Privatdetektiv
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3 - Nicht schlecht
„Extrem laut und unglaublich nah“ – ja, so war für uns alle der 11. September 2001. Auch noch heute, über 10 Jahre nach dem schrecklichen Ereignis, hat sich wahrscheinlich keiner von der emotionalen Wucht erholt – rund um den Globus fließen bei Fernsehreportagen und Zeitungsartikeln immer noch die Tränen um die 3000 Opfer, die 9/11 forderte. Stephen Daldry, Regisseur von „Der Vorleser“ und „Billy Elliot“, ermöglicht mit seiner oscarnominierten Romanverfilmung nun aus einer völlig anderen Perspektive einen Blick auf die Geschehnisse– der autistische 10-jährige Oskar (Thomas Horn) verliert bei den Terroranschlägen seinen Vater (Tom Hanks). Ein Jahr später findet Oscar im Schrank seines Vaters einen Schlüssel und einem Zettel mit der Aufschrift „Black“. Oskar fühlt sich sofort an die Entdeckungstouren erinnert, die sein Vater immer für ihn inszeniert hat. Zusammen mit dem tauben Untermieter seiner Großmutter, der ein Geheimnis zu verbergen scheint, begibt sich Oskar auf die größte Expedition seines Lebens – denn er ist sich sicher: „Black“ ist ein Mensch und er muss ihn finden. Denn vielleicht weiß der etwas über seinen Vater…
Leider erfüllt „Extrem laut und unglaublich nah“ die immens hohen Erwartungen nicht, die ich mir auch nicht von der FILMSTARTS-Kritik habe nehmen lassen. Zuallererst scheitert der Film an seiner unheimlich komplexen Hauptfigur – der autistisch veranlagte Oskar tut einem natürlich schrecklich leid, aber durch seine besserwisserische und arrogante Art schafft man es als Zuschauer stellenweise nicht, mit ihm mitzufühlen und ihm Glück auf seiner Expedition zu wünschen. Selbst in den gemeinsamen Szenen mit seinem Vater, fühlt man sich emotional von Oskar distanziert. So sehr man sich auch anstrengt, man findet den Zugang zu ihm nicht. In einem 9/11-Drama ist das so ziemlich der schlimmste Fehler, der den Machern unterlaufen konnte – denn was nützt eine schrecklich traurige Geschichte, wenn einen das Schicksal des Protagonisten fast ausnahmslos kalt lässt. Da hilft selbst das großartige Spiel von Nachwuchsschauspieler Thomas Horn nichts mehr, der für sein Alter eine erstaunlich reife Leistung abliefert.
Obwohl der Film fast ausschließlich auf den Schultern von Horn lastet, ist es nicht sein Name, der dick und fett auf dem Kinoplakat prangt. Der Film wird großspurig mit den Namen Tom Hanks und Sandra Bullock angepriesen – man kann es den Machern nicht verübeln, schließlich stehen beide Namen eigentlich für Qualität, obwohl beide sich in letzter Zeit ein paar Ausrutscher erlaubt haben (Tom Hanks mit „Larry Crowne“, Sandra Bullock mit „Verrückt nach Steve“). Auch in „Extrem laut und unglaublich nah“ erleben beide nicht ihr großes Comeback, liefern aber dennoch gute Leistungen ab – auch wenn sie leider kaum auf der Leinwand zu sehen sind.
Positiv überraschend ist dagegen die Performance von Max von Sydow, der ohne auch nur ein einziges Wort zu sprechen die interessanteste Figur des Films ist. Während Viola Davis und Jeffrey Wright in ihren kurzen Auftritten recht überzeugend spielen, wirkt der großartige John Goodman („The Big Lebowski“) in seiner Rolle als Pförtner Stan, der sich gerne mal mit Oskar kabbelt, absolut verschenkt.
Die Optik von „Extrem laut und unglaublich nah“ ist absolut perfekt, nicht zuletzt dank der hervorragenden Kameraführung von Chris Menges. Wenn Oskar einen seiner Anfälle hat oder in rasend schnellem Tempo von den Dingen, die ihm durch den Kopf gehen, berichtet, dann passiert das mit einer Optik, die so perfekt aussieht, dass sie für den Film fast schon zu künstlich ist. Das absolute Highlight des Films ist der Soundtrack von Alexandre Desplat. Dieser hat in letzter Zeit öfters sein ungeheures Talent unter Beweis gestellt und übertrifft sich mit seiner Arbeit zu „Extrem laut und unglaublich nah“ noch einmal selbst. Die Musik ist so zart und verletzlich wie der Film und seine Figuren selbst, und trifft in den entsprechenden Szenen genau den richtigen Ton.
Stephen Daldry versucht erst gar nicht, dass Thema 9/11 in dem Film zu verarbeiten – er zeigt nur eine der tausend Perspektiven und erzählt dadurch auch noch eine spannende und fesselnde Geschichte, deren Auflösung keinesfalls Hollywood-like ist. Auch wenn die letzten Einstellungen ein wenig süßlich wirken, ändern sie nichts daran, dass „Extrem laut und unglaublich nah“ einfach ein verdammt trauriger Film ist, der zwar nicht von der Last befreit, die der 11. September 2001 uns auferlegt hat, aber wenigstens für zwei Stunden etwas Trost spendet.
Fazit: „Extrem laut und unglaublich nah“ hätte das Zeug gehabt einer der besten Filme des Jahres zu werden – leider lässt Regisseur Stephen Daldry zu viel Potenzial ungenutzt und drückt besonders in der letzten halben Stunde zu sehr auf die Tränendrüse. Der Film will mehr sein, als er letztendlich ist. Er ist ein trauriger und sehenswerter Film – aber er ist nicht „Extrem gut und unglaublich wichtig“.
Hinzugefügt am 20.02.2012 um 20:36 Uhr
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