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Inseparable - Unzertrennlich
Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
3,0
solide
Inseparable - Unzertrennlich
Von Robert Cherkowski
Wenn der Wilde Westen und der Ferne Osten aufeinandertreffen, sind Komplikationen vorprogrammiert – zumindest auf der Leinwand, wo schon so mancher Clash der Kulturen stattgefunden hat. In der Regel wird dabei einem klaren Schema gefolgt: Der Protagonist, der sogenannte „fish out of water", muss sich an den Sitten und Gebräuchen einer fremden Kultur reiben, um schließlich Verständnis und Respekt zu erlernen und zusammen mit einem einheimischen Mitstreiter seine Ziele zu verwirklichen. Dieser Formel folgten etwa Sydney Pollack mit „Yakuza", John Frankenheimer mit „Wenn er in die Hölle will, laß ihn gehen" und Johnnie To mit „Vengeance". Auch Regisseur Dayyan Eng bietet in „Inseparable" mit Oscar-Gewinner Kevin Spacey einen westlichen Star in fremder fernöstlicher Umgebung auf. Dabei kommt er aber ohne eine einzige Culture-Clash-Phrase aus, denn hier ist die Vielfalt der Kulturen ganz selbstverständlich. Noch schöner wäre es gewesen, wenn Eng den zunächst eingeschlagenen Kurs der locker-leichten Superhelden-Parodie beibehalten hätte, ohne auf den letzten Metern plötzlich wenig überzeugend Hochseriöses zu verkünden.

Hongkong: Li (Daniel Wu) hat sein Leben hinter sich. Nach einer nicht enden wollenden Kette von zwischenmenschlichen und beruflichen Enttäuschungen und Demütigungen sieht er keinen Sinn mehr in seinem Dasein und beschließt, es mithilfe eines Stricks und eines wackligen Stuhls zu beenden. In letzter Sekunde wird er durch seinen amerikanischen Nachbarn Chuck (Kevin Spacey) am Suizid gehindert. Zuerst erschließt sich dem geschassten Li nicht, was der seltsame, wohlhabende Ausländer von ihm will, ermutigt dieser ihn doch scheinbar, seinem Instinkt und seinem unterdrückten Gerechtigkeitsempfinden zu folgen. Erst langsam rückt er mit der Sprache heraus – und sein Plan scheint noch verrückter als der mysteriöse Amerikaner selbst: Chuck will mit Li als rechte Hand in die Rolle eines maskierten Kämpfers gegen das Verbrechen schlüpfen und mit all den Bullies, Ganoven und Superschurken in der ehemaligen Kronkolonie abrechnen...

Wie schon in „Kick-Ass", „Super - Shut Up, Crime!" oder dem zu Unrecht übersehenen „Defendor" wird auch in „Inseparable" von Normalos erzählt, die Superhelden spielen. Regisseur Eng („Waiting Alone") gibt seiner Geschichte dabei einen sympathisch leichtfüßigen Touch. Auch wenn hier alles mit einem versuchten Selbstmord beginnt, werden die Protagonisten nicht als ach so gequälte Seelen gezeichnet, die sich aus Gründen schwerer psychischer Probleme zu maskierten Vigilanten aufschwingen müssen, um ihr Leben zu ertragen. „Inseparable" versprüht die Leichtigkeit, die den bunten Comics vergangener Zeiten anhaftete, bevor es partout düster zugehen musste. Schon das stets süffisante Grinsen des Edelmimen Spacey, der hier wunderbar relaxt die Leinwand dominiert, macht klar, dass es hier nicht um existenzielle Themen geht.

So verkneift sich Eng über weite Strecken neben aufgesetzter Seelenqual auch effekthascherische Splatter-Eskapaden à la „Kick-Ass" oder leere Krisen-Anspielungen à la „The Dark Knight Rises". Stattdessen gibt es spleenige Stadtneurotiker, die von einer locker-flockig-verspielten Musik begleitet ein wenig Robin Hood spielen. Da fallen die Schwachpunkte des Films gleich nicht mehr ganz so stark ins Gewicht, obwohl sie stets augenfällig bleiben. Hauptdarsteller Daniel Wu („The Banquet", „Naked Weapon") etwa soll dem Film ein emotionales Zentrum verleihen, allerdings fällt es ihm schwer, sich gegenüber dem Charme-Bolzen Kevin Spacey zu behaupten – eine undankbare Aufgabe, in der kaum jemand glänzen würde, zumal Wu angesichts seiner unterentwickelten Figur ohnehin kaum Spielraum hat. Auch Kino-Weltbürger Peter Stormare („Fargo", Minority Report") kommt völlig ungewohnt nicht so richtig zum Zug. Dafür sind seine Auftritte zu knapp gehalten und zu weit über den Film verstreut.

Am Ende kommt wieder einmal alles anders als man denkt und Eng lässt seinem spaßig-unterhaltsamen Mittelteil einen unerwarteten und alles andere als organischen Schluss folgen: Zum einen pfeffert er dem Publikum einen Twist um die Ohren, der wohl nur als doppelte M.-Night-Shyamalan-Hommage verstanden werden kann – die Überraschungswendungen von „The Sixth Sense" und „Unbreakable" scheinen hier mit einem Drehbuch-Mixer verquirlt worden zu sein. Zum anderen verdüstert sich plötzlich der Erzählton und es wird kalt: In wenigen Minuten wandelt sich die heitere Komödie zu einem jener hochseriösen Heldendramen, von denen sich Eng bis dahin so liebenswert abgesetzt hatte. Der Wink mit der fetten Schicksalskeule wirkt zudem nicht zuletzt deshalb so arg aufgesetzt, weil sein erzählerischer Zweck vollkommen im Unklaren bleibt.

Fazit: Was als lockere Superhelden-Persiflage mit einem gut aufgelegten Kevin Spacey beginnt und lange prächtig unterhält, wandelt sich auf den letzten Metern in ein Pseudo-Drama mit hanebüchenen Twists und aufgesetzter Tragik.
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