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Let the Bullets Fly - Tödliche Kugeln
Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
2,0
lau
Let the Bullets Fly - Tödliche Kugeln
Von Robert Cherkowski
Die glorreichen Zeiten des Genre-Kinos aus Hongkong sind vorbei. Die Vorreiterrolle in Sachen dynamischer Action und temporeicher Choreographie haben mittlerweile andere asiatische Länder wie Thailand („Ong-Bak"), Indonesien („The Raid") und Südkorea („The Man from Nowhere") von der einstigen Kronkolonie übernommen. Zwar gibt es auch in Hongkong weiterhin Regisseure wie Johnnie To („Exiled"), Wilson Yip („Ip Man") und Dante Lam („The Stool Pigeon"), die immer wieder aufhorchen lassen, aber das früher so vitale Mainstreamkino aus der 1997 von Großbritannien an China zurückgegebenen Metropole ist weitgehend in Dekadenz erstarrt und man begnügt sich allzu oft mit aufwändig produzierten Historienfilmen, die zwar solide inszeniert sind, aber keine Trends mehr setzen. So ein Film ist auch Jiang Wens „Let The Bullets Fly": geradezu protzig produziert, aber letztlich doch nicht mehr als leidlich unterhaltsames Ausstattungs- und Actionkino.

Der Bandit Pocky Zhang (Jiang Wen) ist ein echtes Schlitzohr und stets auf der Jagd nach dem schnellen Geld. Ein Zugüberfall auf den Gouverneur Ma Bangde (Ge You) soll die Kasse klingeln lassen, doch das Opfer des Raubzugs erweist sich als reichlich pleite. Da kommt Bangdes Berater Tang eine Idee, die nicht nur seinem Chef das Leben rettet, sondern auch Zhang reiche Beute verspricht: Zhang soll sich als Bangde ausgeben und in die Provinz Sichuan fahren, wo er das örtliche Schatzamt ganz ohne Waffengewalt um die Steuern der Einwohner erleichtern soll. Ganz so einfach lässt sich der Plan aber nicht umsetzen, denn in Sichuan hat bereits der skrupellose Gangster Huang (Chow Yun-fat) die Macht an sich gerissen und regiert mit eiserner Faust. Um doch noch zu Geld zu kommen, lässt sich Zhang auf ein gefährliches Katz-und-Maus-Spiel mit Huang und dessen Armada ein. Mit List, Tücke und schlagenden Argumenten nimmt er den Kampf gegen den kriminellen Strippenzieher auf, liefert sich mit ihm einen perfiden Machtpoker und gewinnt dabei das Vertrauen der arg gebeutelten Bevölkerung. Als alles Taktieren nichts mehr bringt, sprechen schließlich die Waffen.

Regisseur Jiang Wen beweist mit „Let The Bullets Fly", dass er genau der richtige Mann für am Produzenten-Reißbrett entworfene Riesenprojekte ist, bei denen in erster Linie ein effektiver Aufseher über die tausend kleinen Baustellen einer Großproduktion gebraucht wird. Doch Seele hat sein Film nicht: Dieser ist bombastisches Kino, aber am Ende steckt hinter der opulenten Fassade nicht viel. Die Energie, der Wahnwitz und der Hemdsärmeligkeit, die in den 80ern und frühen 90ern in Hongkong vorherrschte und die selbst obskure B-Movies zu fantasievollen Spektakeln werden ließ, fehlt den meisten monumentalen Mammutproduktionen, die in den vergangenen Jahren unter chinesischer Ägide entstanden, völlig und „Let The Bullets Fly" ist da keine Ausnahme. An den Kinokassen im Reich der Mitte war der zwar ein voller Erfolg, doch abgesehen von jeder Menge Pomp und Schauwerten, die sich fraglos sehen lassen können, fehlt hier selbst der kleinste Funken Originalität.

Es wirkt fast, als hätten sich die Macher von „Let the Bullets Fly" statt eigene Ideen auszubrüten Kim Jee-Wons Mandschurai-Western „The Good, The Bad, The Weird" angesehen und sich gesagt: „Das können wir auch." Man kann sich richtig vorstellen, wie Wen und sein Stab die Stifte zückten und notierten: „in der Vergangenheit angesiedeltes Action-Tohuwabohu, albern bis hysterisch im Ton" und dazu „ganz viele protzige Bauten und bunte Kostüme". Um dieses Potpourri zum Eventfilm zu befördern, hat Wen, der hier erneut als sein eigener Hauptdarsteller auftritt mit Chow Yun-Fat („The Killer", „Tiger & Dragon"), Carina Lau („2046") und Ge You („Lebewohl meine Konkubine") noch ein paar hochkarätige Namen zur Seite gestellt. Doch auch wenn ihre Figuren mit ihren Spleens und Marotten durchaus gut entworfen und geschrieben sind und ihre routinierten Darsteller überzeugen: interessant sind sie dennoch nicht, denn das ganze Unternehmen bleibt äußerst steril und künstlich. Die Handlung mag zuweilen erstaunlich bizarre Haken schlagen, aber das führt letztlich nur dazu, dass es einem irgendwann völlig egal ist, wer hier mit wem gegen wen koaliert und was genau gerade passiert.

Aber auch das wäre zu verschmerzen, wenn wenigstens die Action – eigentlich eine der großen Stärken des chinesischen Kinos – mitreißen würde. Doch auch sie wirkt trotz einiger schöner Ideen seltsam leblos und steif. Das gilt auch für den Humor, der das mitunter komplizierte Durcheinander auflockern soll, sich aber als zweischneidiges Schwert erweist. Zwar ist die Komik bei weitem nicht so hysterisch und kopflos, wie sie einst in vielen Hongkong-Produktionen ausfiel, allzu viele Gags wollen jedoch einfach nicht zünden. Das liegt vor allem daran, dass der Film ganz offensichtlich auf maximale Schrägheit und Skurrilität hin konzipiert worden ist, aber gerade dadurch wirkt er besonders berechenbar, angestrengt und spießig.

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