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Das letzte Schweigen
Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
2,0
lau
Das letzte Schweigen
Von Christian Horn
Derzeit erlebt der Kriminalfilm in den deutschen Lichtspielhäusern eine Art verhaltene Renaissance. Auf der Berlinale 2010 waren mit „Der Räuber" (Benjamin Heisenberg), „Im Schatten" (Thomas Arslan) und der TV-Serie „Im Angesicht des Verbrechens" (Dominik Graf) gleich drei künstlerisch überzeugende und spannende Genrebeiträge auf der Leinwand zu sehen. Obwohl nicht wenige Stimmen Grafs Serien-Epos absolute Kino-Tauglichkeit attestierten, erfuhr das Werk lediglich eine TV-Auswertung; Heisenbergs „Der Räuber" hingegen lief hierzulande im Kino, lockte jedoch erschreckend wenige Zuschauer in die Säle. Nichtsdestotrotz scheint sich der deutsche Krimi, der viele Jahre nur im öffentlich-rechtlichen Fernsehen stattfand, wieder seinen Weg auf die große Leinwand zu bahnen. Mit „Das letzte Schweigen" von Baran bo Odar („Unter der Sonne") startet ein hochkarätig besetzter Kriminal-Thriller aus Deutschland, der dank seiner ausgezeichneten Darsteller-Riege wohl weit mehr Zuschauer als die bisher genannten Beispiele ins Kinodunkel ziehen wird, inhaltlich und ästhetisch aber nicht mit diesen mithalten kann. Zu überfrachtet und oberflächlich ist der Film, der nur in einzelnen Szenen überzeugt.

Am 8. Juli 1986: Der Hausmeister Peer (Ulrich Thomsen, „The International") und der junge Student Timo (Wotan Wilke Möhring, „Männerherzen") schauen einen Gewaltporno mit einem minderjährigen Mädchen. Sie steigen ins Auto und verfolgen die 11-jährige Pia, die auf dem Fahrrad durch die Wälder fährt. Peer überwältigt das Mädchen am Rande eines Kornfelds, vergewaltigt und ermordet sie – Timo bleibt währenddessen im Auto und ergreift kurz darauf entsetzt die Flucht. Im Jahr 2009, ebenfalls am 8. Juli, verschwindet ein weiteres Mädchen. Das Fahrrad findet sich am Tatort von damals und der frisch pensionierte Polizist Christian „Krischan" Mittich (Burghart KlaußnerDas weiße Band"), der den Mord an Pia nie aufklären konnte, vermutet den Mörder von damals hinter dem Verbrechen. Sein ungeliebter Kollege Matthias (Oliver Stokovski, „Das Experiment") mahnt jedoch zur Zurückhaltung: Schließlich wurde bisher keine Leiche gefunden...

Schnell führt Baran bo Odar eine Schicksalsgemeinschaft ein, deren Mitglieder auf je eigene Weise von den beiden Mordfällen erschüttert sind. Neben Elena Lange (Katrin Sass, „Good Bye, Lenin!"), der Mutter des ersten Opfers, treten auch die Eltern des zweiten Opfers auf: Ruth (Karoline Eichhorn, „Ferien") und Karl Weghamm (Roeland Wiesnekker, „Der Fürsorger") – beide verständlicherweise mit den Nerven völlig am Ende. Zu den Ermittlern gehören David (Sebastian Blomberg, „Palermo Shooting"), dessen Frau kürzlich verstorben ist, und seine schwangere Kollegin Jana (Jule Böwe, „Die Besucherin"), eine der wenigen Figuren ohne Traumatisierung. Zuletzt spielt auch Timo eine wesentliche Rolle: Mit seiner Frau Julia (Claudia Michelsen, „Die Päpstin") und zwei gemeinsamen Kindern hat er sich eine Familie eingerichtet – mit dem neuen Mordfall holt ihn die Vergangenheit ein.

Der Romanvorlage von Krimiautor Jan Costin Wagner entsprechend, geht es in „Das letzte Schweigen" nicht in erster Linie um die Aufklärung eines Mordfalls, sondern um die Auswirkungen des Verbrechens auf die Betroffenen. Der Film ist also nicht nur ein Krimi, sondern auch ein Drama beziehungsweise Psychogramm, in dem alle Beteiligten – ob Mörder, Polizisten oder Angehörige – gleichwertig nebeneinander agieren. Dass Odar mit dieser prinzipiell spannenden Herangehensweise größtenteils scheitert, liegt an der hoffnungslosen Überfrachtung seiner Erzählung, die sich sowohl inhaltlich, als auch formal abzeichnet. So kämpft beinahe jede der Figuren mit ernsthaften psychischen Problemen. Die dadurch etablierte depressive und unheilschwangere Atmosphäre wirkt allzu forciert – und letztlich auch zu behauptet. Wirklich tief dringt die Erzählung nämlich nicht in das Innere der Figuren: Oberflächlichkeiten, oft in abgegriffenen Dialogen formuliert, müssen genügen.

Dass ein tieferer Blick in die Figuren kaum stattfindet, liegt auch an der nicht minder überladenen formalen Gestaltung. Viele der streng komponierten Aufnahmen können zwar ästhetisch überzeugen; dadurch aber, dass sie ihren Konstruktionscharakter so deutlich zu Tage treten lassen, erschweren sie die direkte Anteilnahme am Geschehen – dagegen, und auch gegen die Drehbuchschwächen, kann selbst das erlesene Ensemble nicht anspielen. Es gibt zwar durchaus spannende und überzeugende Momente in „Das letzte Schweigen", insgesamt leidet der Film aber an seiner inhaltlichen Zerfahrenheit und der Form, die nicht zum narrativen Ansatz passt. Erwähnung finden muss hier noch die Tonspur, die fortwährend eine bedrohliche Stimmung heraufbeschwört – und sich durch ihre penetrante Hartnäckigkeit alsbald abnutzt. Am ehesten kann „Das letzte Schweigen" wohl als der Versuch verstanden werden, dem deutschen Qualitätskino einen handwerklich pompösen Thriller hinzuzufügen – und als Reflex auf den anhaltenden Erfolg der Millennium-Trilogie von Stieg Larsson. Die Romane, vor allem aber die Verfilmungen („Verblendung", „Verdammnis", „Vergebung"), erscheinen als Hauptverantwortliche für das neue Interesse am Krimigenre.
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