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    Glaube, Blut und Vaterland
    Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
    1,5
    enttäuschend
    Glaube, Blut und Vaterland
    Von Matthias Kaumanns
    Kriegsflugzeuge am Himmel, Explosionen im Hintergrund und ein Soldat mit von sich gestreckten Händen und flehendem Blick gen Himmel – das DVD-Cover zu „Glaube, Blut und Vaterland" erinnert an Willem Dafoeikonische Todesszene aus Oliver Stones „Platoon". Bloß sehr viel gestellter, flacher, romantisch verklärter. Ein Videotheken-Schnellschuss eben, der Fall scheint klar. Ein Blick auf die Titelzeile jedoch macht stutzig: „Ein Film von Roland Joffé". Und tatsächlich, hinter „Glaube, Blut und Vaterland" steht genau eben jener Roland Joffé, der in den 1980ern mehrfach für den Oscar nominiert war und der mit seinen ersten beiden Spielfilmen so großartige Leistungen vollbrachte, dass ihm nicht nur die Academy Respekt zollte, sondern auch die Jury der Filmfestspiele in Cannes, die ihn mit der Goldenen Palme auszeichnete. „The Killing Fields" und „The Mission", das waren Joffés erste Filme, seine ersten Erfolge und bis heute seine letzten. Das politisch fragwürdige Kriegsdrama „Glaube, Blut und Vaterland" wird daran nichts ändern.

    Der in Spanien geborene Journalist Robert Torres (Dougray Scott) wird von seinem Londoner Verlag gebeten, ein Buch über den Priester und „Opus Dei"-Gründer Josemaría Escrivá zu schreiben. Für eine möglichst genaue Aufarbeitung einiger Lebensabschnitte Escrivás fährt Robert nach Madrid zu seinem ihm entfremdeten Vater Manolo (Wes Bentley), einem Jugendfreund des bereits verstorbenen Priesters. Der todkranke Manolo weigert sich allerdings, seinen einzigen Sohn zu empfangen. Von Gewissensbissen geplagt beginnt Manolo jedoch bald, seine Memoiren auf ein altes Tonbandgerät zu sprechen: Er erzählt die Geschichte zweier Jugendfreunde, deren Wege sich in den ideologischen Wirren des spanischen Bürgerkrieges (1936 bis 1939) trennten...

    Einmal mehr bettet der britische Regisseur Roland Joffé eine Filmerzählung in einen historischen Kontext ein. Das Themenspektrum seiner bisherigen Arbeiten reicht von der südamerikanischen Missionierung zur spanisch-portugiesischen Kolonialzeit („The Mission"), über den französischen Hof des 17. Jahrhunderts („Vatel"), bis zu Ereignissen der jüngeren Geschichte wie der Herrschaft der Roten Khmer in „Killing Fields". Nun also schildert der Filmemacher in Rückblenden die schicksalhaften Jahre eines zerrissenen Spanien, um das Leben des umstrittenen Gründers der autonomen katholischen Vereinigung „Opus Dei" zu beleuchten. Dabei stellt Joffé ihm den fiktiven Jugendfreund Manolo zur Seite, um die Lebenswege eines Sünders und eines Heiligen widerzuspiegeln.

    Joffés frühe Werke zeichneten sich durch eine wohltuende politische Zurückhaltung aus. Doch so politisch diskret sich Roland Joffé in seinem neuesten Epos auch geben möchte, so gefährlich eindimensional kommt einem die Beschreibung des Spanischen Bürgerkriegs und der ihm zugrundeliegenden Konflikte vor, die Auseinandersetzung wird auf den ideologischen Gegensatz zwischen Kommunisten und Faschisten reduziert. Auch im Umgang mit religiösen Themen und Motiven bleibt Joffé an der Oberfläche und spitzt die Gegensätze symbolisch zu. So muss der mit Gott hadernde Manolo eine schwere Glaubenskrise durchleiden und als in den Krieg hineingezogene verirrte Seele eine Gruppe von Kommunisten ausspionieren, während der Pazifist und von seinen Waisenkindern geliebte Priester Josemaría Escrivá den sporadischen Glaubenszweifel einfach mit einem verschmitzten Lächeln abschüttelt.

    In einer oft deplatziert wirkenden Weise witzelt sich der Geistliche durch seinen Alltag, nebenbei muss er zu allem Überfluss noch die eine oder andere Religionsfloskel loswerden, die seine Anhänger dann prompt ehrfürchtig verstummen lässt. Dabei lässt Joffé problematische Gesichtspunkte wie die noch heute bei „Opus Dei" verbreitete Form der Selbstgeißelung zwar nicht ganz unter den Tisch fallen, hastig widmet er sich aber dann wieder einer Glorifizierung, die ihren mystischen Höhepunkt in der persönlichen Wegweisung des Priesters durch die Jungfrau Maria findet. Ein ausgleichender Gegenentwurf findet sich im Jugendfreund Manolo kaum, Wes Bentley („American Beauty") fällt hier lediglich die Rolle des Büßers zu. Schnell erweist sich diese allzu schlichte Darstellung – insbesondere im Hinblick auf die Nähe des „Opus Dei" zum tyrannischen Franco-Regime – dann auch als grobe Verharmlosung.

    In diesem Sinne hat „Glaube, Blut und Vaterland" nicht einen einzigen wirklich ambivalenten, zur eigenen Positionierung herausfordernden Moment zu bieten. Dementsprechend oberflächlich bleibt auch das Schauspiel. Allein Dougray Scott („Mission: Impossible II") als zweifelnder Sohn darf seine Gefühls- und Gedankenwelt im finalen und stärksten Akt des Films wenigstens einmal wirklich ausspielen – eine bemerkenswerte Leistung, immerhin wirkt das schräge Alters-Make-Up des sterbenden Vaters Manolo nahezu unfreiwillig komisch. Abgesehen von derartigen Schnitzern hat Joffé einen handwerklich soliden Film inszeniert. Allerdings wird gerade angesichts der visuellen Stärken des Films, etwa der aufwändigen und nahezu weihevollen Kameraarbeit, wieder besonders deutlich wie unangenehm undistanziert der Regisseur seine „Opus Dei"-Geschichte erzählt.

    Fazit: Mit "Glaube, Blut und Vaterland" driftet Roland Joffé immer wieder in Richtung einer Heiligenbiografie ab – von einem Veteranen des Geschichtskinos darf und muss man mehr ewarten als einen so verklärenden Film.
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