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Beim Sterben ist jeder der Erste
Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
5,0
Meisterwerk
Beim Sterben ist jeder der Erste
Von Florian Koch
Degenerierte Hinterwäldler im Kampf gegen arrogante Städter – Backwoods-Horrorfilme haben immer noch Hochkonjunktur. Populäre Vertreter dieses Subgenres wie Wrong Turn oder The Texas Chainsaw Massacre vernachlässigen den gesellschaftskritischen Aspekt dabei häufig zu Gunsten vordergründiger Splatter-Einlagen. Nicht so „Beim Sterben ist jeder der Erste“. Der Vorreiter der Backwoods-Mode verstörte 1972 die Kinozuschauer mit nervenzerfetzenden Spannungssequenzen und abartigen Hillbilly-Charakteren. Regisseur John Boorman (Point Blank, Excalibur)) schuf mit seinem abgründigen, zivilisationskritischen Thriller einen Terrorfilm-Klassiker, der bis heute nichts von seiner Brisanz verloren hat.

Abenteurer Lewis (Burt Reynolds, Boogie Nights) animiert seinen Freund Ed (Jon Voight, Asphalt Cowboy) und dessen Kumpels Bobby (Ned Beatty) und Drew (Ronny Cox) zu einer gemeinsamen Kanutour. Fern von ihrer Heimat wollen sich die Großstädter am wilden Cahulawassee in Georgia ihre Männlichkeit beweisen. Zusätzlicher Anreiz ist die Tatsache, dass durch den Bau eines Staudamms der reißende Fluss und seine idyllische Umgebung kurz vor der Flutung stehen. Trotz einiger Stromschnellen verläuft der Ausflug ins kühle Nass zunächst ohne besondere Vorkommnisse. Jegliche Lagerfeuerromantik ist jedoch verflogen, als Ed und Bobby, die sich von Lewis’ Boot entfernt hatten, am Ufer auf zwei verkommene Hinterwäldler treffen. Trotz seiner Beschwichtigungsversuche wird Ed an einen Baum gefesselt und muss mit ansehen, wie Bobby brutal vergewaltigt wird. Als auch Ed zum Oralverkehr gezwungen werden soll, erschießt Lewis mit seinem Bogen einen der Hillbillies. Dessen Kompagnon kann im Eifer des Gefechts fliehen. Gegen den Widerstand von Drew beschließen die Männer, den getöteten Angreifer zu begraben, den Vorfall nicht den örtlichen Behörden zu melden und die lebensgefährliche Kanufahrt fortzusetzen…

„Beim Sterben ist jeder der Erste“ tritt mal wieder den Beweis an, dass sich auch hinter einem trashigen deutschen Titel ein hervorragender Film verbergen kann. Im Original heißt John Boormans Thriller-Meilenstein „Deliverance“, was so viel bedeutet wie „Befreiung“ oder „Errettung“. Diese Bezeichnung trifft nicht nur den Kern des Kunstwerks wesentlich besser als der deutsche Titel, sondern stellt auch noch den Bezug zur preisgekrönten gleichnamigen Romanvorlage (hierzulande erschienen unter dem Titel „Flussfahrt“) von James Dickey her. Dessen beißende Zivilisationskritik hat Boorman in seiner kongenialen Buchadaption beibehalten.

Die erste Konfrontation der Städter mit den Einheimischen schrieb Filmgeschichte. Während der korpulente Bobby seine Abscheu vor den heruntergekommenen Gebäuden und den mürrischen Einwohnern nicht verbergen kann, liefert sich der feinsinnige Drew ein faszinierendes „Banjo“-Duell mit einem offensichtlich geistig behinderten Jungen. Am Ende muss sich Drew dem halsbrecherischen Spieltempo des Kindes geschlagen geben. Eine dunkle Vorahnung dessen, was den vier Männern noch blühen wird. Boorman schildert die Großstädter wie Eindringlinge in eine fremde, völlig von der Außenwelt abgeschottete Umgebung. In kleinen Gesten zeigt der britische Ausnahmeregisseur, dass diese zwei Welten nicht mehr zusammenkommen werden. Aber auch in der Männergemeinschaft kriselt es. Lewis spielt sich schnell als cooler Macho-Anführer auf, der den Anderen, die im Berufsleben erfolgreicher sind als er, endlich mal zeigen darf, wo es langgeht. Umso bemerkenswerter ist Boormans Dekonstruktion dieser scheinbaren Heldenfigur, indem er den muskulösen Schweiger durch eine schwere Beinverletzung bald aus der Handlung nimmt und durch den Normalo Ed, der sich im Angesicht der Gefahr zum eigentlichen Helden mausert, ersetzt.

Generell überzeugt die Dramaturgie von „Beim Sterben ist jeder der Erste“. Die vielschichtigen, von den damaligen Jungstars glänzend gespielten Charaktere erzeugen sofort Interesse, die Spannung steigert sich von Minute zu Minute. Neben dem immer wieder aufgenommenen, bedrohlichen „Banjo“-Motiv ist es auch die virtuose Kameraarbeit von Vilmos Zsigmond, die zur Klasse des Thrillers beiträgt. Er fängt sowohl die idyllische Schönheit der Natur wie auch ihre magische Undurchdringlichkeit ein. Wo der Feind lauert, können sowohl die Protagonisten als auch der Zuschauer nie vorausahnen. Beeindruckend sind auch die Actionszenen, die Boorman mit meisterhafter Schnitttechnik inszeniert. Die gefährlichen Kanustunts und Klettersequenzen wurden von den Darstellern selbst ausgeführt. Diese Authentizität ist zu spüren, nichts wirkt künstlerisch überhöht.

Als aus dem Nichts die berühmt-berüchtigte Vergewaltigungsszene einsetzt, kennt der Schock keine Grenzen. Die Unberechenbarkeit der Situation, die Widerlichkeit der Angreifer und die Angst von Ed und Bobby wirken absolut echt. Mit der Kunst der Andeutung gelingt es Boorman innerhalb von nur einer Szene den Abenteuertrip in eine Horrorodyssee zu verwandeln. Der Lohn für die geradlinige, realistische und ungemein packende Thrilleradaption waren sechs Golden-Globe- und drei Oscarnominierungen, darunter für den besten Film und die beste Regie. Burt Reynolds wurde quasi über Nacht zum Sexsymbol der 70er Jahre und der Cahulawassee-Fluss zur beliebten Touristenattraktion. 31 Menschen sollen in den Folgejahren bei ihren Nachahmer-Kanufahrten ertrunken sein. Dabei enthält Boormans Film neben der Zivilisationskritik auch eine deutliche Warnung vor dem Raubbau an der Natur. Denn niemanden - inklusive der vier Hauptfiguren - scheint es zu stören, dass durch den Staudammbau Tausende Menschen ihre Bleibe verlieren. Der Terror, den die Städter erfahren, ist somit auch ein symbolischer Stellvertreterkrieg gegen die Zerstörung des Lebensraums der Einheimischen.

Fazit: Mit „Beim Sterben ist jeder der Erste“ schuf John Boorman einen mitreißenden und knallharten Backwoods-Horrorthriller, dessen unterschwellige Kritik an der Zerstörung der Natur aktueller ist denn je.
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