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Meine erfundene Frau
Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
3,0
solide
Meine erfundene Frau
Von Annemarie Havran
Ein Ehering ist eine feine Sache. Oft verhindert er unerwünschte Annäherungsversuche durch das andere Geschlecht. Frauen, die in fremde Länder reisen, wird sogar oft empfohlen, einen falschen Ehering zu tragen, um unangenehmen Avancen durch allzu aufdringliche Männer zu entgehen. Zu einem anderen, viel durchtriebeneren Zweck nutzt Adam Sandler den Fingerschmuck in der Komödie „Meine erfundene Frau" von Dennis Dugan („Kindsköpfe", „Chuck und Larry"). In der bereits sechsten Zusammenarbeit zwischen dem Regisseur und dem Starkomiker geht es um einen Playboy, der den Ring nicht nutzt, um Frauen fernzuhalten, sondern vielmehr um sie zu unverbindlichen Affären zu animieren – bis er sich ernsthaft verliebt. Das Remake der 1969er-Komödie „Die Kaktusblüte" mit Walter Matthau und Ingrid Bergman kann aber trotz einiger witziger Einfälle und attraktiver Darstellerin(innen) nicht ganz so begeistern wie der filmische Vorgänger – es fehlt einfach der ironische Esprit des Originals.

Danny Maccabee (Adam Sandler) steht kurz vor seiner Hochzeit, als er mitbekommt, wie seine zukünftige Braut mit ihren Freundinnen über seine zu groß geratene Nase herzieht. Unglücklich flüchtet Danny in eine Bar, wo sich eine hübsche Frau aufgrund seiner traurigen Geschichte auf ein Mitleids-Schäferstündchen mit ihm einlässt. Die Hochzeit bläst er ab. Einige Jahre später: Danny ist mittlerweile ein erfolgreicher plastischer Chirurg und sein großer Zinken Geschichte. Die Nummer mit dem Ehering und der Mär von der garstigen Ehefrau hat er längst zur erfolgreichen Masche ausgeweitet. Die Frauen stehen geradezu Schlange für unverbindlichen Sex mit dem durchtriebenen Charmeur. Doch da trifft Danny auf Palmer (Brooklyn Decker), die Frau seiner Träume, und muss seine erfundene Gattin loswerden. Kurzerhand erfindet er eine Scheidung. Als Palmer jedoch darauf besteht, Dannys zukünftige Ex-Frau kennenzulernen, nimmt das Chaos seinen Lauf. Danny überredet seine Sprechstundenhilfe Katherine (Jennifer Aniston), seine Ehefrau zu spielen und ehe er sich versieht, landet er samt erfundener Familie, Palmer und seinem durchgeknallten Kumpel Eddie (Nick Swardson) auf Hawaii...

In Beverly Hills, dem Mekka der Schönen und Reichen, in dem der Film seinen Anfang nimmt, ist selten etwas echt, weder Dannys Ehering noch das Äußere seiner Kundinnen. So gehen die ersten Witze des Films auf die Kosten misslungen operierter Damen, die den Chirurgen ihres Vertrauens aufsuchen, um die Fehler unbegabterer Kollegen wieder richten zu lassen. Eine Frau mit unterschiedlich großen Brüsten, eine mit einer zu hoch gestrafften Augenbraue, das sind nur einige Kuriositäten aus dem Sammelsurium verschlimmbesserter Schreckgestalten, die sich unter Dannys Messer legen. Die eine Lüge lässt sich oft nur durch eine weitere geradebiegen, nicht nur in der plastischen Chirurgie, auch im wahren Leben. Und so erfindet Danny nicht nur eine Ehefrau, sondern gleich noch eine Scheidung dazu. Die Geschichte in diesem Setting der Oberflächlichkeiten und Eitelkeiten anzusiedeln, ist ein kluger Kniff von Regisseur Dennis Dugan. Ein weiterer ist es, Jennifer Aniston als graue Maus im Kittel-Outfit zu besetzen. Als geschiedene Mutter zweier Kinder ist Aniston zu Beginn des Films so herrlich unsexy und pragmatisch, dass man ihr die Freude an dieser ungewöhnlichen Rolle, die zunächst so gar nicht ihrem üblichen Image des „Friends"-Stars entspricht, wahrlich ansieht.

Doch natürlich dauert es nicht lange, bis sich Katherine in eine schicke Upperclass-Dame verwandelt, um angemessen als Dannys Ehefrau auftreten zu können. Dabei durchläuft sie eine urkomische Aschenputtel-Verwandlung, an deren Ende sie als stilsichere Lady mittleren Alters ironische Spitzen gegen die Twitter-Leidenschaft der deutlich jüngeren Palmer loslässt – und damit bereits deutlich zeigt, wohin der Hase läuft: Natürlich hat Katherine mehr Klasse und Witz als die kindlich-naive Palmer. Doch das weiß Danny noch nicht. Schon nach etwa einer Viertelstunde Laufzeit ist Aniston also doch wieder dort angelangt, wo sie prinzipiell anzutreffen ist: in der Rolle des kumpelhaften, aber dennoch attraktiven Romantik-Häschens, das braungebrannt im Bikini keinen Vergleich mit jüngeren Kolleginnen zu scheuen braucht. Doch Aniston ist keine Ingrid Bergman, die die Rolle der erfundenen Frau im Original weitaus spröder und ironischer verkörpert. Und Sports-Illustrated-Model Brooklyn Decker ist bei weitem keine Goldie Hawn, die für die entsprechende Rolle in „Die Kaktusblüte" seinerzeit sogar einen Oscar gewann. Davon ist der Cast von „Meine erfundene Frau" letztlich weit entfernt, hier sammeln die Darsteller nur optisch Pluspunkte.

Doch was als Schwäche anmutet, ist zugleich eine Stärke des Films: Hübsche Menschen agieren vor der verführerischen Kulisse Hawaiis und sorgen beim Publikum für angenehme Kurzweil. Wer eine Karte für einen Jennifer-Aniston-Film löst, möchte kein biederes Drama über eine Alleinerziehende und ihren verlogenen Chef sehen. Knistern muss es zwischen den hübschen Menschen auf der Leinwand und kein Klischee ist zur Erfüllung dieses Zwecks zu schade. Dass neben der romantischen Ader auch der Humor nicht zu kurz kommt, ist bei einer Adam-Sandler-Komödie selbstverständlich, und der Star zeigt wieder einmal eine Weiterentwicklung jener Mischung aus Unreife und Großherzigkeit, die seit Filmen wie „Happy Gilmore" und „Big Daddy" sein Markenzeichen ist, auch wenn der weiche Kern im Schwerenöter Danny erst nach und nach freigelegt wird.

Für komische Höhepunkte sorgen auch Nicole Kidman mit einer erstaunlichen Bereitschaft zur Selbstparodie als hochnäsiges Biest Devlin Adams, die es in ihrer Perfektionsgeilheit nicht einmal ertragen kann, einen Hula-Wettbewerb im Hotel zu verlieren und Nick Swardson („Leg dich nicht mit Zohan an") als Dannys Kumpel Eddie, der kurzerhand in Katherines neuen Lebensgefährten 'Dolph Lundgren' verwandelt wird. Dolph ist selbstverständlich Europäer mit halsbrecherischem deutschem Akzent, der ständig von seinem „Schnitzel" spricht und hauptberuflich Schafe übers Internet vertickt. Dass es der Chaos-Truppe um Danny die ganze Zeit über gelingt, die Wahrheit vor Palmer zu vertuschen, grenzt fast schon an ein Wunder – muss Katherine doch nebenbei auch noch in einer fast schon überflüssigen Nebenhandlung vor ihrer College„freundin" Devlin verbergen, dass sie eine geschiedene, semi-erfolgreiche Arzthelferin ist.

Fazit: Was der Komödie von Dennis Dugan an Originalität fehlt, wird durch viel Herz ausgeglichen. Am Ende ist niemand wirklich unglücklich, auch wenn alle Lügen auffliegen. Nein, sie fliegen nicht einfach auf, die Lügner bekennen sich zu ihnen und merken bald, dass es sich mit der Wahrheit weitaus besser lebt. Fertig ist der moralisch einwandfreie Cocktail, der zwar nicht mit einer filmischen Kirsche garniert ist, aber dennoch für einen angenehmen Kinoabend sorgt.
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