Mein Konto
    Zwischen uns das Paradies
    Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
    2,5
    durchschnittlich
    Zwischen uns das Paradies
    Von Ulf Lepelmeier

    Kriege hinterlassen nicht nur Trümmer und erzeugen unendliches Leid bei der Zivilbevölkerung, sondern begründen auch langwierige psychologische Schäden und Traumata bei den Überlebenden. Wie die Bevölkerung Sarajevos nach Beendigung des dreieinhalbjährigen Bosnienkrieges versucht, die Schreckensbilder zu verdrängen, und um Normalität und den Wiederaufbau einer Existenz ringt, fing die bosnische Regisseurin Jasmila Zbanic auf feinfühlige und glaubhafte Weise in ihrem 2006 mit dem Goldenen Bären ausgezeichneten Erstlingswerk Esmas Geheimnis ein. Vier Jahre später war sie mit ihrem zweiten Spielfilm nun wieder im Wettbewerb der Berlinale vertreten. Ihr erneut in der Hauptstadt von Bosnien und Herzegowina angesiedeltes, etwas zu formelhaft geratendes Drama „On The Path“ befasst sich mit einem mittlerweile fast wieder ganz in der Normalität des Friedensalltags angelangten jungen Paares, das sich im Konflikt zwischen strengem Islam und liberaler westlicher Lebensart verliert.

    Luna (Zrinka Cvitesic) ist Stewardess und glücklich liiert mit Amar (Leon Lucev), der seinen Lebensunterhalt als Fluglotse verdient. Das junge, nach westlichem Vorbild lebende Paar genießt die Zweisamkeit und hegt einen Kinderwunsch. Doch dann verliert Amar aufgrund seines Alkoholproblems seine Arbeitsstelle. Zufällig trifft er auf seinen ehemaligen Kriegskumpanen Bahrija (Ermin Bravo), der ihm einen gut bezahlten Job anbietet. Doch Luna ist von dem Angebot wenig begeistert, hat sie doch Bedenken gegenüber dem mittlerweile streng gläubigen Bahrija, der einer konservativen Wahhabitengemeinde angehört. Amar lässt sich aber nicht beirren und tritt die Stelle als Computerlehrer in einem Religionscamp an. Als das Weltbild der beiden immer weiter auseinandertreibt, wird die Möglichkeit einer gemeinsamen Zukunft zunehmend in Frage gestellt...

    Jasmila Zbanic geht in ihrem Film „On The Path“ etwas zu zaghaft und undifferenziert mit dem erdrückenden Weltbildgegensatz und der Glaubensproblematik um. Die westlich geprägte Großstadt Sarajevo wird mit der Darstellung des liberalen bosnischen Islams zu klar von der abgeschiedenen, nach strengen Regeln lebenden islamischen Glaubensgemeinschaft abgegrenzt. Dazu ist die religiöse Gruppierung zu einseitig in eine fundamentale, potenziell gefährliche Ecke gedrängt, was auch daran liegen mag, dass die Regisseurin das Filmprojekt als wuterfüllte Reaktion darauf ins Rollen brachte, dass ein Wahhabit sich aufgrund ihres Geschlechts weigerte, ihr die Hand zu geben. So reicht es Jasmila Zbanic nicht aus, die strikte Geschlechtertrennung und stark verschleierten Frauen in dem Camp der Wahhabiten zu veranschaulichen, sondern zeigt auch noch eine (Zwangs-)Verheiratung einer Minderjährigen sowie an Gehirnwäsche erinnernde Unterrichtsmethoden. Und wenn scheinbar nebenher erwähnt wird, dass ein ausgezeichneter Ex-Soldat wie Amar für die religiöse Gruppierung gut zu gebrauchen sei, wird sogar auf die Gotteskriegerthematik angespielt, ohne diese aber weiter auszuführen. Ein differenziertes Islambild sieht anders aus.

    Doch anders als bei den zu sehr auf Polarisierung angelegten äußeren Lebenswelten zeichnet Zbanic im privaten Bereich von Luna und Amar ein weniger klar abgestecktes Bild. Der ehemalige Fluglotse verhält sich, trotz seines sehr abrupt eintretenden Weltanschauungswandels, seiner Freundin gegenüber weitaus verständnisvoller und toleranter, als man dies erwarten würde. Seinen strengen Glauben vertritt Amar nur auf einer Familienfeier in auffallend aggressiver Weise. Luna weist er unterdessen nie zurecht. Er versucht sie vielmehr auf ruhige, passive Art auf den von ihm nun eingeschlagenen Weg des Glaubens zu führen, etwa, indem er sie darum bittet, ihre Beziehung durch eine Heirat zu legitimieren. Luna schreit und tobt unterdessen und gibt ihrem Freund ihre Ablehnung seines Umgang und seiner neuen Ansichten unmissverständlich zu verstehen. Dabei kommt es nicht ein einziges Mal zu dem Versuch eines vernünftigen Gesprächs bezüglich der immer weiter auseinanderklaffenden Weltbilder, obwohl der Film ein starkes Gefühlsband zwischen den beiden propagiert. Um einiges Wahrhaftiger kommt da die Nebenhandlung über die immer noch nicht gänzlich verarbeiteten Kriegsvorkommnisse daher. Doch das Hauptthema eines Paares zwischen strikter Islamausübung und westlichen Freiheiten erreicht aufgrund seiner Thesenhaftigkeit nie die Qualität von „Esmas Geheimnis“, in dem noch die Vergangenheitsbewältigung im filmischen Zentrum stand.

    Die Kamera bemüht sich dicht an den Gesichtern der Protagonisten zu sein, doch trotz der zahlreichen Close-Ups stellt sich einfach kein Nähegefühl zu den Figuren ein. Auch wenn sich in Zrinka Cvitesics großen Augen zwischenzeitlich eindrucksvoll Freude und Zorn widerspiegeln, kann ihre Leistung sowie das zurückgenommene Spiel ihres Filmpartners Leon Lucev (Sturm) nicht darüber hinwegtäuschen, dass dem Thema hier mehr Gewicht zugemessen wird, als den eigentlichen Figuren. Konflikte und Gegensätze werden zwar klar visualisiert, aber es kommt nie zur wirklichen Eskalation im Privaten. Die zu Beginn gefühlvoll eingeführten Hauptfiguren dürfen nicht diskutieren, sich nicht wirklich miteinander auseinandersetzen, sondern leben, während ihre Weltbilder sich konträr entwickeln, unter wiederholten Liebesbeteuerungen vielmehr nebeneinander her. Während sich der ebenfalls mit den Identitätsproblemen junger Muslime in Europa beschäftigende Wettbewerbsfilm Shahada mit der dramatischen Zuspitzung seiner drei parallel erzählten Problemherd-Episoden etwas übernimmt, wünscht man sich bei „On The Path“, dass die Regisseurin mehr Reibung zwischen den beiden Protagonisten zugelassen hätte.

    Fazit: „On The Path“ ist ein bemühtes Drama um ein Paar zwischen strenggläubiger Weltsicht und liberaler Lebenswelt, das seine Thesenhaftigkeit nie ganz abzustreifen versteht und nicht den Mut aufbringt, die beiden Protagonisten mit ihren sich konträr entwickelnden Glaubens- und damit auch Lebenseinstellungen wirklich aufeinanderprallen zu lassen.

    Möchtest Du weitere Kritiken ansehen?
    Das könnte dich auch interessieren
    Back to Top