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Das bessere Leben
Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
3,5
gut
Das bessere Leben
Von Tim Slagman
Schon der französische Originaltitel ist ein kleines intellektuelles Spiel: „Elles" nannte Malgoska Szumowska ihren zweiten Spielfilm, der im Panorama Special der Berlinale zu sehen war und kongenial übersetzt als „Das bessere Leben" in die deutschen Kinos kommt. Denn in ihrem immer wieder mit leisem Humor durchsetzten Drama reflektiert die polnische Regisseurin die Lebensentwürfe dreier Frauen, die entgegengesetzter nicht sein könnten. Sie lässt die gut abgesicherte bürgerliche Existenz einer Journalistin auf das rohe und intensive Leben zweier Studentinnen treffen, die sich ihr Geld als Prostituierte verdienen. Das ist in weiten Teilen meisterhaft inszeniert und von großer sinnlicher Kraft. Nur selten scheint eine gewisse Überkonstruiertheit durch – etwa darin, dass die Journalistin für das Magazin „Elle" schreibt.

Anne (Juliette Binoche) arbeitet an einer Reportage über die käufliche Liebe, mit der so manche junge Frau in Paris ihr Studium finanziert. Für ihre Recherchen trifft sie sich mit Charlotte (Anaïs Demoustier), die in ärmlichen Verhältnissen aufgewachsen ist und unter den Zumutungen ihres Nebenjobs beinahe zerbricht. Und sie spürt Alicja (Joanna Kulig) auf, eine Polin, die nach einigen Missgeschicken im fremden Frankreich in die Prostitution gerutscht ist – offenkundig jedoch ohne Zweifel an ihrem Beruf, ohne Reue und mit einer ansteckenden, wenn auch leicht verruchten Lust am Leben. Vor allem diese Alicja ist es, die Anne ihr eigenes Leben, ihre Ehe und ihr Begehren mit neuen Augen sehen lässt...

Was nach einer künstlichen Versuchsanordnung klingt, entwickelt in der stilsicheren Inszenierung von Szumowska einen faszinierenden Sog, weil es der Regisseurin gelingt, an Schauwerten reiche Bilder in den Dienst eines geschlossenen ästhetischen Konzepts zu stellen. Wenn die Kamera etwa Juliette Binoche am Rand ihres Wohnzimmers isoliert, so ist dies nicht nur die Breitwandaufnahme eines elegant eingerichteten Raumes des Pariser Bürgertums mit ein paar verspielten Elementen wie einem barocken Spiegel. Es ist auch ein Sinnbild für die Einsamkeit, die über die berufstätige Mutter hereinbricht, sobald Ehemann und Kinder dieses großflächige Heim verlassen haben.

Einen Tag hat Anne noch Zeit, ihren Artikel fertig zu stellen; der Redaktionsschluss naht. Und ganz nebenbei muss sie sich um ihre zwei Söhne kümmern und ein Abendessen für den Chef ihres Manns Patrick (Louis-Do de Lencquesaing) vorbereiten. Die Kamera folgt Anne in langen Einstellungen durch Korridore in unterschiedliche Zimmer, wo es mal gilt, den Trockner einzuräumen, dann wieder, den Jüngeren von der Konsole zu scheuchen oder den Älteren wegen seiner Schulschwänzerei zur Rede zu stellen. In all diese Hektik streut Szumowska Momente der Entschleunigung, die im Kontext der Geschichte eine geradezu unheimliche erotische Aufladung erhalten. Die Erzählungen der beiden Callgirls, die diesen letzten Tag vor der Deadline bestimmen und vor Annes innerem Auge zum Leben erwachen, lassen die Fußmassage, die Anne ihrem kranken Vater bei einem Besuch gibt, oder den feuchten Abdruck ihrer Hand in der Dusche so in einem ganz anderen Licht erstrahlen. Für die fleischeslüsterne Zubereitung saftiger Speisen, die – très français – einen bemerkenswert großen Teil der Handlung einnimmt, gilt dies sowieso.

Charlottes und Alicjas Berufsalltag wird in Schlaglichtern, nie reißerisch, aber auch alles andere als prüde beschrieben. Szumowska enthält sich jeder Wertung: Wenn ein sympathisch wirkender, kultivierter Freier Alicja erst ein Galadiner kredenzt, ihr dann auf der Gitarre vorspielt, bevor er sie von oben bis unten vollpinkelt – dann ist dies eines der vielen trefflichen Bilder dafür, wie wenig das Triebhafte sich aus der Zivilisation verdrängen lässt. Etwas zu exemplarisch haben Szumowska und ihre Co-Autorin Tine Byrckel die Charaktere der wilden Osteuropäerin und der heiligen Hure von nebenan allerdings schon angelegt, zumal sie sich offensichtlich das Aufbrechen traditioneller Rollenzuschreibungen vorgenommen haben. Doch in alle scheinbar festen Definitionen dringt ein Widerspruch ein, ein mal leiser, mal lauterer Zweifel: Der nachdenklichen Charlotte scheint der Sex mit einem jungen Kunden mehr Spaß zu bereiten als der mit ihrem Freund, und ihrer Mutter mag die sonst so offenherzige Alicja ihren Beruf dann doch nicht gestehen. In diesen Ambivalenzen liegt die große Stärke von „Das bessere Leben" – in der Weigerung, sich festzulegen, welches das sein soll.

Fazit: Prostitution als Herausforderung an den spießig-bequemen Mainstream; eine Frau, die in der Rolle der Mutter und Ehefrau gefangen ist; der Unterleib als böser, aber auch erlösender Zwilling der Kultur – so neu sind die Konflikte nicht, die Malgoska Szumowska in ihrer aktuellen Arbeit thematisiert. Dennoch ist es ihr gelungen, einen sinnlichen Film zu machen, der nicht voyeuristisch ist; eine durchaus kritische Bestandsaufnahme, die nicht denunziert – aber auch ein Gedankenexperiment, das sich ein wenig zu oft als solches erkennen lässt.
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