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    Der Elefantenmensch
    Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
    5,0
    Meisterwerk
    Der Elefantenmensch
    Von Hans Riegel
    „Elephant Man“, das sind Anthony Hopkins und John Hurt unter der Regie von David Lynch, produziert von Mel Brooks. Um 1980 hielt man Mel Brooks für den Spaßvogel hinter Filmparodien wie „Frankenstein Junior“ (1974) und „Höhenkoller“ (1977) und wusste vielleicht noch um seinen Erstling „Frühling für Hitler“ (1968), der überraschend zum Erfolg geworden war. Um 1980 war David Lynch, der heute jedem Filmfreund ein Begriff ist, nicht bekannt. Er hatte den kommerziell uninteressanten Eraserhead (1977) gedreht und außerdem einige Kurzfilme, die jedoch eher experimentellen Charakter besaßen. Einzig die Hauptdarsteller des Films, Anthony Hopkins und John Hurt, waren gerade auf dem Weg, sich als Schauspieler unvergesslich zu machen: John Hurt war mit Alien bereits ein Jahr zuvor in die Filmhistorie eingegangen und Anthony Hopkins, obgleich es bis zum Das Schweigen der Lämmer (1991) noch einige Jahre dauern sollte, befand sich mit Rollen wie in „Die Brücke von Arnheim“ (1977) und „Magic“ (1978) im Aufwind. So vereinigte „Elephant Man“ Karrieren von Schauspielern und Regisseuren, die bis zu diesem Zeitpunkt gänzlich verschiedene Wege gegangen waren.

    John Merrick (John Hurt) ist der Elefantenmensch (so auch der dt. Titel), übersäht von aufgetriebenen, mosaikartig verteilten, wie Tumore anmutenden Vergrößerungen einzelner Gliedmaßen und Wucherungen an allen Körperpartien (heute, mitnichten allerdings damals, bekannt als Proteus-Syndrom). Er lebt als Jahrmarktattraktion unter der nicht gerade liebevollen Obhut eines gewissen Bytes (Freddie Jones) bis zu dem Tag, da Frederick Treves (Anthony Hopkins) ihn entdeckt und - wegen einer Bronchitis - einige Zeit darauf ins London Hospital aufnimmt, wo der junge Familienvater Treves als Chirurg tätig und auch der Forschung nicht abgeneigt ist: ein Grund, der die Aufnahme des deformierten und geistig scheinbar unterentwickelten Merrick begünstigt. Im Weiteren vollzieht sich allmählich das Häuten der Zwiebel; der emotional abgeschlossene Patient wagt seine ersten zarten Bindungen zu Menschen in Freundschaft, Verehrung und vielleicht sogar Liebe. Doch er ist zu ungewöhnlich, sein Gesicht zu entstellt und hässlich, seine Bewegung zu ungelenk, als dass er in Frieden leben dürfte...

    This is true my form is something odd,
    But blaming me is blaming God;
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    „Elephant Man“ ist nicht allein die Verfilmung einer vergangenen Wirklichkeit, nicht allein das Leben Joseph Merricks, der wirklich von 1862 bis 1890 in London lebte; „Elephant Man“ gelingt unter Lynchs Regie und Brooks’ Organisation als Produzent zu einer Parabel über die Bürde des Andersseins, über einen Menschen, der nur seines Äußeren wegen zur Persona non grata verkommt, ungeachtet seines Wesens, das doch so voll ist von Liebe und Zuneigung, das schon auf den Gipfeln der Glückseligkeit weilt, wenn es nur Freunde hat, die es zu erkennen wagen.

    Could I create myself anew
    I would not fail in pleasing you.
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    John Merrick will gar keine Anerkennung, will kein Leben führen, das gleich allen anderen ist, will aber auch nicht das Kuriosum sein, mit dem sich die gehobene Gesellschaft zum Tee trifft, um en vogue zu sein, sondern will es nur ein bisschen weniger schwer haben, das Leben, und nachts, wie es jedem anderen bedingungslos und von Geburt an vergönnt ist, auf dem Rücken liegend schlafen; Joseph Merrick möchte einen Hauch der Leichtigkeit spüren, die das Normalsein bedeutet.

    Das Viktorianische Zeitalter - in dem der Film spielt - ist geprägt von der florierenden Industrialisierung. Lynch visualisiert die 1880er Jahre und ihr gesellschaftliches Treiben über von Maschinendampf erfüllte Gassen, von Feuchtigkeit glänzende Kopfsteinpflaster, pumpende, hämmernde Fabrikengeräusche, zu hören, zu fühlen - allgegenwärtig in den Straßen und auf den Plätzen im Freien. Er zeigt Jahrmärkte, Freaks, die in Käfigen sitzen und solche, die, hinter Vorhängen in Gruselkabinetten versteckt, hausend wie wilde Tiere, Bourgeoisie wie Proletariat ob ihrer Abartigkeit gleichermaßen ergötzen. All dies ist brillant fotografiert: Schwarzweiß-Bilder, die an Wege zum Ruhm (1957) oder Ist das Leben nicht schön (1946) erinnern und somit zeitlich nicht festzumachen sind, Figuren und Typen, die einigen Fratzen aus Uhrwerk Orange (1971) ähneln, Einstellungen, die wie zeitgenössische Gemälde wirken, aus denen lediglich die Farbe getilgt ist, doch immer noch so, als könne sie sogleich zurückkehren: im Theater, stark gegen Ende des Films, harrt das Auge regelrecht der Farbe - Teppich und Vorhang, so schimmernd grau, gerahmt durch das Schwarz der Anzüge und Kleider, sind nur kleinste Schritte davon entfernt, in vollstem Rot aufzugehen, - doch Farbe gibt es nicht.

    Dagegen aber denkwürdige Szenen, starke Kontraste hier, dann weiche Übergänge dort, vom mittleren ins tiefe Dunkel übergehend; Dr. Treves in jener Szene, die ihn die Fassade des Elefantenmenschen, des Ungeheuers gewahren lässt: eine einzelne Träne rinnt, Augen, glitzernd wie Kristall, gebannt auf die Kreatur schauend, Augen, die all das Leid erkennen, all den Schmerz nachempfinden, den dieser Mensch hat erleiden müssen. Ein beeindruckender Anthony Hopkins. Später antwortet er mit „ich“, als Mr. Garr-Gumm (Sir John Gielgud), sein Vorgesetzter, sinniert: „Wer kann sich vorstellen, welch ein Leben er gehabt haben muss?“ Kameramann Freddie Francis leistet wahrlich Meisterhaftes, was wohl der Grund sein mag, weshalb Lynch ihn auch bei „Dune“ (1984) und The Straight Story (1999) gern einsetzte. Dass gerade ihm jedoch die Oscarnominierung versagt blieb, ist schlicht nicht zu rechtfertigen, insbesondere, da auch Michael Chapman für Wie ein wilder Stier, dem er wohl an zweiter Stelle gebührt hätte, nicht mit dem Goldjungen bedacht wurde. Doch mittlerweile herrscht einigermaßen Klarheit darüber, dass, wer für seine filmische Arbeit eine Auszeichnung verdient hat, am wenigsten mit einem Oscar rechnen darf. Und so gewann schließlich keiner der immerhin acht Nominierten aus den Reihen um „Elephant Man“ einen der allem zum Trotz begehrten Preise.

    David Lynch war niemals Verfechter hehrer Botschaften, und auch in seiner Arbeit erging er sich nie in bedeutsam anspruchsvollen Bedeutungswelten und Konstruktionen; was er immer war: unheimlich talentiert, wenn es um das Schaffen von Atmosphäre geht. Sein gesamtes filmisches Werk durchziehen Themen, die urmenschlich sind: Angst, unbekannte Abgründe, Flucht - in den Traum, und ein Bedürfnis nach innerem Frieden; Themen, die er, wie so gern gesagt wird, „atmosphärisch dicht“ zu transportieren versteht, was in „Eraserhead“ seinen Anfang und vielleicht gleichsam seinen Höhepunkt fand, was jedoch stark im Kern von „Eraserhead“ begründet ist. Nichtsdestoweniger lebt auch „Elephant Man“ von der Art, wie die Kamera John Merricks Menschlichkeit sichtbar macht, wie Dr. Treves an ihm wächst und mit der schrittweise sich vollziehenden Zutraulichkeit der Himmel und gleichwohl das Gemüt aufklart, indem Arzt und Patient den Grundstein für ihre Freundschaft über dieses Verhältnis hinweg legen. Als besonders anrührend wird man jener Szene gedenken, in der Mrs. Kendal (Anne Bancroft), eine berühmte Theaterschauspielerin dieser Zeit, die vom Leid John Merricks gehört hat, ihn in seinem Zimmer im London Hospital besucht. Sie überreicht ihm ein signiertes Selbstbildnis und ein Buch mit dem Titel „Romeo And Juliet“, von dem John schon gehört hat und er liest daraus. Dann setzt sie ein, lächelnd wie eine gute Mutter, die ein verlorenes Kind aufnimmt, und rezitiert den Gegenpart. Sie sprechen weiter, schwelgen in der Sprache des 16. Jahrhunderts und - schließlich küsst sie ihn, auf die Wange. Das Herz geht auf, der Zuschauer ist emotional involviert, er ist verzaubert. Denkwürdig. Anne Bancroft ist ein singuläres Ereignis. - David Lynch ergeht sich in der Bewegung menschlicher Gefühle, und das braucht nicht einmal Worte.

    Doch „Elephant Man“ ist das, was wir heute fälschlicherweise Drama nennen, nämlich durchaus Tragödie; wir wissen, John hat zur Trauer nur allzu viel Anlass. Nimmt man es genau, ist „Elephant Man“ auch Komödie, nämlich eine Geschichte mit gutem Ende, eines, an dem die Hauptfigur den Tod vor Augen hat, sie stirbt - allerdings glücklicher als sie zuvor hat leben dürfen. Dieser Film, dieses Zusammenspiel großartiger Akteure vor und hinter der Kamera, die authentische Geschichte, einfühlsam, echt, keine Sekunde mit falschem Pathos erzählt, technisch wahrlich hervorragend Szene für Szene entwickelt, macht aus „Elephant Man“ ein unvergessliches Meisterwerk, das viel mehr sein darf, als nur Verständnisbekundung für diesen gequälten Mann aus längst vergangener Wirklichkeit. „Elephant Man“, das war Anthony Hopkins’ vielleicht beste Rolle, John Hurts eindrucksvollste allemal; das war David Lynchs Zugang nach Hollywood (in eine - mehr oder weniger - gesicherte Zukunft), und das war der Beweis, dass Mel Brooks, der hier große Kennerschaft bewies, nicht nur Spaßvogel ist.

    1 Isaac Watts (1674 - 1748)
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