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    Die kommenden Tage
    Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
    4,0
    stark
    Die kommenden Tage
    Von Christoph Petersen
    Plötzlich denken alle an die Zukunft. Im Zuge der Weltwirtschaftskrise waren bei den Deutschen zwischenzeitlich selbst Steuersenkungen verpönt, weil seit der Lehman-Pleite offenbar nicht länger nur das Heute zählt. In diese Stimmung zwischen Ausstieg aus dem Atomausstieg und Stuttgart 21 passt Lars Kraumes "Die kommenden Tage" wie die Faust aufs Auge. Doch das Near-Future-Epos ist keinesfalls eine hektisch zusammengeschusterte Studioproduktion, die auf dem aktuellen Zeitgeist mitzuschwimmen versucht, sondern ein waschechter Autorenfilm, dessen Drehbuch Lars Kraume bereits vor dem Platzen der US-Immobilienblase und milliardenschweren Rettungspaketen für Griechenland und Investment-Banker geschrieben hat. Mehr noch: Er hat auf die Ereignisse der vergangenen zwei Jahre nicht einmal mit größeren Änderungen reagiert, sondern seine ursprüngliche Vision beibehalten. Das macht den Abgleich zwischen filmischer Realität und alltäglichem Nachrichtenerleben gleich doppelt spannend: Einige Ideen, wie zum Beispiel von der Polizei niedergeprügelte Massenproteste oder iPads, haben sich inzwischen bestätigt, andere wiederum, etwa der Wiederaufbau des Berliner Stadtschlosses, sind längst Schnee von gestern. Da fragt man sich natürlich, wie hoch die Trefferquote bei jenen Ereignissen ist, die im dreigegliederten Film nicht 2012, sondern erst 2016 oder 2020 stattfinden. Sollte "Die kommenden Tage" hier ähnlich nah an der Realität liegen, steht uns wohl eine alles andere als rosige Zukunft bevor.

    Berlin, 2012: Die Schwestern Laura (Bernadette Heerwagen) und Cecilia (Johanna Wokalek), Töchter des einflussreichen Wirtschafsjuristen Walter Kuper (Ernst Stotzner), leben zwar in einer gemeinsamen Wohnung, könnten aber unterschiedlicher kaum sein. Während Laura fleißig studiert und sich in den jungen Anwalt Hans (Daniel Brühl) verliebt, ist Cecilia ihrem Freund Konstantin (August Diehl), der sie immer weiter in seine radikalisierten Kreise hineinzieht, hoffnungslos hörig. Veranstaltet dieser zunächst noch harmlose Flashmob-Jagden auf den saudischen Ölminister, schließt sich Konstantin in Erwartung eines Dritten Weltkriegs bald der gewaltbereiten Revolutionstruppe Schwarze Stürme an. Laura wird unterdessen endlich schwanger, verliert das Kind aber kurz vor der Trauung mit Hans. Offenbar sind die beiden für sich zwar kerngesund, aber genetisch einfach nicht kompatibel. Vier beziehungsweise acht Jahre später kreuzen sich die Schicksale der vier erneut...

    Ja, wie geht's mit uns allen weiter in den kommenden Tagen, Monaten oder Jahren? Dieser Frage kann man sich nähern wie Stanley Kubrick in "2001 - Odyssee im Weltraum", der seine Raumschiff-Modelle von Heerschaaren an Ingenieuren und Zukunftsforschern entwickeln ließ, oder man verlässt sich wie Lars Kraume ("Keine Lieder über Liebe") einfach auf seinen Bauch. Aus seinen ganz privaten Vorstellungen davon, wie es wohl weitergeht, spinnt er ein emotional mitreißendes Nebeneinander von Familie und Weltpolitik. Die Zerreißprobe der Kupers, deren jüngste Generation zwischen dem Streben nach privater Sicherheit und dem Aufrütteln politischer Missstände zunehmend aufgerieben wird, hat etwas von Thomas Mann, während das nebenher mitlaufende Weltgeschehen inklusive Ressourcenkriegen und paneuropäischem Mauerbau immer wieder eindrucksvoll den familiären Zerfall unterstreicht. Dabei hält sich Lars Kraume nie mit dem typisch deutschen Klein-Klein auf, sondern wagt konsequent den Schritt zum epischen.

    Die Biographien der Protagonisten haben gewollt Löcher und es ist am Zuschauer, sich zu überlegen, was Konstantin in seinen Pariser Terrortagen wohl alles in die Luft gejagt hat. Figuren werden auch mal fallengelassen, nicht immer, um dann wieder aufgegriffen zu werden. Das mag zum Teil daran liegen, dass die erste Schnittfassung des Films vier Stunden lang war, die dann natürlich auf ein konsumierbares Maß komprimiert werden musste. Aber die Lücken stören nicht. Jede der drei Zeitebenen bietet genug spannende Einfälle zu den Figuren und einer möglichen Zukunft, dass man gerne bereit ist, sich die Zwischenräume selbst auszumalen. Mit einem Studio und den dazugehörigen Redakteuren im Nacken, wäre ein solch mutiger Ansatz bei einem Projekt in diesen Budgetsphären wohl kaum möglich gewesen. Gut also, dass Lars Kraume mit seinen Kollegen Matthias Glasner ("Der freie Wille") und Jürgen Vogel erst kürzlich die Produktionsfirma Badlands gegründet hat.

    Die Rolle als Identifikationsfigur fällt Bernadette Heerwagen ("Ich bin die Andere") zu. Ihre Laura hat gewiss ein politisches Gewissen, strebt in erster Linie aber dennoch nach privater Erfüllung, womit sie den meisten Zuschauern wohl am nächsten kommt. Nach ihrem Auftritt als Gudrun Ensslin in "Der Baader Meinhof Komplex" spielt Johanna Wokalek ("Die Päpstin") auch in "Die kommenden Tage" eine Terroristin. Dennoch könnten die Rollen unterschiedlicher kaum sein. Statt eiskalte Vollstreckerin gibt sie diesmal eine nur äußerlich starke Frau, die in Wahrheit nur ihrem Geliebten ins Verderben folgt. Mit diesem manipulativen Widerständler, der sich selbst in seiner Rolle als Rebell etwas zu gut gefällt, wandelt August Diehl ("Salt") trittsicher auf dem schmalen Grat zwischen mitreißendem Gerechtigkeitsgeschrei und pathologischem Wahnsinn. Die größten Schwierigkeiten wird ein Großteil des Publikums wohl mit der Wandlung von Daniel Brühl ("Good Bye, Lenin!) bekommen. Der Schritt vom gestriegelten Wirtschaftsanwalt zum wildmähnigen Vogelzüchter ist alleine schon deshalb nicht ganz einfach mitzugehen, weil der Anblick von Brühl als Aussteiger mit Augenklappe eher merkwürdig anmutet.

    Fazit: Mutiges deutsches Kino, das endlich mal nicht mit eineinhalb Augen in Richtung Fernsehen schielt, sondern sich selbst Ecken und Kanten zugesteht. (Bei aller Bewunderung für den Film hofft man aber natürlich insgeheim doch darauf, dass Regisseur und Autor Lars Kraume mit seiner nicht gerade optimistischen Zukunftsvision vielleicht ja doch daneben liegt.)
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