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The Raven
Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
2,0
lau
The Raven
Von Robert Cherkowski
Wie kaum ein anderer Autor hat Schauergroßmeister Edgar Allan Poe die Entwicklung der Kriminal- und Horror-Literatur geprägt. Unzählige Künstler hat er bis heute inspiriert – darunter auch viele Filmemacher. Poes Einfluss zeigt sich nicht nur in weitgehend vorlagentreuen Verfilmungen einzelner seiner Werke, sondern häufig viel mehr noch in der freien Kombination typischer Motive aus seinem Schaffen. In James McTeigues „The Raven" wird diese Collagentechnik gewissermaßen auf die Spitze getrieben: In den historischen Thriller fließt das titelgebende Gedicht mit ein, dazu kommt ein regelrechtes Best-of Poe'scher Motive und nebenbei wird noch der Autor selbst als Protagonist in die Handlung eingewoben. Es gelingt dabei allerdings nicht, die vielen verschiedenen Ebenen und Elemente überzeugend zu einer Einheit zu verbinden. Über weite Strecken gibt es hier künstlerisch unausgewogenes Stückwerk, aus dem vor allem der völlig ungehemmte Hauptdarsteller John Cusack in der Rolle Poes herausragt.

Im Baltimore des späten 19. Jahrhunderts treibt ein Serienkiller sein Unwesen. Die Polizei hat ihren besten Mann, die genialische Spürnase Detective Emmett Fields (Luke Evans), auf die Fälle angesetzt. Der verdächtigt bald den sturztrunkenen und für seine unheiligen Schriften geächteten Schriftsteller Egar Allan Poe (John Cusack) - schließlich wurden die schrecklichen Taten nach Motiven aus dessen Erzählungen begangen. Als der Autor in Untersuchungshaft sitzt, kommt es jedoch zu weiteren Morden, die ebenfalls nach literarischen Mustern zelebriert werden. Notgedrungen tun sich der Ermittler und der verkrachte Schreiber zusammen, um dem belesenen Killer auf die Schliche zu kommen...

Die Idee, eine Filmbiografie mit einer Künstlerwerkschau und einem Krimi in historischer Kulisse zu kombinieren, ist vielversprechend – sie funktionierte schon in Steven Soderberghs „Kafka" und ähnlich auch bei David Cronenbergs William-S.-Burroughs-Film „Naked Lunch". Im Falle von „The Raven" ist die Mixtur allerdings nicht so stimmig geraten, sie wird mit dem Seitenblick auf vermeintliche Publikumserwartungen deutlich verwässert. Da gibt es dann ein wenig Detektiv-Geschichte im Stil von Guy Ritchies „Sherlock Holmes", dazu etwas „From Hell" und eine Prise Gothic-Horror à la Tim Burton. Und obwohl Poes Geschichten nicht besonders blutig sind, hat man es zudem für nötig gehalten, ein paar Splatter-Effekte einzubauen. So etwa in einer Szene, die auf das berühmte Poe'sche Pendel verweist und die zugleich deutlich an die Mordsmaschinen aus der „Saw"-Reihe erinnert. Spätestens da scheint es kaum noch um einen schlüssigen Blick auf das 19. Jahrhundert zu gehen, sondern vielmehr darum, möglichst viele Bezüge zu beliebten und bekannten Filmen der jüngeren Vergangenheit herzustellen.

Die Wachowski-Geschwister, denen James McTeigue bei der „Matrix"-Trilogie noch assistiert hatte, vertrauten dem Australier 2006 ihr Drehbuch zu „V wie Vendetta" an und ermöglichten ihm damit das Debüt als Chef im Regie-Ring. Bei der Comicverfilmung zeigte McTeigue durchaus eine eigene Vision und einigen Stilwillen, doch bei „The Raven" ist davon deutlich weniger zu spüren. Und so bleibt es Poe-Darsteller John Cusack („High Fidelity, „Being John Malkovich"), der die Rolle übernahm nachdem zuvor unter anderem Jeremy Renner, Ewan McGregor und Joaquin Phoenix im Gespräch waren, vorbehalten, für Leben zu sorgen. Der sonst eher auf schluffige Sympathieträger spezialisierte Schauspieler ließ sich offenkundig von der Hysterie eines Nicolas Cage sowie von der Spleenigkeit eines Johnny Depp inspirieren und gestikuliert sich wild augenrollend um Kopf und Kragen. Cusacks witzige Performance ist eine helle Freude, seine Co-Darsteller dagegen scheinen in einem anderen Film mitzuspielen. Wo Cusack zuweilen etwas übermotiviert wirkt, bleiben Luke Evans („Der Hobbit"), Brendan Gleeson („The Guard") und Alice Eve („Zu scharf um wahr zu sein") eher unterkühlt. Und damit gilt für die Schauspieler was für den gesamten Film gilt: Die einzelnen Teile passen einfach nicht so recht zusammen.

Fazit: Trotz seiner reizvollen Grundkonstellation ist James McTeigues „The Raven" bloß ein lauwarmer Genre-Mix – aber zumindest der irre durch den Film gockelnde Hauptdarsteller John Cusack als Edgar Allan Poe sorgt für Kurzweil und ist einen Blick wert.
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Kommentare

  • _kaphoon_
    Was dem Film fehlt ist Spannung, die ist so gut wie kaum vorhanden. Als grosser Fan der unvollendeten Hörspielserie waren mir die Mordtaten bekannt und das ist sicherlich nicht unwichtig, ein wenig Hintergrundwissen zu haben. Die viktorianische Zeit ist sehr gut eingefangen, Cusack spielt Poe wirklich gut, obwohl dieser in Wirklichkeit kein Trunkenbold gewesen sein soll.
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