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The Element of Crime
Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
4,0
stark
The Element of Crime
Von Robert Cherkowski
Wenn von Lars von Trier die Rede ist, dann fallen mit Sicherheit immer auch die klassischen Umschreibungen wie „Provokateur", „Enfant terrible", „verrücktes Genie" oder „Skandalnudel". Man denkt an die Dogma-Bewegung, mit der in den Neunzigern versucht wurde, nach einer neuen entschlackten, ehrlichen Filmsprache zu forschen, man denkt an sein forderndes, zwischen Genialität und Kitsch pendelndes Melodram „Breaking the Waves", sein schrilles Musical „Dancer in the Dark", seine formalen Experimente mit theatralen Formen wie in „Dogville" oder „Mandalay", sein Arthouse-Splatter-Drama „Antichrist" oder seine Gaga-Pressekonferenz zu „Melancholia". Vielleicht erklärt ein Blick auf seine frühe Schaffensphase das Unstete, Unberechenbare dieses Regisseurs. Wer bereits im jugendlichen Alter einen so beeindruckenden Film wie den experimentellen Thriller „The Element of Crime", den Auftakt der „Europa"-Trilogie, scheinbar mühelos aus dem Ärmel schüttelt, der kann sich auf herkömmlichem Wege kaum noch verbessern und flüchtet sich womöglich zwangsläufig in Neuerfindungen, Dekonstruktionen und die Narrenfreiheit.

In seinem Exil in Kairo lässt sich der ehemalige Polizist Fisher (Michael Elphick) per Hypnose in seine Zeit im Nachkriegseuropa und speziell seine Ermittlungen im Falle des Lotto-Killers versetzen. Hätte er doch lieber den Schleier des Vergessens über jener Zeit gelassen... Als traumatisierter und vom Krieg desillusionierter Ermittler nahm er die Jagd auf einen irren Mörder auf, der junge Mädchen, die Lotto-Lose verkauften, entführte, missbrauchte und bestialisch tötete. Da ihn seine Ermittlungen nicht weiter führten, nahm er Kontakt zum ehemaligen Polizisten und jetzigen Autoren Osborne (Esmond Knight) auf, der seinerzeit den Mörder Harry Grey überführte, indem er sich mit neuen Profiling-Methoden in seinen Kopf versetzte und auf seinen Spuren wandelte. Um den Lotto-Killer zu fassen tauschte er sich mit Osborne über dessen Fall und seine Erfahrungen aus, die er in seinem Bericht „Element of Crime" verewigt hat. Bald schon versuchte auch Fisher, in die Gedankenwelt des Lotto-Killers vorzudringen und besuchte die Orte, an denen der Mörder zugeschlagen hat. Während er mit den Traumata der Hinterbliebenen konfrontiert wird, verliert er bald Schritt für Schritt den Verstand. Wie nah wird er sich dem kranken Verstand des Killers nähern?

Schon ganz zu Beginn, wenn das Publikum ähnlich wie Fisher in eine Hypnose-Situation versetzt wird, gibt der Film seine Warnung ab: Es wird hier wohl keine wirklich realistisch gehaltene und stringente Wiedergabe des Geschehens erfolgen. Stattdessen wird man in ein feuchtes, von beigen Farben durchdrungenes Land zwischen Erinnerung, Verdrängung, subjektiver Wahrnehmung und flirrendem Wahn entführt, das tatsächlich mehr über den Seelenzustand und die Gedankenwelt von Fisher verrät als über das Erinnerte selbst. Als herkömmlicher Krimi taugt „The Element of Crime" dabei gar nicht mal so viel, zumal die tief europäischen und von Ideen der Aufklärung beseelten Wurzeln des Genres hier nicht greifen können. In dieser Welt lässt sich durch keine Ermittlungsarbeit mehr Sinn und Klarheit herstellen, wenn schon der Held selbst wie ein von Fieberwahn und Paranoia vollends Getriebener scheint.

Von Trier siedelt seine Geschichte zwar angeblich im Nachkriegseuropa an, doch der Film spielt eigentlich in einer eigenen, überhöhten Wirklichkeit voller Hochwasser, Fäulnis, Verfall und schreiendem Wahnsinn, in der sich sowohl Science-Fiction-, und Horror- als auch Film Noir-Elemente finden lassen, ohne dabei zu bloßen Genre-Zitaten degradiert zu werden. „The Element of Crime" ist vielmehr ein Stück sperriges Monumental-Arthouse-Kino, das die Sehgewohnheiten immer wieder überrascht. Von Trier beschwört eine düstere und gleichsam faszinierende Stimmung zwischen Albtraum und Furcht erregender Wirklichkeit herauf. Er schwebt mit seinem Publikum geradezu rauschhaft durch seine Bild- und Erzählwelten, um es dann aus umso größerer Höhe ins Bodenlose stürzen zu lassen. Ein frühes Meisterwerk vom schwarzen Filmmagier aus dem hohen Norden.

Fazit: Ein früher von Trier und doch schon ein Stück visuell betörendes Arthouse-Kino. Wenn sich der spätere Regieberserker hier durch ein bedrückendes und morbid-schönes Schauerland quält, dann kann man nicht anders, als ihm auf seinen Trip Richtung Wahnsinn zu begleiten und sich in einem düsteren Filmlabyrinth zu verlieren.
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