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    Gravity
    Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
    5,0
    Meisterwerk
    Gravity
    Von Carsten Baumgardt

    Was macht eigentlich … Alfonso Cuarón - jener mexikanische Filmemacher, der 1995 mit „A Little Princess“ den Durchbruch feierte, danach in „Große Erwartungen“ Dickens modernisierte und mit dem freizügigen „Y Tu Mama Tambien“ für Aufsehen sorgte, der 2004 den besten „Harry Potter“ („Der Gefangene von Askaban“) drehte und zwei Jahre später mit „Children Of Men“ eine vielbeachtete Zukunftsvision schuf? Seit 2006 hat der Vielgepriesene keinen Kinofilm mehr als Regisseur auf die Leinwände gebracht. Die lange Pause ist nicht etwa einer Lebenskrise oder einer kreativen Durststrecke geschuldet, sondern schlicht der Tücke des (technischen) Objekts. Insgesamt viereinhalb Jahre hat der multitalentierte Cuarón, der nicht nur für die Regie, sondern auch wieder für Drehbuch, Schnitt und Produktion (mit-)verantwortlich ist, an seinem Weltraum-Thriller „Gravity“ gewerkelt. Er musste  diverse Rückschläge in der turbulenten Produktionsgeschichte überstehen, bis er seine Vision ohne Einschränkungen verwirklichen konnte – und angesichts des phänomenalen Ergebnisses lässt sich nur sagen: Selten hat sich die Zähigkeit und Ausdauer eines Filmemachers mehr gelohnt als hier. „Gravity“ ist ein multipler Triumph - Regie: meisterlich, Drehbuch: tiefschürfend, Sandra Bullock: oscarwürdig, 3D-Umsetzung: atemberaubend, Kamera, Schnitt, Ton, Musik, Effekte: perfekt, Spannung: mörderisch!

    372 Meilen über der Erde: Das fünfköpfige Astronautenteam des Raumschiffs „Explorer“ befindet sich auf einer Routinemission. Bei einem Außeneinsatz am Weltraumteleskop Hubble soll die medizinische Ingenieurin Dr. Ryan Stone (Sandra Bullock) ein neues Scanner-System installieren. Während die Raumflug-Novizin sichtlich mit dem Unbehagen in der Weite des Alls zu kämpfen hat und die Technik ihr zusätzliche Schwierigkeiten bereitet, versucht ihr abgebrühter Kollege Matt Kowalski (George Clooney) auf seiner letzten Mission vor dem Ruhestand den Rekord für den längsten freien Flug eines einzelnen Menschen im Weltraum zu brechen. Doch von einer Sekunde auf die andere gerät die Situation lebensbedrohlich außer Kontrolle. Ein verunglückter Satellit hat auf der anderen Seite der Erde eine Kollision verursacht und eine verheerende Kettenreaktion ausgelöst – die messerscharfen Schrottteile rasen mit hoher Geschwindigkeit auf die „Explorer“ zu. Der Kontakt zur Bodenkontrolle in Houston reißt wenig später ab und als die Trümmerwelle ihr Shuttle mit ihren drei Kollegen durchsiebt, sind die beiden Astronauten auf Außenmission völlig auf sich allein gestellt. Stone gerät in Panik, der alte Weltraumhase Kowalski will den Tag mit seinem Sarkasmus retten. Das Duo versucht zum Raumschiff zurückzukehren, um in den Ruinen einen Unterschlupf zu finden, schließlich geht der Sauerstoffvorrat der hyperventilierenden Stone rapide zur Neige…



    Fast so aufregend wie der am Ende 100 Millionen Dollar teure Film selbst ist auch die Entstehungsgeschichte von „Gravity“: Ursprünglich hatte der Regisseur einen „kleinen Weltraumfilm“ geplant (Alfonso Cuarón im FILMSTARTS-Interview), musste dann aber irgendwann einsehen, dass seine Vision, die er zusammen mit seinem Sohn und Co-Autor Jonas Cuarón erdachte und die Universal 2010 an Warner weiterverkaufte, mit den technischen Mitteln der damaligen Zeit überhaupt nicht realisierbar war. Für den Dreh den sogenannten Parabelflug zu verwenden, bei dem sich ein Großflugzeug in einen 30-sekündigen Sturzflug begibt und für diese Zeitspanne tatsächliche Schwerelosigkeit entsteht (für Ron Howards „Apollo 13“ durften Tom Hanks & Co. 600 Mal in den „Kotz-Bomber“), war keine Option, weil Cuarón ein schwärmerischer Verfechter von langen und raumgreifenden Plansequenzen ist. Deshalb entwickelte der Filmemacher gemeinsam mit Visual Effects Supervisor Tim Webber („The Dark Knight“, „Avatar“) und Kameramann Emmanuel Lubezki („The Tree Of Life“) neue Techniken, um die titelgebende Schwerelosigkeit in einer Mischung aus Realfilm und Computeranimation glaubwürdig auf die große Leinwand zu bringen.

    „Groß“ ist im Fall von „Gravity“ wörtlich zu nehmen, denn das ultimative Erlebnis ist der Film im überdimensionalen IMAX-Format, in dem er produziert wurde. Dabei wird das Gefühl von Schwerelosigkeit durch die dritte Dimension noch verstärkt und es ist kein Wunder, dass 3D-Pionier und „Avatar“-Macher James Cameron „Gravity“ als den Weltraumfilm bezeichnete, auf den er immer gewartet habe. Bereits die atemberaubend schöne erste Einstellung vom Raumschiff in den Weiten des Alls schlägt den Betrachter vollkommen in ihren Bann und diese Intensität lässt in den folgenden atmosphärisch unglaublich dichten eineinhalb Stunden nicht nach. Bereits auf halbem Wege der kunstvollen 15-minütigen Eröffnungssequenz, bei der Cuarón fast vollständig ohne sichtbare Schnitte auskommt und die hinter Robert Altmans grandiosem Auftakt in „The Player“ nicht zurückstehen muss, ist das Publikum vertraut mit der Situation und den Figuren – die Achterbahnfahrt kann beginnen. Cuarón steigert stetig die Spannung bis sie schließlich nahezu unerträglich wird, er treibt seine Erzählung mit letzter Konsequenz auf die Spitze. Sein Weltraum-Thriller ist mitreißend und emotional, aber er lotet auch die metaphysische Dimension des katastrophalen Szenarios sensibel aus. Wo Stanley Kubrick in „2001“ universelle philosophische Fragen auf abstrakt-sinnliche Weise behandelte, erzählt Cuarón allerdings viel direkter von menschlichen Grundempfindungen wie Einsamkeit, Verzweiflung und Angst.

    Die beiden Astronauten müssen dem sicheren Tod ins Auge blicken und sind dabei in tiefster Isolation gefangen. George Clooney begegnet der ausweglosen Situation als Matt Kowalski mit gewohnter Coolness, er ist aber hauptsächlich dazu da, Sandra Bullocks Dr. Ryan Stone ein Echo zu geben, was er souverän erledigt. Über ihre Figur, die an den Nachwirkungen eines traumatischen Verlusts leidet, bekommt der Film dagegen seine gedankliche und emotionale Tiefe, seine Menschlichkeit. „Gravity“ ist klipp und klar der Film von Sandra Bullock, die sich mit einer überragenden Leistung hartnäckig um einen zweiten Oscar (nach „The Blind Side“) bewirbt. Dass sie den Zuschlag für diese schwierige Rolle erst bekam, nachdem Angelina Jolie, Marion Cotillard, Scarlett Johansson, Blake Lively und Natalie Portman getestet wurden oder abgesagt haben, ist dabei absolut unerheblich. Bullock schafft es unter erschwerten Bedingungen (im Weltraumanzug hat sie kaum Bewegungsspielraum, auch das Gesichtsfeld ist erheblich eingeschränkt) die komplexen Empfindungen von Ryan Stone in allen Nuancen - von tiefster Hoffnungslosigkeit über totale mentale und körperliche Erschöpfung bis zum instinktiven Überlebenswillen - nachfühlbar zu machen. Cuaròn unterstützt sie dabei, indem er die Erzählung ganz auf ihre Figur ausrichtet, wobei er mit nur wenigen groben Pinselstrichen klassischer Charakterzeichnung auskommt. Im Grunde ist „Gravity“ so kaum noch ein Film im üblichen Sinne, sondern geradezu eine physische Erfahrung, die wir mit der Hauptfigur teilen.

    Die ungewöhnlich intensive Wirkung des Films hängt auch mit Cuaróns Entscheidung zusammen, im Weltraum tatsächlich komplett auf Außengeräusche (im Vakuum gibt es keine Schallwellen) zu verzichten. Die Momente beängstigender Stille kontrastiert der Regisseur wiederum gekonnt mit der dramatischen Filmmusik von Steven Price („The World’s End“) – er überlässt bei seinem virtuosen Space-Trip nichts dem Zufall. Das geht bis in scheinbar nebensächliche Details: So folgt Cuarón bei der Kollision dem Kesslersyndrom, einem von der NASA entworfenen Szenario, nach dem eine Potenzierung des Weltraumschrotts die Raumfahrt im erdnahen Orbit für Jahrzehnte unmöglich machen würde. Als wahrscheinlichster Auslöser für eine solche Kettenreaktion gilt die unkontrollierte Havarie eines Satelliten – wie im Film. Es ist auch kein Zufall, dass in der Originalfassung ausgerechnet Ed Harris den Kontakt in der Bodenkontrolle in Houston ganz zu Beginn spricht, schließlich hat der schon den realen NASA-Flugdirektor Gene Kranz in „Apollo 13“ und den Astronauten John Glenn in „Der Stoff, aus dem die Helden sind“ verkörpert – das ist Cuaróns Verbeugung vor diesen beiden Meilensteinen des Weltraum-Films. Entscheidender als solche Randnotizen sind aber Bravourstücke wie die schier unfassbar packende tonlose Sequenz, in der eine Trümmerwelle die Weltraumstation ISS zerlegt – so etwas gab es in dieser Form noch nie zu sehen. Und so ist „Gravity“ ein Kinoerlebnis wie kein zweites.

    Fazit: Perfekter als in Alfonso Cuaróns auch visuell spektakulärem Meisterwerk „Gravity“ kann man Anspruch und Hochspannung nicht verbinden.

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