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Brautalarm
Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
4,0
stark
Brautalarm
Von Helgard Haß
Mit „Brautalarm" kommt ein Film von Erfolgsproduzent und Comedy-Guru Judd Apatow, in dem ein überwiegend weiblicher Cast rund um eine Hochzeit in die absurdesten Situationen gerät. Seine zweistündige Unterhaltungsorgie ist allerdings keineswegs nur auf ein weibliches Publikum ausgerichtet - hier kommen Zuschauer beiderlei Geschlechts voll auf ihre Kosten. Apatow und Regisseur Paul Feig haben mit einem grandiosen Drehbuch von Annie Mumolo und Kristen Wiig eine Komödie auf die Leinwand gebracht, die schon in den USA äußerst erfolgreich lief und auch hierzulande einer der spaßigsten Sommerhits werden sollte. Apatow ergänzt sein Repertoire an Erfolgskomödien („Ananas Express", „Nie wieder Sex mit der Ex", „Superbad", „Beim ersten Mal") mit dem „weiblichen „Hangover"– so die Vermarktungsstrategie – und bestätigt einmal mehr seinen Ruf als Comedy-Allzweckwaffe.

Für Annie (Kristen Wiig) könnte es wahrlich besser laufen. Seitdem ihre Bäckerei pleite ist, hat sie über ihre Mutter (Jill Clayburgh) einen Job bei einem Juwelier angenommen, wo sie mit ihrem Frust täglich die Kunden in die Flucht treibt. Sie hängt immer noch an ihrem Ex-Freund (Jon Hamm), der sich aber nur auf kurzweilige Stelldicheins einlässt. Zumindest kann sie immer auf ihre beste Freundin Lillian (Maya Rudolph) zählen. Dummerweise hat die sich jetzt allerdings verlobt und Annie, die den Part der Trauzeugin übernimmt, bekommt es nun mit all den anderen Brautjungfern zu tun. Besonders Lillians neue Freundin Helen (Rose Byrne) stellt sich ihr in den Weg, würde diese doch am liebsten selbst die Hochzeit organisieren...

Das Drehbuch stammt aus der Feder von Hauptdarstellerin Kristen Wiig und von Annie Mumolo, die man bisher eher im Fernsehen vor der Kamera gesehen hat und die in „Brautalarm" einen Cameo-Auftritt als nervöse Sitznachbarin von Annie im Flugzeug beisteuert. Wiig ist in Deutschland weitestgehend unbekannt – was sich mit diesem Film schnell ändern dürfte. In den USA ist ihr komödiantisches Talent vor allem durch ihre Auftritte bei „Saturday Night Live" bereits in der öffentlichen Wahrnehmung zementiert. Wiig hat sich volle zwei Filmstunden mit pointierten Dialogen und zahlreichen Wortgefechten auf den Leib geschrieben. Paul Feig derweil gibt mit „Brautalarm" sein Kino-Regiedebüt. Zuvor inszenierte er vor allem TV-Serien und begann seine Karriere als Darsteller vor der Kamera. Mit „Brautalarm" zeigt er, dass er im Kinogeschäft ebenso gut aufgehoben ist.

Die romantische Beziehung zwischen Annie und Polizist Nathan Rhodes – perfekt besetzt mit Chris O'Dowd– steht im Hintergrund und hat mit dem Hauptgeschehen wenig zu tun. Was die Handlung vorantreibt, sind die fiesen Streitigkeiten zwischen Annie und Helen. Die anderen Brautjungfern fächern ein breites und augenzwinkernd klischeebeladenes Figurenspektrum auf – so sind neben Annie und Helen die naive und frisch vermählte Becca (Ellie Kemper), die frustrierte Mutter Rita (Wendi McLendon-Covey), und die vulgäre Megan (Melissa McCarthy) mit von der Partie. Letztere tanzt allerdings mit ihrer Kampfattitüde und erschreckenden Direktheit etwas aus der Reihe. Durch abstruse Situationen – etwa einer Lebensmittelvergiftung, die die Braut dazu treibt, mitten auf offener Straße und im anprobierten Brautkleid ihr Geschäft zu verrichten – werden geläufige Frauen-Typen amüsant zugespitzt.

Was die grandios komische Szene im Brautmodengeschäft noch erinnerungswürdiger macht, ist Wiigs ursympathische Performance als Annie, die übersät mit Schweißperlen und ihrer Übelkeit widerstehend vor Helen standhaft bleibt und nicht zugeben will, dass das von ihr ausgesuchte Restaurant offensichtlich eine schlechte Wahl war. Trotz fantastischer Nebendarstellerinnen – besonders hervorzuheben ist Melissa McCarthy, die jede ihrer Szenen souverän beherrscht – sticht Kristin Wiig als Protagonistin deutlich hervor. Erinnert sie anfangs noch an eine Meg Ryan, die in „Harry und Sally" oder „Schlaflos in Seattle" ähnlich lange Redekanonaden von sich gab, etabliert Wiig sich schließlich eher auf einer Ebene mit der Comedy-Allrounderin Tina Fey, nicht nur aufgrund ihrer Beteiligung am Drehbuch, sondern auch ihrer Vielseitigkeit als Komödiantin.

Bereits in puncto Altersfreigabe – zumindest in den USA – rücken an die toughen „Brautjungfern" Todd Phillips‘ „Hangover"-Chaoten auf den Leib, denn beide Filme sind dort aufgrund ihrer „erwachsenen Dialoge" nicht für Jugendliche freigegeben. Auch hier spielt sich schließlich eine Hochzeit von Mittdreißigern ab – und es gibt ähnlich viel zu lachen. Ansonsten halten sich die Vergleichsmöglichkeiten jedoch in Grenzen. So schaffen es die Frauen gar nicht erst nach Las Vegas, obwohl sie dort zusammen den Junggesellinnenabschied verbringen wollen. Insgesamt ist man mit „Brautalarm" im Vergleich zum „Hangover" weniger Risiken eingegangen – was dem Spaßfaktor des Films jedoch keinerlei Abbruch tut.

„Brautalarm" dürfte durch einige Szenen - wie derjenigen im Brautmodegeschäft oder dem Flugzeug - länger im Gedächtnis bleiben als die meisten romantischen Komödien, wobei der Film mit der hohen Gagdichte und den skurrilen aber sympathischen Figuren jederzeit mehr Komödie als Romanze ist. Auch die Musik setzt sich von den üblichen RomComs ab, so liefern sich die Rivalinnen Helen und Annie etwa ein pfefferndes Tennismatch zur Musik von AC/DC. Es ist eben kein typischer Hochzeitsfilm, der ein Paar bis zur glücklichen Trauung vor der Altar begleitet; im Zentrum stehen hier die Personen, die bei der Hochzeit bloß dabei sind. Feig bringt es verspielt-leichtfüßig fertig, Freundschafts- und Beziehungsprobleme zu thematisieren, ohne bei all den Überspitzungen den Bezug zur Realität zu verlieren. „Brautalarm" ist erfrischend und reizt sein komisches Potential vollends aus - hier wirken selbst Ausflüge unter die Gürtellinie nie fehl am Platz.
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