daneben lauscht er Mozart und liest D.H. Lawrence, dem bisexuellen Autor von Lady Chatterley. Das darf natürlich nicht sein, viel zu gebildet und „europäisch“ ist dieser Kerl, so einer kann ja nur diabolisch sein. So viel zu den Feindbildern der US-Rednecks. Um die aufmüpfige Göre zu brechen, sie zu misshandeln, ist er allerdings genau der Richtige und warum sollte sie sich auch beschweren? Es scheint ihr ja Vergnügen zu bereiten.

Denn darum scheint es vornehmlich zu gehen. Auf die Frage, warum sie sich diese Tortur antue, antwortet unsere Heldin erwartungsgemäß, ihre sämtlichen Kollegen bekämen eine Erektion. Mitten in die Gefilde der Exploitation begibt sich der Film, wenn Gargoyle die langersehnte Chance erhält, sein Lieblingsopfer ausgiebig zu martern. Dabei schlägt er ihr das Gesicht fast zu Brei und hält sie die meiste Zeit so vor sich, als wolle er sie anal vergewaltigen. Das Höchste ist es dann, sie unter Wasser zu tauchen, was er zuvor in ähnlicher Weise schon einmal tat, also gelingt ihm tatsächlich auf diese Weise zweifach eine Penetration, denn beide Male soll sie „schlucken“. Nimmt man hinzu, dass ein kahlgeschorenes, zudem noch weibliches, Opfer sehr unangenehme Assoziationen evoziert, so ist diese ausgedehnte Szene, in denen O’Neill systematisch gefoltert wird, vor allem angesichts der gefährlich-verführerischen Clip-Ästhetik, zweifellos eine der übelsten, die das Mainstream-Kino der vergangenen Jahre hervorgebracht hat. Dies ist alles schlimm genug, doch es kommt noch ärger. Nachdem Gargoyle sie sowohl physisch als auch psychisch zu Grunde gerichtet zu haben scheint, rafft sie sich wieder auf und schleudert ihm ein freudiges „Suck my dick!“ entgegen. Da hat sie es also tatsächlich geschafft, sämtliche Sensibilität und sonstige Tugenden ihrer Geschlechtsgenossinnen abzulegen und sich einen symbolischen Phallus wachsen zu lassen.
Jacques Lacan und Sigmund Freud hätten ihre wahre Freude gehabt. Nicht nur, dass sie ihren „Meister“ verbal erniedrigt, anschließend schlägt sie ihn zünftig zusammen. Folglich ist es also durchaus angebracht, ihren Ausspruch wörtlich zu nehmen, denn es ist tatsächlich sie, die ihren Peiniger „fickt“, d.h. zusammenschlägt und erniedrigt. Er, der zuvor vor aller (Männer-)Augen ihre Schwächen bloßlegen wollte, ist davon so beeindruckt, dass er sie schließlich öffentlich akzeptieren kann.

Es handelt sich in der Tat um eine sadomasochistische Beziehung. O’Neills Partner findet sich lediglich in drei marginalen Szenen und wird am Ende gar nicht mehr erwähnt. Für etwas wie Anteilnahme oder Liebe ist in dieser Welt keinerlei Platz. Sexualität wird mit roher Gewalt gleichgesetzt und falls der Ehemann den Ansprüchen nicht genügt, holt sich „Frau“ eben das, was sie braucht, beim Militär. Dazu passt, dass Mortensens erster Auftritt von Scott fast wie jener einer Diva in Zeitlupe inszeniert wird, man denke etwa an Martin Scorseses Einführung von Sharon Stones Ginger in Casino. Hier findet eine neue O. ihren René, nur mit der Änderung, dass sie im Gegensatz zu ihrer Vorgängerin in Dominique Aurys Skandalroman nicht ausschließlich devot, sondern auch dominant ist. Das soll der Sinn des Feminismus, von der Arbeit von ganzen Generationen couragierter Frauen, sein? Die Tatsache, dass Gargoyle offensichtlich homosexuell ist, stellt keinen Widerspruch dar, ganz im Gegenteil. Dabei sollte zunächst die offensichtliche Homophobie des Films beachtet werden. Diese Haltung zieht sich durch die gesamte Handlung. Anne Bancrofts intrigante Figur etwa ist zwar nicht eindeutig lesbisch, doch ihr typisch männliches Verhalten ist augenfällig, wobei die plakativen Versuche, sie dennoch weiblich zu zeichnen, etwa durch das Schminken im Auto oder Lockenwickler im Haar, nicht zu leugnen sind. Ihre Verschlagenheit wiegt umso schwerer, da sie eine Frau ist, bei einem Mann ist dies nicht weiter tragisch, scheinen die Bilder zu sagen. Die männlichen Machthaber sind dann auch durch und durch machtbesessen und lustvoll verschlagen, aber vor allem Schwulenhasser par excellence. Denn wer spielt schon gerne Poolbillard, ist das nicht der Sport mit der rosa Kugel? Wenn dann allerdings der gleiche Politiker kurz darauf äußert, er werde seine Zigarre nicht rauchen, sondern darauf „herumkauen“, so lugt bereits das nächste Problem um die Ecke.

Im Grunde handelt es sich bei sich bei diesem Film unterschwellig um die heterosexuelle Fantasie, an einem homosexuellen Akt teilzunehmen. Am Ende hat O’Neill sämtliche weiblichen Attribute von sich gestreift. Kaum um die Haarmähne erleichtert [2], verändern sich bereits ihre Gesichtszüge, sehr unsubtil von Moore durch aggressives Mienenspiel unterstrichen. Zunächst meint man, der Körper der Aphrodite sei zu jenem der Penthesilea, der Tochter des griechischen Kriegsgottes Ares und Königin der Amazonen mutiert. Tatsächlich zeigt Moores Körper gen Ende mehr Muskeln als jener von Bruce Willis, dessen bodenständiger Charme in den Stirb langsam-Filmen gerade darin bestand, dass er eben nicht wie ein Bodybuilding-Fanatiker aussah, jemals besaß. Ihre Trainingseinheiten erscheinen dann auch wie ein grotesker Zwitter aus überinszeniertem Workout-Video und (unfreiwilliger) 80er Parodie an. Wüsste man nicht, dass hier Ridley Scott am Werk war, würde man vermuten, sein Bruder Tony hätte auf dem Regiestuhl gesessen. Eine bewusst vorwärts treibende Montage, inklusive einhergehender fahriger Erzählweise, nachlässige Schauspielführung, Gegenlicht, Nebel, zu viele Nahaufnahmen, kurzum: style over substance wohin man blickt. Was bei ihm zur Normalität gehört, lässt bei seinem älteren Bruder auf eine Schaffenskrise schließen. [3] Dabei rücken auch stets Moores ausgeprägte Brüste in den Blick, so dass sie zunehmend nicht nur androgyn wirkt, sondern zudem wie ein moderner Hermaphrodit erscheint, als eine Kreuzung von Aphrodite und Ares, der als Ideal männlicher Stärke gilt. Indem sie von ihrem Ausbilder sukzessive vermännlicht wird, ohne freilich ihre primären Geschlechtsmerkmale einzubüßen, wird sie zum möglichen Ideal jener männlichen Zuschauer, die Angst vor ihrer eigenen unterdrückten Homosexualität haben und diese Seite durch die Abneigung auf das, was sie eigentlich begehren, kompensieren. Ein altes Phänomen. Doch so schlimm ist es ja dann doch nicht, Moore ist ja noch irgendwie Frau, nicht zuletzt dank ihrer Oberweite, da muss man(n) sich nicht schämen, wenn das Blut in Wallung gerät. Die alten Feindbilder sind, in Gestalt von Gargoyle, schließlich immer noch vorhanden und wenn der gleiche Fiesling das unnahbare Frauchen auch noch mal ordentlich züchtigen darf, ist die Freude vermutlich groß.

Bei einem Fiasko wie „Die Akte Jane“ fällt es schwer, überhaupt positive Worte zu finden. Wäre er nicht derartig voller Sadismus und von einem sowohl bizarren als auch sehr bedenklichen Frauen- und – Sexualitätsbild geprägt, könnte man ihn als Trash-Film empfehlen, so reicht es allenfalls für eine Warnung. Am besten betrachtet man ihn eher als filmgeschichtliches Kuriosum oder lohnenswertes Objekt der Genderforschung, der zwar finanziell nicht ein derartiger Reinfall war, wie gemeinhin angenommen wird, doch nahezu zwei Karrieren in den Orkus beförderte – die eines verzweifelten Meisterregisseurs und eines überambitionierten Stars. Inzwischen haben beide diesen Tiefpunkt längst überstanden. Scott landete, trotz heftiger Kritik in Vorfeld, mit Gladiator ein furioses Comeback, das ihn zu weiteren inspirierten Arbeiten anspornte und Moore hat zwar nie wieder zu ihrer vormaligen Popularität zurückgefunden, zeigt jedoch in sehenswerten Rollen wie in Mr. Brooks etwas von ihrem durchaus vorhandenem Potential, allen Unkenrufen zum Trotz.

[1] Duden. Das große Fremdwörterbuch. 3., überarbeitete Auflage, Mannheim/Leipzig/Wien/Zürich: Dudenverlag 2003, S. 1196.

[2] Laut wikipedia wird „die Unterwerfung des Sub […] von diesem manchmal durch Symbole wie ein besitzanzeigendes Halsband, besondere Tätowierungen, Intimschmuck oder sehr kurz geschnittene Haare oder Glatzen nach außen hin demonstriert“ ( http://de.wikipedia.org/wiki/BDSM ; Stand: 25.12.2007)

[3] Bezeichnenderweise ist dies der einzige Film Scotts, gemeinhin als einer der versiertesten Stilisten des zeitgenössischen Kinos geltend, der einen unübersehbaren inszenatorischen faux pas aufweist. Während des Showdowns zwischen Amerikanern und Libyern versuchen er und Kameramann Hugh Johnson, dem Betrachter die realitätsverzerrenden optischen Irritationen des Kampfgeschehens zu vermitteln. Das gewählte Mittel, ruckartige Zoombewegungen in beide Richtungen, erinnert an ein amateurhaftes Musikvideo und ist als misslungen zu bezeichnen.
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