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Event Horizon - Am Rande des Universums
Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
3,0
solide
Event Horizon - Am Rande des Universums
Von Jonas Reinartz
„I loathe those three films as movies that put style over substance, that personify the lack of humanity and soul in film. I hate those three movies completely.” (AICN-Gründer Harry Knowles über Andersons Filme „Mortal Kombat”, „Event Horizon” und „Soldier”)

Paul W.S. Anderson ist nicht unbedingt jemand, der unter passionierten Kinogängern eine große Anhängerschaft besäße. Nachdem er mit dem gewaltreichen und stylischen Debüt „Shopping“ (1994) einen kleinen Skandal auslöste und sich der Traumfabrik jenseits des Atlantiks empfahl, wurde ihm die Umsetzung der ultrabrutalen Videospielreihe „Mortal Kombat“ übertragen, die er im Jahr darauf realisierte. Auch hier zeigten die Charakteristika seines Stils – ein solides Gespür für effektvolle Bilder und rasante Montagen. Folglich ist der Engländer also durchaus nicht untalentiert, wenn er allerdings mit einer – wie so oft – dürftigen Geschichte arbeitet, bemüht er sich nach Kräften um effekthascherische Mätzchen, um das Interesse der Zuschauer nicht zu verlieren, wobei erst recht die Seele eines Film auf der Strecke bleibt. Nun reicht das allein noch nicht aus, um sich in der Internet-Commmunity Feinde zu machen. Der von strapaziösen Produktionsumständen gebeutelte „Soldier“ (1998), ein hirnloses Star-Vehikel für Kurt Russell, und nicht zuletzt Resident Evil (2002) und Alien Vs. Predator bescherten ihm einen desaströsen Ruf, der nur noch vom Hass auf einen gewissen Dr. Uwe Boll (Alone In The Dark, Bloodrayne, Blackwoods) übertroffen wird. Objektiv betrachtet sind sie nicht annähernd so misslungen, wie weithin hartnäckig behauptet wird, dennoch ist besonders der große Unmut von Fans der beiden Franchises gegenüber besagten Filmen absolut verständlich. Man stelle sich nur einmal vor, George A. Romero (Die Nacht der lebenden Toten) hätte, so war es ursprünglich geplant, Regie bei der Adaption von Capcoms Zombie-Schocker geführt. Wie es scheint, möchte Anderson auch nicht von seinem Schema abrücken, für 2007 ist „Castlevania“ geplant. Einen kleinen Lichtblick in seiner Filmographie, „Event Horizon“ genannt, gibt es allerdings. Der an den Kinokassen gefloppte, leicht trashige Science-Fiction-Horror um die Mitglieder einer Rettungsmission, die in den Bann einer Höllendimension geraten, ist zwar nicht mit intelligenten Dialogen gesegnet und wurde unbekümmert aus diversen Horror-, und Science-Fiction-Klassikern zusammengeklaut, vermag aufgrund beeindruckenden Setdesigns und solider Spannung dennoch passabel zu unterhalten.

2047: Die Crew des Raumfrachters Lewis & Clark, bestehend aus Captain Miller (Laurence Fishburn), Leutnant Starck (Joely Richardson), der Ärztin Peters (Kathleen Quinlan), Cooper (Richard T. Jones), Justin (Jack Noseworthy), D.J (Jason Isaacs) und Smith (Sean Pertwee), macht sich auf die Suche nach dem Prototypen Event Horizon, einem gigantischen Kreuzer, der die Lichtgeschwindigkeit durchbrechen und somit Einsteins Theorien widerlegen sollte. Doch auf dem Jungfernflug geschah etwas Unvorgesehenes, vom Schiff und der Besatzung fehlt seit ihrer Abreise vor nunmehr sieben Jahren jegliche Spur und rasch ranken sich wilde Mythen um diese merkwürdige Begebenheit. Begleitet wird die Rettungsmission von Dr. Weir (Sam Neill), dem Vater des zugrundelegenden Gravitationsantriebs. Dieser hat während der langen Reise einen grässlichen Albtraum, in dem er seiner toten Frau Claire (Holley Chant), die sich einst selbst das Leben nahm, begegnet, doch er denkt sich nichts weiter dabei und behält sein Erlebnis für sich. Ohnehin ist er der eingeschworenen Mannschaft ein Dorn im Auge, die ihn für einen eher abgehobenen Wissenschaftler hält, der einen Fremdkörper darstellt. Tatsächlich kann die Event Horizon im Neptun-Orbit ausfindig gemacht werden, sie treibt langsam dahin, einem im Weltall treibenden Spukschloss gleichend. Bald darauf entdecken die Teilnehmer der Mission die schreckliche Wahrheit – nicht ein einziger Überlebender befindet sich an Bord.

Anderson und seinem Drehbuchautor Philip Eisner geht es nicht um die Menschen, sondern um ein Objekt, die Event Horizon. Folglich ist das Personal nahezu austauschbar, allein die Schauspielveteranen Laurence Fishburne (Apocalypse Now, Matrix) und Sam Neill (Jurassic Park) stechen hervor, wobei letzterer sichtlich Spaß daran hat, das im Grunde völlig ausgereizte Rollenklischee des „Mad Scientist“ zu bedienen. Wenn man sich mit der Tatsache abgefunden hat, dass die Figuren weitgehend seelenlose Stereotypen sind und an der fantasievollen Ausstattung Gefallen gefunden hat, dann übt der Film durchaus eine gewisse Faszination aus. Es ist wohl kein Zufall, dass der 2005 verstorbene Kameramann Adrian Biddle engagiert wurde, der auch James Camerons Science-Fiction-Action-Klassiker Aliens - Die Rückkehr (1986), den zweiten Teil der Alien-Quadrilogie, brillant bebilderte. Die rotierende Kugel, das Herzstück des Gravitationsantriebs, eine eigentümliche Kreuzung aus mittelalterlichem und futuristischem Design, in pointiert gesetztes, unheilvolles Licht getaucht, ist ein erschreckendes Bild, das sich im Gedächtnis verankert. Prinzipiell sieht der fantasievolle, von der Ikonographie des Sadomasochismus (nietenähnliche Gebilde, riesige Stacheln) geprägte Look des Antriebsraums ungefähr so aus, als hätten H.R. Giger und ein kreativer Lederknecht ihre Ideen zusammengeworfen. Visuell gibt es kaum etwas zu bemängeln, selbst die Spezialeffekte sind, einige als solche deutlich zu erkennende computergenierte Bilder einmal ausgenommen, überdurchschnittlich. Der einzige wesentliche Anlass für Kritik im Bezug auf die Oberfläche steht zudem stellvertretend für das Ganze. Mit ein wenig Gemeinheit könnte man folgende Rechnung aufstellen: Höllendimension (Hellraiser) + karg beleuchtetes Raumschiff (Alien) + unheimliche Macht, die imstande ist, die Gedanken der Menschen zu materialisieren (Solaris) + Haunted-House-Thematik („The Haunting“, The Amityville Horror) = „Event Horizon“. Originelle Filme sehen sicherlich anders aus, zumal es gelegentlich zu regelrecht unfreiwilligen Momenten kommt, etwa wenn Jack Noseworthys Figur vom „Dunklen“ spricht. Hat man etwas für Trash übrig, sorgen solche Momente für erfrischendes Gelächter, ebenso wie diverse, übertrieben eingesetzte Schockmomente, die an einigen wenigen Stellen wiederum sehr effektiv eingesetzt werden. Komplett verschenkt wurden etwaige interessante Gedankenspiele zum Themenkreis Hölle, Sünde und Vergebung, aber das wäre vermutlich für einen Schocker auch zu viel verlangt.

Legendär geworden sind die „zensierten“ Höllenvisionen des Films. Über Jahre hielten sich hartnäckige Gerüchte, eines Tag werde die ursprüngliche, angeblich unvorstellbar brutale Fassung veröffentlicht. Was war geschehen? Angeheizt wurden die Mutmaßungen durch einen Bericht der auf Horror spezialisierten Fachzeitschrift „Fangoria“, die blutige Bilder eines bestialischen Bacchanals präsentierte, die so definitiv nicht in der Kinofassung zu sehen waren. Angeblich wurden 40 Minuten herausgeschnitten, wobei der Großteil aus Handlungsszenen bestand und eben nicht nur aus Gewalt, was aber oft unter den Tisch fiel; dennoch wurde diese Szenen sehnsüchtig erwartet und diskutiert, wie alles, was auch nur ansatzweise den Ansatz des Anrüchigen oder Verbotenen besitzt. Schließlich verkündete sogar der Regisseur, er werde sich bemühen, die aussortierten Sequenzen wieder einzufügen, woraus jedoch nichts wurde. Mittlerweile hat sich alles aufgeklärt. Bei einer ersten Testvorführung fiel das unter enormem Zeitdruck entstandene Ergebnis völlig durch, so dass das Studio eine massive Kürzung durchsetzte, zumal den „suits“, wie die Verantwortlichen in den oberen Etagen Hollywoods gemeinhin genannt werden, die überharten Gewaltakte sowieso übel aufstießen. Da es im Jahre 1997 noch nicht gang und gäbe war, deleted scenes für eine bevorstehende Veröffentlichung auf dem Heimkino-Markt zu archivieren, wurde besagtes Material in der ganzen Welt verstreut. Zwar konnte man zwar u.a. in einer transylvanischen Salzgrube (!) fündig werden, die Wiederherstellung der ersten Schnittfassung ist allerdings vollkommen unmöglich, viele Filmrollen sind schlicht unbrauchbar oder unauffindbar. Ob diese Ergänzungen den Film besser machen würden, erscheint fraglich. Gerade die geringe Länge erweist sich als wohltuend, da sie vermeidet, dass die ohnehin vorhandene Redundanz auffälligere Forman annimmt. Grausam sind die Höllensequenzen ohnehin, hier wäre sogar weniger mehr gewesen, eine weitere Steigerung hätte absolut unnötigen, selbstzweckhaften Ekel zur Folge gehabt.

„Event Horizon“ ist wahrlich kein großer Wurf, doch er behauptet zu keinem Zeitpunkt, mehr zu sein, als er tatsächlich ist – oberflächlicher, auf Schockeffekte ausgelegter B-Horror. Wer mit dem Genre der Angst etwas anfangen kann und dessen wesentlichen Werke gesehen hat, kann demnach großen Spaß mit diesem Film haben: „Von welchem Film ist noch mal diese Blutwelle inspiriert?“ Einige dümmliche Dialoge sorgen zusätzlich für einen vergnüglichen Trash-Faktor. Diese Beschreibung lässt jedoch auch erahnen, dass Zuschauer, die eher in anderen filmischen Gefilden zu Hause sind, kaum Gefallen an Paul W.S. Andersons einziger einigermaßen respektierten Arbeit finden werden.
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