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    The Burnt Orange Heresy
    Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
    3,5
    gut
    The Burnt Orange Heresy

    Die Kunstkritik bekommt wieder ihr Fett weg

    Von Christoph Petersen
    In seiner Slasher-Satire „Die Kunst des toten Mannes“ rechnete „Nightcrawler“-Regisseur Dan Gilroy bereits im vergangenen Jahr ziemlich brutal mit dem Berufsstand des Kunstkritikers ab. Jake Gyllenhaal verkörpert darin einen Kritiker für moderne Kunst als affektiertes Arschloch mit Angeberbrille und einem Namen, der schon alles sagt: Morf Vandewalt. Nun legt der italienische Regisseur Giuseppe Capotondi, bekannt vor allem für seine Musikvideos und Episoden der Serien „Berlin Station“ und „Suburra“, mit einer Verfilmung von Charles Willefords Krimi „Ketzerei in Orange“ aus dem Jahr 1971 noch einen drauf: James Figueras, der gleich zu Beginn die steile These aufstellt, dass Kunst ohne den Kritiker gar nicht existieren könnte, ist ein ambivalenter Protagonist, dessen Abgründigkeit sich allerdings erst nach und nach herausschält. Aber im Gegensatz zum enttäuschend-prätentiösen „Die Kunst des toten Mannes“ macht es in „The Burnt Orange Heresy“ viel Vergnügen, dem Kritiker bei seinem langsamen Versinken im moralischen Morast zuzuschauen.

    Ohne genau zu wissen, warum er eigentlich herbeizitiert wurde, folgt James Figueras (Claes Bang) der Einladung des Kunsthändlers Joseph Cassidy (Mick Jagger), ihn in seinem herrschaftlichen Sommeranwesen am Comer See zu besuchen. In seinem Schlepptau hat der Kunstkritiker die amerikanische Touristin Berenice Hollis (Elizabeth Debicki), die er erst vor wenigen Tagen bei einem seiner Museumsvorträge kennengelernt hat. Eigentlich geht James davon aus, dass er für den steinreichen Kunstsammler einen Katalog schreiben soll. Aber der hat etwas ganz anderes auf dem Herzen. Im Gästehaus des Anwesens lebt nämlich seit einiger Zeit der legendäre Maler Jerome Debney (Donald Sutherland), dessen Werke einst allesamt in einem Feuer zerstört wurden und der nun im Geheimen wieder mit dem Malen angefangen haben soll. James bekommt die Chance, Debney exklusiv zu interviewen – muss aber als Gegenleistung eines seiner Bilder für Cassidy beschaffen…

    Ist Berenice wirklich nur eine zufällige Touristin? Oder steckt womöglich mehr dahinter?


    Das zentrale Thema wird gleich in der ersten Szene festgezurrt: James hält einen Vortrag über die „Macht des Kritikers“ (so auch der Titel seines Buchs), in dem er sich widersprechende Geschichten über ein Gemälde erzählt, die sein Publikum ein und dasselbe Bild immer wieder mit völlig anderen Augen sehen lässt. Stammt es nun von einem Holocaust-Überlebenden, der hier seine erlebten Grauen verarbeitet, oder hat James es einfach in einer halben Stunde vor der Veranstaltung selbst schnell hingeschmiert? Ein Künstler kann sein Werk nur raus in die Welt stellen – aber der Kritiker kann lenken, wie es wahrgenommen wird. Ob da nun etwas Wahres dran oder es einfach nur ausgemachter Bullshit ist – zumindest ist es diese Hybris des Kritikers, an der er noch schwer zu knabbern haben wird.

    Aber bevor es dazu kommt, startet „The Burn Orange Heresy“ erst einmal als geschliffen-doppelbödiges Kammerspiel vor sommerlicher Traumkulisse. Einige sehr clevere (und zu einem unterschiedlichen Grad moralisch verabscheuungswürdige) Menschen sprechen über die Kunst und lassen dabei keine Chance aus, ein neckisches bis provozierendes Innuendo in ihren Bemerkungen unterzubringen. Ein (pseudo-)intellektueller Machtkampf unter der italienischen Sonne, der einfach nur sehr viel Spaß macht. Nach einer halben Stunde könnte man deshalb auch leicht auf die Idee kommen, dass es mit dieser Leichtigkeit und Sexyness (viele Bett-und-Bikini-Szenen) weitergeht. Quasi eine Kammerspielversion von „Die Thomas Crown Affäre“ – mit zwei, drei 180-Grad-Wendungen zum Schluss und dann fährt die cleverste der Figuren in einem Cabrio mit dem begehrten Kunstwerk davon.

    Mick Jagger rockt!


    Aber auch wenn der zumindest zu Beginn charmant-raue Däne Claes Bang („Verschwörung“), der hier nach seinem internationalen Durchbruch mit dem Goldene-Palme-Gewinner „The Square“ erneut einen Kunst-Experten verkörpert, tatsächlich ein wenig an Pierce Brosnan als Thomas Crown erinnert, entwickelt sich „The Burnt Orange Heresy“ dann doch in eine ganz andere Richtung: Statt dem wiederholten Aufguss der Geschichte, wer hier am Ende wen und wie übers Ohr haut, beschert uns Capotondi ein abgründig-moralisches Thriller-Drama mit einem guten Schuss „Das verräterische Herz“ (von Edgar Allen Poe) sowie einer herrlich bösen Schlusspointe. Elizabeth Debicki (Hauptrolle in Christopher Nolans nächstem Film „Tenet“) liefert dazu die passende geerdete Performance, während sich ihre männlichen Co-Stars ständig gegenseitig zu übertreffen versuchen.

    Rolling-Stones-Frontmann Mick Jagger muss in seinem ersten Kinoauftritt seit seinem „Bank Job“-Cameo von 2008 allerdings gar nicht groß extra aufdrehen. Schließlich wirkt auch schon eine leicht abgewandelte Version seiner selbst angemessen exzentrisch für einen egomanen Kunstsammler. Fast ein bisschen schade, dass Christopher Walken zwischenzeitig wieder aus dem Projekt ausgeschieden ist – die beiden „Typen“ hätten vermutlich grandios zusammengespielt. Aber Donald Sutherland („Die Tribute von Panem“) macht seine Sache als bärtiger Kunst-Eremit auch erwartbar gut, selbst wenn er die Rolle sehr viel gesetzter anlegt, als es der für sein exaltiertes Spiel bekannte Walken vermutlich getan hätte.

    Fazit: Ein moralisch abgründiger, toll gespielter, sexy-unterhaltsamer Kunst-Krimi vor der malerischen Kulisse des Comer Sees.

    Wir haben „The Burnt Orange Heresy“ auf dem Filmfestival in Venedig gesehen, wo er als Abschlussfilm gezeigt wurde.
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