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Banksy - Exit Through the Gift Shop
Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
4,0
stark
Banksy - Exit Through the Gift Shop
Von Carsten Baumgardt
„Banksy, der übrigens in Wirklichkeit eine ganz junge zierliche und wunderschöne Frau ist, kann vieles außer Bergsteigen. Dabei ist sie daher gestern Nacht verstorben…“ Damit begründete Rhys Ifans auf der Berlinale-Pressekonferenz der Indie-Tragikomödie Greenberg, in dem der britische Mime auftritt, das Ausfallen des Pressegesprächs für Banksys ersten Film, die im Berlinale-Wettbewerb außer Konkurrenz laufende Dokumentation „Exit Through The Gift Shop“, bei der Ifans als Erzähler fungiert. Doch das ist natürlich nur die neueste von Neu-Filmemacher Banksy ausgeworfene Nebelkerze. Der Guerilla-Art-Graffiti-Künstler ist ein Phantom, nur eine Handvoll Leute kennt überhaupt seine wirkliche Identität. Und so verwundert es nicht, dass seine Dokumentation „Exit Through The Gift Shop“ im Grunde keine ist, sondern vielmehr eine Mockumentary. Und was für eine: Der Brite treibt das Verwirrspiel auf diversen Ebenen auf die Spitze und unterhält mit dieser gezielten Desinformation kolossal.

„I guess my ambition was to make a film that would do for graffiti art what ‚Karate Kid‘ did for martial arts. A film that would get every school kid in the world picking up a spray can and having a go. As it turns out I think we might have made a film that does for Street Art what ‚Jaws’ did for water skiing… But I think it’s a good film, as long as you’ve got very low expectations.“ – Banksy in einer Grußbotschaft an das Europapremierenpublikum bei der 60. Berlinale

Banksy ist durch seine subversive Kunst längst zur Ikone der Szene aufgestiegen. Er schmuggelte seine Bilder in weltberühmte Kunstausstellungen in New York und Paris, installierte eine Guantanamo-Skulptur im Disneyland von Los Angeles, zeigte Graffitis von küssenden Polizisten, Blumen um sich werfenden Straßenkämpfern oder annektierte künstlerisch Mauern im palästinensischen Westjordanland. Wenn schon nicht er selbst, hat zumindest seine Kunst den Weg vom Untergrund ins künstlerische Establishment genommen: 2006 stellte Banksy in Los Angeles unter dem Titel „Barely Legal“ aus und verdiente mit den verkauften Exponaten Millionen.

Wer nun aber denkt, „Exit Through The Gift Shop“ ist ein Film von Banksy über Banksy, liegt daneben. Der Meister präsentiert sich zwar zu Beginn mit verzerrter Stimme und in Horrorfilm-artiger Verkleidung, um ein paar einleitende Worte zu verkünden, doch der Filmemacher Banksy heftet sich danach an die Fersen des französischen USA-Einwanderers Thierry Guetta, der eine manische Obsession entwickelt hat: Er hielt über Jahre hinweg nahezu jeden seiner Schritte mit einer Videokamera fest. Der verrückte Franzose mit Backenbart und wirren Haaren beißt sich in der Street-Art-Szene fest und zeigt Künstler wie seinen Cousin Space Invader oder den einflussreichen Shepard Fairey (der beispielsweise für das mittlerweile legendäre Obama-Konterfei verantwortlich zeichnet) „bei der Arbeit“. Immer tiefer taucht Guetta ein in die Materie, nur der größte von allen, Banksy, fehlt ihm noch im Bekanntenkreis. Als Kontakte zustande kommen, geschieht etwas höchst Skurriles: Der Film, den Guetta aus seinen Tonnen von Material über die Szene schneiden sollte, ist übelster Mist und der Franzose stellt sich als lausiger Regisseur heraus. Deshalb weist sein neuer Kumpel Banksy Guetta an, zurück nach L.A. zu gehen und selbst Kunst zu machen. Guetta nimmt es wie Til Eulenspiegel wörtlich, bringt 2008 die Ausstellung „Life Is Beautiful“ auf die Beine und verdient eine Million Dollar aus dem Exponatenverkauf, weil er durch geschicktes Marketing einen monströsen, kaum fassbaren Hype in der Stadt der Engel ausgelöst hatte. Jeder wollte dabei sein, wenn in einer Art Post-Andy-Warhol-Technik eine neue Form von Kunst entsteht – obwohl sich über deren Qualität durchaus streiten lässt.

„Exit Through The Gift Shop“ ist wie die Street Art selbst: rau, unverfälscht, grob und chaotisch. Immer wieder konfrontiert Banksy die Zuschauer mit Guettas verwackelten Amateuraufnahmen, mit denen Authentizität erzeugt oder vorgegaukelt wird. Jedes Wort Banksys ist von Ironie und Sarkasmus durchtränkt – eine geschickte Tarnung, die er nutzt, um dem Publikum seine Welt der Kunst zu erklären. Was ist echt, was ist Fake? Darüber darf der Betrachter angesichts mehrerer Wahrnehmungsebenen nicht nur von der ersten bis zur letzten Minute rätseln, sondern auch noch weit danach. Denn eine eindeutige Antwort darauf gibt es nicht. Ja, Thierry Guetta hat unter seinem Pseudonym Mr. Brainwash aka MBW in Los Angeles offensichtlich eine erfolgreiche Ausstellung abgehalten, aber stammen die Werke wirklich von dem durchgeknallten Franzosen (ein Mitarbeiter der Ausstellung: „He’s retarded. I will never work for him again!“), der mehr exzentrischer Clown als Artist zu sein scheint? Oder ist dies alles nur eine Inszenierung des wahren Genies Banksy? So wie Guerilla-Comedian Andy Kaufman sein Alter Ego Tony Clifton erschuf (siehe Der Mondmann) und jahrelang dessen wahre Identität verschleiern konnte…? Das macht die große Faszination des Films aus. Nichts ist sicher, jedes Detail ist vom Zuschauer in Frage zu stellen und trotzdem macht es einen Heidenspaß, diesen Fährten zu folgen.

Banksy, der keinem Drehbuch gehorcht und bis zur Hälfte der Arbeit nicht einmal wusste, dass es ein Film werden sollte, folgt keiner geordneten Dramaturgie und vermischt auch die stilistischen Ansätze. Sein Film treibt scheinbar unorganisiert voran und wechselt die Protogonisten mehrmals. Nach der Einführung mit Banksy selbst widmet er sich der Street-Art-Bewegung, landet dann bei Thierry Guetta. Und gerade als der so richtig zu nerven anfängt, zaubert Banksy den Stunt mit Guettas Transformation zu Mr. Brainwash und der großen Künstlerkarriere aus dem Hut. Das ist wüst, das ist kühn, das ist absurd, aber irgendwie großartig.

Der wahre Geniestreich des Films ist die abschließende Unklarheit: Wird der Zuschauer, der „Exit Through The Gift Shop“ bejubelt, von Banksy genauso vorgeführt wie die Hype-geilen Kunstbeflissenen, die Mr. Brainwashs „Life Is Beautiful“-Ausstellung in Los Angeles belagerten? Niemand wusste, worum es ging, aber keiner wollte sich den Beginn einer neuen Ära entgehen lassen. Haben wir uns alle an der Nase herumführen lassen und demnächst ruft uns vielleicht jemand in bester Hape-Kerkeling-Manier „hurz“ entgegen? Das ist nicht auszuschließen. Aber vielleicht schildert „Exit Through The Gift Shop“ tatsächlich eine der größten Sensationen in der Geschichte der Kunst, nämlich dass ein ehemaliger Ladenbesitzer und talentresistenter Filmemacher durch einen nicht einmal ernst gemeinten Ratschlag zum neuen Star avanciert…
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