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Bambi Meets Godzilla
Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
4,0
stark
Bambi Meets Godzilla
Von Christoph Petersen
Die Entstehung des Kurzfilmklassikers „Bambi Meets Godzilla“ war eher zufälliger Natur. Marv Newman, ein Student am Art Center of Design in Los Angeles, wollte eigentlich einen Live-Action-Film drehen, verpatzte aber die Aufnahme eines Sonnenuntergangs. Deshalb zog er sich in seine Stube zurück, um ganz allein einen eineinhalb-minütigen Schwarz-Weiß-Cartoon zu zeichnen. Es war wohl ein gutes Omen, dass die Vermieterin seines Zimmers niemand geringeres als die Sängerin Adriana Caselotti (die Originalstimme von Schneewittchen in dem Disney-Klassiker „Schneewittchen und die sieben Zwerge“) war, denn der Rest ist Animationsgeschichte: Der makabre Sketch avancierte zum Kult, wurde 1994 auf Platz 38 der 50 besten Cartoons aller Zeiten gewählt und hat im Internetzeitalter viele Nachahmer gefunden, die ihre Versionen der - zugegeben eher simplen - Story stolz auf der Videoplattform YouTube präsentieren.

Für alle, die „Bambi Meets Godzilla“ noch nicht gesehen haben: Den Film gibt es: hier. Bambi steht auf einer Wiese und grast. Langsam ziehen die Credits durchs Bild. Die fröhlichen Klänge von „Ranz Des Vaches“ aus Gioacchino Rossinis Oper „Wilhelm Tell“ runden die friedfertige Szenerie ab. Plötzlich schaut das kleine Rehkitz nach oben, von wo Godzillas Fuß herniederkommt und Bambi zerstampft...

Das plattgetretene Rehkitz ist für sich bereits der Inbegriff des schwarzen, anarchischen Humors, der einen guten Cartoon ausmacht. Da kann selbst eine Genregröße wie Tex Avery nur begeistert applaudieren. Doch die Idee an sich ist nicht das einzige, was die Qualität von „Bambi Meets Godzilla“ ausmacht. Auch der Einsatz der Musik ist schlichtweg genial: Das beruhigende, den Zuschauer in trügerischer Sicherheit wiegende „Ranz Des Vaches“ wird genau im richtigen Moment von dem verstörend-dissonanten Schlussakkord von „A Day In The Life“ aus dem Album „Sergeant Pepper´s Lonely Hearts Club Band“ von den Beatles abgelöst. Auch die selbstverliebten Credits, in denen sich Marv Newland mit „written by marv newland“ und „screenplay by marv newland“ gleich doppelt für ein Skript lobt, das es vermutlich gar nicht gab, halten noch zwei amüsante Überraschungen bereit: Zum einen taucht nach „produced by marv newland“ noch die augenzwinkernde Zeile „marv newland produced by mr. & mrs. newland“ auf. Zum anderen wird nach der Pointe brav der Stadt Tokio gedankt: "we gratefully acknowledge the city of tokyo. for their help in obtaining godzilla for this film."

Ein weiterer interessanter Aspekt des Films sind die Wellen, die er nun im Online-Zeitalter 40 Jahre nach seiner Entstehung schlägt. Immerhin sind zahlreiche Nachahmer mit Hilfe der einschlägigen Videoportale zu beachtlichem Ruhm gelangt. Hier gibt es etwas den Videomitschnitt einer „Bambi Meets Godzilla“-Vorführung, die zu einem regelrechten Happening ausartet. In dem auf holprigen Fotorealismus setzenden „Hunting For Deer“ (Video gibt es: hier) von Tyler Vockel versucht ein Jäger, das Rehkitz mit einer Panzerfaust zu erlegen, doch Godzillas Fuß kommt ihm zuvor. „Snowman Meets Bigfot“ (Video gibt es: hier) ist eine Abwandlung des bekannten Themas, die sogar offen zugibt, inspired by „Bambi Meets Godzilla“ zu sein. „The Son Of Bambi Meets Godzilla“ (Video gibt es: hier) ist eine Fortsetzung in 3D, bei dem sich Bambis Sohn 30 Jahre später für das Zerstampfen des Elternteils rächt. Daneben gibt es auch noch eine vierteilige Neuauflage (die Videos gibt es hier, hier, hier und hier), bei der die Story in jeder Version einen anderen Ausgang nimmt. „Bambi Meets Godzilla“ ist eben ein virales Phänomen, wie es im Buche steht. Und es ist zu erwarten, dass in den nächsten Jahren noch viele weitere Epigonen das Licht von YouTube & Co. erblicken werden.

Fazit: Trotz seiner geringen Spielzeit zählt „Bambi Meets Godzilla“ mit Recht zu den Klassikern des Animationsfilms, weil er in nur eineinhalb Minuten den anarchischen Kern des Cartoon-Genres perfekt auf den Punkt bringt.
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