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Der Räuber
Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
4,0
stark
Der Räuber
Von Sascha Westphal
Wie so viele Filme der vergangenen Jahre geht auch „Der Räuber“, Benjamin Heisenbergs Verfilmung des gleichnamigen Romans von Martin Prinz, auf eine wahre Geschichte zurück. In der zweiten Hälfte der 80er Jahre hat Johann Kastenberger eine ganze Reihe von Banken in Wien und Umgebung überfallen. Dabei trug er immer eine Ronald-Reagan-Maske, die ihm den Beinamen „Pumpgun-Ronnie“ einbrachte und ihn schließlich zum Vorbild für die Bankräuber-Bande in Kathryn Bigelows Gefährliche Brandung werden ließ. Sein Fall hat in Österreich Kriminalgeschichte geschrieben und übt bis heute noch eine seltsame Faszination aus, zumal Kastenberger sich zugleich auch einen Namen als Marathonläufer gemacht hatte. Benjamin Heisenbergs immer ganz nah bei dem „Räuber“ bleibendes Drama ist wie auch seine Vorlage eine freie, das heißt eine sich ganz bewusst Freiheiten nehmende Bearbeitung der realen Ereignisse. Trotzdem lässt es sich mit keiner anderen Fiktionalisierung eines wahren Kriminalfalls vergleichen. Benjamin Heisenberg hat einen ganz eigenen Zugriff gewählt und damit dem längst zum Klischee gewordenen Siegel „Nach wahren Begebenheiten“ wieder eine Bedeutung und einen Sinn gegeben.

Johann Rettenberger (Andreas Lust, München, Revanche) sitzt nach einem Bankraub nun schon seit Jahren im Gefängnis. Aber letztlich scheint ihn das gar nicht zu berühren. Jede Minute, die er hat, nutzt er zum Laufen, entweder im Hof im Kreis oder auf dem Laufband in seiner Zelle. Es ist fast so, als würde er jenseits seines Trainings gar nicht existieren. Als er schließlich auf Bewährung freikommt, ändert das auch nicht viel. Nur kann er nun in Parks und auf Waldwegen trainieren und an Marathonläufen teilnehmen. Für eine Arbeit oder gar eine Resozialisierung wie sie seinem Bewährungshelfer (Markus Schleinzer) vorschwebt, hat er keine Zeit. Letztlich hat er aber auch weder an dem einen noch an dem anderen Interesse. Bei der ersten Gelegenheit, die sich ihm bietet, überfällt er erneut eine Bank, um dann gleich wieder weiterzutrainieren. Eine Zeit lang führt er ein perfektes Doppelleben, von dem auch Erika (Franziska Weisz, Hotel, Das Vaterspiel), die Frau, mit der er zusammenlebt, nichts ahnt.

In der Regel bieten Filme, die reale Ereignisse aufgreifen und im Sinne einer mehr oder weniger konventionellen Kinodramaturgie fiktionalisieren, Erklärungen und Interpretationen an. Die Fragen, die die Wirklichkeit offen ließ, werden beantwortet. Somit haben diese Filme immer etwas Beruhigendes. Sie scheinen ihrem Publikum zu versichern, dass die Welt längst nicht so komplex, so unfassbar, ist, wie sie dem einzelnen oft erscheint. Benjamin Heisenberg hat keinerlei Interesse an solchen Vereinfachungen. Schon sein Spielfilmdebüt Schläfer war eine verstörend ambivalente Reaktion auf die allgegenwärtige Furcht vor Terrorismus, die sich nach dem 11. September 2001 in nahezu allen westlichen Staaten ausgebreitet hat. Für seinen zweiten Film wählte er noch einen radikaleren Weg. Diesmal hat er ganz auf den Einsatz von typischen Story- und Genreversatzstücken, derer er sich in „Schläfer“ noch als Hilfsmittel bedient hat, verzichtet. „Der Räuber“ ist kein Spielfilm mehr im klassischen Sinne, er hat eher etwas von einem klinischen Protokoll oder – wie Heisenberg selbst in Interviews sagt – von einem „Tierfilm“.

Gleich die ersten Bilder sagen schon alles. Ein Mann dreht im Gefängnishof einsam seine Runden. Er läuft und läuft und läuft, in sich versunken, als existierte die Welt um ihn herum gar nicht. Selbst als die Wärter die Zeit im Hof beenden und alle anderen Insassen nach und nach wieder in das Gebäude zurückkehren, läuft Johann Rettenberger erst einmal weiter. Er kostet jede Sekunde unter freiem Himmel aus. In seiner Zelle läuft er dann weiter, jetzt allerdings auf der Stelle. Benjamin Heisenberg beobachtet in diesen Momenten einen – ja, was ist er eigentlich – Getriebenen, einen Besessenen oder einfach nur einen Fremden, an dem jeder Blick abprallen muss, der immer ein Fremder bleiben wird. Heisenberg und sein Kameramann Reinhold Vorschneider bleiben immer bei ihrem Protagonisten. Aber so nahe ihm die Kamera auch rückt, sie kommt nicht an ihn heran. Es gibt keine Begründungen, keine simplen (küchen-)psychologischen Erklärungen für das Verhalten dieses Mannes. Er ist, was er tut, und was er tut, bleibt impuls- und instinktgesteuert.

Rettenberger ist ein Rätsel, und Andreas Lust verweigert jeglichen Hinweis, der es auflösen könnte. Aber dafür besitzt er eine ungeheure physische Präsenz, die tatsächlich etwas Raubtierhaftes hat. Ob im Gefängnis oder draußen, er ist immer in Bewegung, der Gedanke an einen Hai, für den Stillstand den Tod bedeutet, drängt sich auf. Ganz am Ende fließen dann in kurzen, schlaglichtartigen Rückblenden einige Erinnerung aus ihm heraus – wie Blut. Aber auch sie klären nichts auf. Die Gefühle, die Rettenberger für Erika hatte, bleiben genauso undurchdringlich wie alles andere auch. Und Benjamin Heisenberg bleibt sich und seinem Konzept treu. Geschichten wie die von „Pumpgun-Ronnie“ lassen sich vielleicht deuten, aber dann verlieren sie ihre Bedeutung.
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