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    Hanni & Nanni
    Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
    2,5
    durchschnittlich
    Hanni & Nanni
    Von Christian Horn
    Adaptionen erfolgreicher Kinderbücher sind nicht erst seit "Harry Potter" eine relativ sichere Bank. So verwundert kaum, dass nach einer japanischen Zeichentrickserie (1991) und einem deutschen Hörspiel nun auch die Kinofilm-Version des Kinderbuchklassikers „Hanni & Nanni" vorliegt. Freilich wurde der Stoff modernisiert und ins Hier und Jetzt transferiert – ursprünglich erschienen die „Hanni & Nanni"-Bücher von Enid Blyton zwischen 1941 und 1945. Und so spielt der deutsche Film statt in Großbritannien nun auch in deutschen Breitengraden. Ansonsten ist aber vieles beim Alten geblieben, wenngleich das hastige Erzähltempo wohl einen Gutteil des ursprünglichen Charmes verschenkt. TV-Regisseurin Christine Hartmann, die unter anderem Folgen für „Tatort" und „Polizeiruf 110" inszeniert hat, vermag darüber hinaus kaum, ihre Adaption mit besonderer Raffinesse zu versehen. Was bleibt, ist ein passabler, harmloser Kinderfilm, der sein Zielpublikum unterschätzt.

    Hanni (Sophia Münster) und Nanni Sullivan (Jana Münster) sind nicht nur eineiige Zwillingsschwestern, sondern auch beste Freundinnen. Gemeinsam mit ihren Mädels ziehen sie durch Berlin und verbringen eine lustige Zeit – bis sie eines Tages von ihrer vorgeblichen Freundin Oktavia (Emilie Kundrun) hereingelegt und des Diebstahls bezichtigt werden. Doch davon will zuhause niemand wissen: Die Eltern (Heino Ferch, "Der Untergang" und Anja Kling, "Wo ist Fred?") schicken ihre Töchter postwendend ins Landinternat „Lindenhof". Kaum angekommen wollen die Mädels schon wieder weg, denn die ungerechte Bestrafung passt ihnen gar nicht. Aber Gelegenheiten für das ein oder andere Abenteuer bieten sich freilich auch auf dem Lande – und mit der Zeit fühlen die Sullivans sich dann doch ganz heimelig. Dafür sorgen auch die Lehrkräfte, allen voran die mütterliche Direktorin Theobald (Hannelore Elsner, "Die Unberührbare") und die verwirrte Französischlehrerin Mademoiselle Bertoux (Katharina Thalbach, "Sonnenallee", "Die drei Räuber")...

    In erster Linie ist „Hanni & Nanni" ein Film für selbstbewusste Mädchen und solche, die es noch werden wollen. Die starken, aktiven Figuren des Films sind weiblich, während die wenigen Männer verweichlicht und passiv daherkommen. Symptomatisch dafür steht bereits die Eröffnungssequenz, in der Hanni mit einem Eishockey-Schläger bewaffnet durch ein Kaufhaus heizt und einen verblödeten Detektiv (Oliver Pocher, "Vollidiot") glatt über den Haufen rennt. Der erwachsene Mann bezichtigt das kleine Mädchen gar der Körperverletzung - hier ist echte Girlpower am Werk! Das posaunt Hartmann über ihr flottes Intro unüberhörbar gen Publikum – und legt nebenbei gleich das hohe Tempo des Films fest.

    Über dieses gut gemeinte und sympathische Statement hinaus handelt „Hanni & Nanni" noch von einer anderen Emanzipation, jener der eher zurückhaltenden Nanni von ihrer aufbrausenden Schwester nämlich. Wenngleich beide - was für den einen oder anderen Kalauer sorgt - kaum voneinander zu unterscheiden sind, so haben sie doch unterschiedliche Vorlieben. Während Hanni ihre Erfüllung im Hockeyspiel gefunden hat und ihre Schwester zum Mitmachen drängt, will die lieber Geige spielen. „Hanni & Nanni" erzählt, wie Nanni die Stärke findet, die Abgrenzung gen Schwesterherz endlich zu artikulieren. Leider wird diese Entwicklung nur sehr stichpunktartig auserzählt, so wie auch die anderen Themen des Films.

    Da wäre weiterhin die Kluft zwischen Arm und Reich. Eine verwaiste Internats-Kameradin muss etwa ihr Pferd hergeben, da niemand den Stellplatz zahlen kann. Oktavia hingegen, die bösartige Freundin der Zwillinge, badet regelrecht im Luxus, über den sie sich und andere gnadenlos definiert – klar, dass sie dadurch endgültig zur Gegenspielerin wird. Einen zu schlichten Lösungsansatz zur Überwindung der Klassenkluft liefert „Hanni & Nanni" gleich mit: Erika (Aleen Jana Kötter), eine andere Freundin der Schwestern, stammt aus ebenso reichen Verhältnissen, fügt sich aber keineswegs ins versnobt-arrogante Weltbild ihrer Mutter (Sunnyi Melles, "Unter Strom"). Stattdessen ergreift sie Partei für die Guten, die Warmherzigen. Noch so eine Emanzipationsgeschichte: Wer und was du bist, das bestimmst du selbst!

    Einige der inhaltlichen Ansätze von „Hanni & Nanni" sind durchaus gelungen. Fraglich hingegen bleiben die starken Simplifizierungen, die junge Mädchen der Gegenwart ziemlich sicher unterfordern – und deren erwachsene Begleiter sowieso. Man wünscht Hartmanns Film ein bißchen weniger Slapstick, einen höheren Reflektionsgrad sowie eine Dramaturgie, die sich mehr Zeit für die Figuren und deren Entwicklungen nimmt. In seiner jetzigen Form aber ist „Hanni & Nanni" nicht mehr als ein trivialer und kurzweiliger Spaß, der viel Potenzial vergeudet – aber so richtig langweilig wird es mit den Power-Zwillingen nun auch wieder nicht.
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