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Jerry Cotton
Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
2,0
lau
Jerry Cotton
Von Carsten Baumgardt
Bestsellerverfilmungen stehen seit jeher hoch im Kurs. Der Vorteil liegt auf der Hand: Die Vorlage genießt Bekanntheit und Aufmerksamkeit, die ansonsten erst mühsam geschaffen werden müsste. 850 Millionen verkaufte Exemplare: Das ist schon mal eine Hausnummer. So viele Heftchen hat der Bastei-Verlag von der Krimi-Roman-Serie „Jerry Cotton“ seit 1954 abgesetzt. Gewiss, hierbei handelt es sich nicht um oscarwürdiges Material, sondern um lupenreine Trivialliteratur, aber den Wert einer verkauften Kinokarte schmälert dieser Umstand natürlich nicht. Und da seit den acht B-Filmen aus den Jahren 1965 bis 1969 – zumindest im Kino - keiner mehr das Franchise angerührt hat, ist die Zeit für eine Neuauflage gekommen. Die Regisseure Cyrill Boss und Philipp Stennert, die schon mit dem Sequel Neues vom Wixxer Geschick und Gespür für die Neuinterpretation von deutschem Kulturgut zeigten, haben bei „Jerry Cotton“ einen schwereren Stand, weil sie sich nicht recht entscheiden können, welches Genres sie eigentlich bedienen wollen.

Jerry Cotton (Christian Tramitz) ist der beste Mann beim New Yorker FBI – mag die Situation auch noch so aussichtslos sein, er findet immer eine Lösung. Als jedoch der Gangsterpate Sammy Serrano (Moritz Bleibtreu), der in den großen States-Union-Goldraub verwickelt war, ermordet wird, gerät Cotton plötzlich selbst unter Mordverdacht. Und damit nicht genug: Als auch noch sein Partner Ted Conroy (Janek Rieke) getötet und Cotton am Tatort mit gefälschten Beweisen erwischt wird, macht das FBI selbst Jagd auf seinen führenden G-Man. Dazu muss sich Cotton auch noch mit dem blutigen Anfänger Phil Decker (Christian Ulmen) an seiner Seite herumschlagen. Bei der Hatz hat es besonders die Leiterin der Dienstaufsicht, Daryl Zanuck (Christiane Paul), auf ihren ehemaligen Partner Cotton abgesehen. Der Gejagte taucht in der New Yorker Unterwelt ab und versucht, den Mörder Serranos und Conroys auf eigene Faust dingfest zu machen. Seine Spur führt zu der undurchsichtigen Gangsterbraut Malena (Monica Cruz). Indes ist sein neuer Partner Decker hin- und hergerissen, ob er Cotton helfen oder ihn an seine Vorgesetzten ausliefern soll…

Mit der „Edgar Wallace“-Persiflage „Neues vom Wixxer“ hat sich der Constantin-Verleih selbst vorgemacht, wie eine kultige Vorlage aus der deutschen Fernsehhistorie mit Erfolg und Fingerspitzengefühl wiederaufbereitet werden kann. Dieses Konzept sollte auch „Jerry Cotton“ tragen, zumal das Regieduo Boss/Stennert wieder viel Akribie in die Umsetzung steckte. Und so weiß ihre Neuinterpretation auch mit einem liebevollen Produktionsdesign zu gefallen. Jerry Cottons bester Freund ist seine Smith & Wesson, Kaliber 38 - und im roten Jaguar E-Type gibt der FBI-Topmann ordentlich Gas. Die Requisiten stimmen also. Die Inszenierung ist formal eindeutig auf Kinoformat getrimmt, nur inhaltlich hinkt der Film dieser Vorgabe hinterher.




Das Team betont eifrig, dass es sich bei der neuen Kinoversion nicht um eine Parodie, sondern um eine Action-Komödie handle. Doch in der Praxis gleitet „Jerry Cotton“ oft in den Klamauk ab, etwa wenn Christian Ulmen als Verkleidungskünstler Phil Decker chargiert bis sich die Balken biegen oder Heino Ferch mit Eisengliedmaßen, vernarbtem Gesicht und Augenklappe böse schwäbelnd als Deutscher aufzieht. Der Krimiplot wird zwar durchaus mit Ernsthaftigkeit verfolgt, aber die Auflösung dessen fällt erstaunlich vorhersehbar und dementsprechend schlapp aus. Somit setzt sich der Film genretechnisch gleich zwischen mehrere Stühle: Richtig lustig sind die zuhauf aufgebotenen Kalauer nicht, die Spannung hält sich ebenfalls in Grenzen, aber wenigstens die trashige B-Movie-Atmosphäre stimmt. Wie auch die Verfilmungen der Sechzigerjahre ist der Neuzeit-„Jerry Cotton“ fast ausschließlich in Deutschland (Hamburg, Berlin und Brandenburg) gedreht worden. Nur für zwei Tage wurde tatsächlich mit kleinem Team vor Ort in New York gefilmt. So entsteht eine pulpige Kunstwelt, die in der Gegenwart angesiedelt ist, aber wie ein Gangsterfilm aus längst vergangenen Dekaden wirkt. Das ist optisch pure Hommage - und eine gefällige noch dazu.

Christian Tramitz (Der Schuh des Manitu, Mord ist mein Geschäft, Liebling) gibt einen machohaften Jerry Cotton ab, der flotte Sprüche genauso elegant verteilt wie eine Tracht Prügel, dabei aber ausreichend Ironie abstrahlt. Leider bekommt Tramitz vom Drehbuch kaum Gags zugeschustert. Diese gehen fast alle an Christian Ulmen (Herr Lehmann, Elementarteilchen), der in seiner Rolle als FBI-Weichei zwar dem Typus nach richtig besetzt ist, aber allzu leicht ins Klamaukige abgleitet. Penelope Cruz‘ kleine Schwester Monica Cruz (Asterix bei den Olympischen Spielen, Last Hour) übernimmt als quirlige Unterweltbraut die Blickfangfunktion und ist Bindeglied zwischen Verbrechern und FBI. Undankbar sind hingegen die Aufgaben von Christiane Paul (Die Welle, Im Juli) und vor allem Herbert Knaup (Lola rennt, Agnes und seine Brüder). Während Paul in ihrer finsteren Pose keine Möglichkeiten hat, aus dieser Limitierung auszubrechen, muss Knaup den schnell nervenden FBI-Boss-Kasper geben.


Special


Fazit: Cyrill Boss‘ und Phillip Stennerts Krimi-Klamauk „Jerry Cotton“ reicht nicht an ihren stilistisch vergleichbaren Vorgängerfilm „Neues vom Wixxer“ heran, weil trotz ansprechender Optik und eines gewissen Trashcharmes die Gagquote zu niedrig ausfällt und das Ziel, eine reine Action-Komödie an den Start zu bringen, verfehlt wird.
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