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Das ewige Leben
Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
3,5
gut
Das ewige Leben
Von Carsten Baumgardt
Acht Romane über den kauzig-grantigen Privatdetektiv Simon Brenner hat der österreichische Schriftsteller Wolf Haas zwischen 1996 und 2014 zu Papier gebracht, nun kommt mit Wolfgang Murnbergers „Das ewige Leben“ die vierte Verfilmung eines der Bücher in die Kinos. Obwohl der Stoff also noch lange nicht ausgeschöpft ist, zeigt die Leinwand-Reihe nach einem guten („Komm, süßer Tod“) und zwei hervorragenden Krimis („Silentium“, „Der Knochenmann“) hier trotz weiterhin sehr hohem  Unterhaltungswert erste Abnutzungserscheinungen. Der wie immer von Josef Hader verkörperte Brenner wirkt ein wenig altersmilde, weniger bissig und auch die Handlung erreicht nicht ganz das gewohnt hohe Niveau. Das gleicht Murnberger mit der launig-stilsicheren Inszenierung seiner unwiderstehlich-schnodderigen Melange aus Satire, Groteske und sympathischem Österreich-Schmäh allerdings zu großen Teilen aus.

Der stete Abstieg des Simon Brenner (Josef Hader) nimmt langsam dramatische Formen an. Der Privatdetektiv und Gelegenheitsjobber ist mittlerweile obdach- und mittellos, leidet unter infernalischen Kopfschmerzen und sieht keine Perspektive mehr. Er muss wohl oder übel in seine von ihm verhasste Heimatstadt Graz zurückkehren, wo ihm sein abbruchreifes Elternhaus zumindest notdürftig Obdach bietet. Bei seinem Jugendfreund Köck (Roland Düringer) will Brenner sich etwas Geld leihen, aber der schmierige Antiquitätenhändler ist selbst abgebrannt. Ein anderer Kompagnon aus früheren Tagen hätte das Geld, doch Brenner verabscheut den windigen Aschenbrenner (Tobias Moretti), der sich inzwischen bis zum Polizeichef hochgearbeitet hat und die Stadt „regiert“. Als Aschenbrenner seinem ehemaligen Kumpel einen „Freundschaftsbesuch“ abstattet, erleidet Brenner einen fatalen Migräneanfall und jagt sich im Affekt eine Kugel in den Kopf. Er überlebt und erwacht in einer psychiatrischen Klinik, wo er von Dr. Irrsiegler (Nora von Waldstätten) betreut wird - Aschenbrenners Frau. Und bald ist auch Köck tot, was die Gesamtsituation für Brenner nicht einfacher macht…. 


Das Dreigestirn ist abermals vereint: Romanautor Wolf Haas, Regisseur Wolfgang Murnberger und Hauptdarsteller Josef Hader haben für „Das ewige Leben“ wie bei den drei Brenner-Filmen zuvor gemeinsam am Drehbuch gearbeitet. Diese Reise in die Vergangenheit ist die persönlichste aller Brenner-Geschichten und zwangsläufig auch die emotionalste. Für den Privatdetektiv und zeitweiligen Rettungswagenfahrer (in „Komm, süßer Tod“) Simon Brenner, diesen ehemaligen Polizei-Inspektor, der einst den Dienst quittierte, weil er mit Autoritäten so seine Probleme hat und überall aneckt, ging es immer weiter abwärts und nun ist er in der Gosse angekommen: krank, kein Geld, kein Job, keine Wohnung. Das muss der Zuschauer erst einmal verkraften. Von der zähen Energie und der Hartnäckigkeit früherer Tage ist zunächst nichts mehr zu spüren, aber dann trotzt das Wrack Brenner doch dem endgültigen Untergang. Seine unrühmliche Grazer Vergangenheit motiviert ihn: In regelmäßigen Abständen flicht Regisseur Wolfgang Murnberger sepiagefärbte, schicksalsschwangere Rückblenden in die Jugendzeit Brenners mit seinen Kumpanen Aschenbrenner, Köck und einem verstorbenen vierten Freund ein. Irgendetwas Furchtbares ist passiert, was ihrer aller Leben verändert hat.

Die Phantome der Vergangenheit erweisen sich auch für die Erzählung als Belastung. Man ahnt schnell, was damals abgelaufen ist, und so bremst die stetige Rückschau den Fortgang der Handlung. Der arg konstruierte Mordfall ist zudem einfach zu absurd, um Spannung zu verbreiten. Wie Brenner sich der eigenen Hybris stellt und sich zu einem regelrechten Gang nach Canossa durchringt – darauf liegt hier der Schwerpunkt. Kabarettist und Schauspieler Josef Hader („Indien“) hat längst jede Nuance der Figur verinnerlicht, alles wirkt organisch und echt. Autor Wolf Haas hat wie gewohnt die üblichen Klischees über Privatdetektive, Polizisten, ja über ganz Österreich genommen und sie mit Ironie, satirischer Schärfe, einer guten Portion Melancholie und noch mehr Fatalismus versetzt – das macht Brenner zu einem einzigartigen Protagonisten und von dieser Originalität zehrt auch „Das ewige Leben“. Emotionalen Zündstoff bietet dabei das Duell Brenner gegen Aschenbrenner - schon die Namensähnlichkeit ist sicher kein Zufall. Tobias Moretti („Jud Süss – Film ohne Gewissen“) besitzt genau das richtige Charisma für die Rolle des arroganten, korrupten und größenwahnsinnigen Polizeichefs, während Nora von Waldstätten („Carlos - Der Schakal“, „Oktober, November“) als abgründige Psychiaterin sichtlich Spaß hat. Margarete Tiesel („Paradies: Liebe“) wiederum, die von Waldstättens Mutter spielt, fungiert als Bindeglied zum früheren Leben der Freunde und sorgt in ruhigen Momenten des Charakterdramas für Belebung.

Fazit: In Wolfgang Murnbergers „Das ewige Leben“ wird (Anti-)Held Simon Brenner zum Sozialfall und tritt eine schmerzliche Reise in die Vergangenheit an – das neueste Leinwandabenteuer des Privatdetektivs überzeugt nicht so sehr als Krimi, sondern vielmehr als Charakterstudie.
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Kommentare

  • Gnoffo
    Die Kritik trifft es gut. Ich lese gerade noch mal das Buch, das mir seinerzeit besser gefallen hat als der Film jetzt.
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