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    Underdogs
    Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
    3,5
    gut
    Underdogs
    Von Anna Lisa Senftleben
    „Es ist schwer, einen so treuen Gefährten wie einen Hund zu finden; hat ein Armer ihn aufgezogen, so wird er keinem Reichen je folgen.“ (Weisheit aus der Mongolei)

    Harter Knastalltag und süße Hundewelpen passen auf den ersten Blick zusammen wie Tag und Nacht. Aber dass Tiere hinter Gittern eine durchaus positive Auswirkung auf die Insassen haben können, beweisen bereits zahlreiche Studien. Vor elf Jahren wurde von Gloria Gilbert Stoga das Projekt „Puppies Behind Bars“ zunächst in dem New Yorker Frauengefängnis Bedford Hills Correctional Facility ins Leben gerufen. Im Rahmen dieses Programms bildeten die Gefangenen ihre Welpen erfolgreich zu Blindenhunden aus. Der deutsche Regisseur und Hundeliebhaber Jan Hinrik Drevs drehte bereits 2001 eine Dokumentation über ein solches Projekt und hat seine Erfahrungen nun zu der charmanten Feel-Good-Komödie „Underdogs“ verarbeitet.

    Muskelpaket und Einzelgänger Mosk (Thomas Sarbacher, Die Welle) hat alles andere als diesen süßen Labradorwelpen im Kopf: Er trainiert seit Wochen hart für die anstehenden gefängnisinternen Meisterschaften im Gewichtheben. So sträubt er sich zunächst auch vehement gegen das Projekt der neuen Gefängnisdirektorin Gloria (Clelia Sarto, „Knockin‘on Heaven‘s Door“), bei dem ausgewählte Häftlinge Welpen zu Blindenhunden ausbilden sollen. Leider hilft weder sein abweisendes Verhalten noch ein klares „Nein“, er wird gegen seinen Willen für das Programm ausgewählt und zieht kurz darauf zusammen mit fünf weiteren Teilnehmern und Knastkumpanen in einen speziellen Trakt der Vollzugsanstalt. Seine motivierten Mitstreiter Prell (Ingo Naujoks), Döner (Kida Khodr Ramadan), Forster (Thorsten Merten), Kiriakov (Wladimir Tarasjanz) und Tom (Philipp Baltus) freuen sich darüber, der Gefängniswäscherei und Küchenarbeit entkommen zu sein. Der erfahrene Hundetrainer Wache (Schauspieler und Regisseur Hark Bohm) liefert die ersehnten Hundebabys bei den sechs Projektteilnehmern ab und alle außer Mosk schließen ihr Tier auch sofort ins Herz. Körbchen und Namen werden verteilt und das intensive Training beginnt…

    „Hunde haben alle guten Eigenschaften der Menschen, ohne gleichzeitig ihre Fehler zu besitzen“ (Friedrich der Große)

    Jan Hinrik Drevs, der mit „Underdogs“ sein Kinofilmdebüt gibt, ist selbst zweifacher Hundebesitzer (auch Filmhund Klaus gehört ihm), was dem sympathischen Film auch jederzeit anzumerken ist. Die Beziehung Hund und Knastbruder stellt der 40-jährige Regisseur und Drehbuchautor schnörkellos und glaubwürdig dar. Neben einer gehörigen Portion Humor und Wortwitz sind es aber vor allem die starken Darsteller, die „Underdogs“ zu einer deutschen „Ausnahme-Komödie“ machen.

    Es darf ohne Zweifel behauptet werden: Casting-Chefin Deborah Congia hat verdammt gute Arbeit geleistet. Die Rolle des Mosk hätte kaum besser als mit Thomas Sarbacher besetzt werden können. Sowohl seine anfängliche Abneigung als auch die spätere Sympathie gegenüber seinem Hund stellt er überzeugend dar. Sowieso kauft man allen sechs Protagonisten den mehr oder weniger harten Knacki ab. „Tatort“-Sidekick Ingo Naujoks verkörpert Prell, einen verurteilten Mörder, der vor allem durch vorlaute Sprüche und seine zahlreichen Tattoos auffällt. Kida Khodr Ramadan (Knallhart) verwüstet als ebenso korpulenter wie sensibler Döner seine Zelle, nachdem ihn sein Welpe verlassen musste. Der hochintelligente Wirtschaftsverbrecher Forster, gespielt von Thorsten Merten (Halbe Treppe), steigert sich regelrecht in das Projekt „Knacki mit Hundebaby“ hinein und verflucht den Querulanten Mosk regelmäßig. Fehlen nur noch der grauhaarige Russe Kiriakov (Wladimir Tarasjanz), ein angeblicher Ex-Mafiosi, und der burschikose Tom (Philipp Baltus), die das Sextett vervollständigen. Aber auch die kleinsten Nebenrollen sind hervorragend besetzt, wie zum Beispiel Mosks muskelbepackter Konkurrent bei den Gewichtheben-Meisterschaften und die blinde Frau, die sich auf Anhieb in Mosks Welpen verliebt, beweisen.

    „Wenn du einen verhungerten Hund aufliest und machst ihn satt, dann wird er dich nicht beißen. Das ist der Grundunterschied zwischen Hund und Mensch.“ (Mark Twain)

    Auch der Titel des Films ist sorgfältig gewählt und beinhaltet ein klassisches Wortspiel: Innerhalb der Soziologie bedeutet „Underdog“ eine am Rande der Gesellschaft stehende Person, was auf einen Häftling eindeutig zutrifft; andererseits kann es aber auch mit „unter Hunden“ übersetzt werden, was im Falle von „Underdogs“ natürlich ebenso gut passt.

    Dreys ist die schwierige Gratwanderung zwischen Komödie und ernsthaftem Hintergrund spielend gelungen, wobei ihm auch die realistische Kulisse seines Films hilfreich zur Seite gestanden haben dürfte: Immerhin wurde vor Ort in der JVA Bützow in der Nähe von Rostock gedreht. Die Premieren von „Underdogs“ fanden dann auch stilecht in eben jener JVA Bützow und in der JVA Moabit in Berlin statt. Dabei spricht der Film aber natürlich nicht nur jene Zuschauer an, die ihn sich hinter Schwedischen Gardinen ansehen müssen, sondern dürfte auch all diejenigen begeistern, die offen sind für eine sensibel erzählte, humorvolle Story über einen harten Kerl mit weichem Kern, der durch einen vierbeinigen, treuherzigen Kumpanen erfährt, was wahre Freundschaft ist. Wenn „Underdogs“ auch nicht ganz ohne die eine oder andere kitschige Szene auskommt, ist er doch eine der positiven Überraschungen dieses Kinosommers und es bleibt zu wünschen, dass er das Publikum findet, das er verdient.
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