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    Wir sind die Nacht
    Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
    2,0
    lau
    Wir sind die Nacht
    Von Christoph Petersen
    Nachdem sie mit „Konferenz der Tiere" erst kürzlich den 3D-Hype nach Deutschland importiert hat, will die Constantin Film mit „Wir sind die Nacht" nun auch aus dem Rummel um „Twilight" & Co. Kapital schlagen. Der Aufgabe angenommen hat sich „Die Welle"-Regisseur Dennis Gansel, in dem bereits seit mehr als einer Dekade die Idee für eine im Berliner Clubmilieu angesiedelte Blutsauger-Romanze brodelt. Ausgehend von einem Treatment mit dem Titel „The Dawn", das Gansel vor 14 Jahren als 23-jähriger Filmstudent verfasst hat, schrieb „Die Tür"-Autor Jan Berger ein Skript, das den Ausgangsstoff aufgreift und um neue Einfälle erweitert. Der fertige Film bietet nun zwar an allen Ecken spannende Ideen zum Vampir-Mythos, aber „rund" ist er nicht geworden. Trotz Starbesetzung und einem genügend hohen Budget, um auch optisch etwas herzumachen, wirkt der Film deshalb oft hölzern und unausgegoren. Sich auf weniger Facetten zu konzentrieren, statt in jeder zweiten Szene ein neues Fass aufzumachen, hätte da vermutlich Wunder bewirkt.

    Die schmuddelige Berliner Kleinganovin Lena (Karoline Herfurth) hält sich mit Taschendiebstählen über Wasser, bis sie eines Nachts auf die elegante Louise (Nina Hoss) trifft. Was Lena nicht weiß: Louise ist mehrere hundert Jahre alt und Anführerin eines Vampirinnen-Trios, das des Nachts am liebsten Zuhälter aussaugt („je böser der Mann, desto süßer das Blut"), exklusive Modeboutiquen leerräumt und in Luxusboliden durch die Stadt rast. Selbst zum Blutsauger mutiert, entdeckt Lena bald die positiven Seiten des Vampir-Daseins: Geld ohne Ende und keine unschönen Ringe mehr unter den Augen. Mit dem dauernden Morden kommt die rebellische Diebin hingegen gar nicht klar. In ihrer Verzweiflung wendet sie sich an Kommissar Tom Serner (Max Riemelt), der ihr nach einer Beinahe-Verhaftung schöne Augen gemacht hat...

    Die letzten männlichen Blutsauger wurden vor mehr als 200 Jahren von ihren weiblichen Artgenossinnen ausgerottet, weil sie zu gierig waren und zu sehr polterten. Zudem haben sich die verbliebenden Vampirinnen darauf geeinigt, nie wieder einen Mann zu einem der Ihrigen zu machen. Diese emanzipatorische Sicht auf das Genre, in dem sich Dracula und Konsorten sonst oft eine Jungfrau nach der anderen krallen, hat sicherlich ihren Reiz. Aber wenn die Vampire doch wegen ihrer Gier und ihrem Gepolter ausgelöscht wurden, warum cruisen dann jetzt die Vampirinnen in alles andere als unauffälligen Lamborghinis durch die nächtliche Metropole und plündern Modeabteilungen, als ob es kein Morgen mehr gäbe? Regisseur Gansel und Autor Berger bringen viele solcher Ideen hervor, aber wirklich zu Ende gedacht haben sie kaum eine davon.

    Dieses Unausgegorene zieht sich – mit Ausnahme der visuell durchweg überzeugenden Inszenierung - auch abseits der Vampir-Thematik durch den Film. Gleich in der ersten Szene, die an Bord eines Flugzeugs spielt, auf dessen Kabinenboden verstreut Leichen herumliegen, wirkt der Zynismus, mit dem Louise und ihre Clique das Massaker kommentieren, aufgesetzt und hölzern. Die hier angestrebte Coolness erreicht der Film auch später nur ganz, ganz selten. Stattdessen wirken die Sprüche oft pubertär bis unfreiwillig komisch. Die mordenden Vampirinnen sollen ganz harte Hündinnen sein, erinnern aber stattdessen an Teenagerinnen, die brav Oneliner aus ihren Lieblingsactionfilmen aufsagen. Auch der Wechsel zwischen Komik, Coolness und Dramatik gelingt nicht immer fließend, weshalb auch der emotionale Höhepunkt, der zudem das Tor für eine mögliche Fortsetzung weit aufstößt, weitestgehend wirkungslos verpufft.

    Diese Voraussetzungen machen es natürlich für die Schauspieler nicht gerade leicht. Aber auch wenn sie am Anfang etwas zu krass auf Hartz-4-Mädchen geschminkt ist, macht Karoline Herfurth („Im Winter ein Jahr", „Das Parfum") trotzdem noch die beste Figur. Auch an Max Riemelt („13 Semester", „Im Angesicht des Verbrechens") als verständnisvoller Bulle gibt es nichts zu mäkeln. Ganz anders sieht die Sache hingegen bei den Vampirinnen aus. Das Spiel von Nina Hoss („Yella", „Jerichow"), stets in elegant-luxuriöse Kleider gehüllt, wirkt oft angestrengt statt geheimnisvoll. Auch ihre angeblich verzehrende Sehnsucht nach Lena nimmt man ihr nie ab (weshalb der Film diesen Punkt irgendwann auch einfach mehr oder minder unter den Tisch kehrt). Die ersten Auftritte von Anna Fischer („Fleisch ist mein Gemüse") als Loveparade-Partygirl-Vampirin Nora wirken sogar fast so hölzern wie Schultheater. Auch wenn sie diesen Eindruck später mit einigen weit mehr gelungenen Momenten („Ich will ihm nicht weh tun. Menschen gehen so verdammt schnell kaputt.") zumindest ein wenig korrigiert, ist ihr Auftritt nach ihrer großartigen, an Natürlichkeit kaum mehr zu überbietenden Darstellung in „Groupies bleiben nicht zum Frühstück" dennoch die vielleicht größte Enttäuschung des Films.

    Fazit: Trotz reizvoller Erweiterungen des Vampir-Mythos und stylisher Optik überzeugt „Wir sind die Nacht" aufgrund etlicher Misstöne nur bedingt. Eher ein interessanter als ein guter Film.
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