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Muxmäuschenstill
Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
3,5
gut
Muxmäuschenstill
Von Stefan Ludwig
Straftäter werden zu lasch bestraft – wenn sie denn überhaupt erwischt werden. So lautet das ziemlich einheilige Credo der deutschen Bevölkerung. Diesem Thema nimmt sich die Satire „Muxmäuschenstill“ auf ihre ganz eigene Weise an. Der mit einem Minimal-Budget von 40.000 Euro gedrehte Film ist übrigens schon vor Kinostart kommerziell erfolgreich: Für die Nominierung für den deutschen Filmpreis erhielt er eine Prämie von 250.000 Euro. Der Mut für dieses ungewöhnliche und gewagte Filmexperiment wurde somit bereits belohnt. Und das nicht zu Unrecht, denn was Regisseur Marcus Mittermeier und Jan Henrik Stahlberg als Drehbuchautor und zugleich Hauptdarsteller mit den wenigen finanziellen Mitteln auf die Beine gestellt haben, ist letztlich vielleicht ein sinnvoller Wegweiser für die deutsche Filmlandschaft. Nicht Hollywood-Produktionen kopieren sollte doch die Devise sein, sondern etwas mit ganz eigenem Stil machen, das seine Zuschauer stets überrascht. „Muxmäuschenstill“ ist kein Film für Zartbesaitete, seine Thematik packt er mit der Brechstange an, doch die Schockebene hält sich mit der komischen Seite gut die Waage – Unterhaltung auf hohem Niveau.

Mux (Jan Henrik Stahlberg) jagt Straftäter jeglicher Art. Schon morgens steht er mit dem Richtmikrofon auf dem Balkon und überprüft, ob seine Nachbarn nicht gerade wieder geklautes Zeug verkaufen. Später begibt er sich in Bus und Bahn, um Schwarzfahrer zu enttarnen oder er stoppt Raser auf der Landstraße. Zunächst knöpft er ihnen eine „Pauschale“ von 100 Euro ab, anschließend schreitet er zu fortgeschrittenen Maßnahmen: Er lässt sie selbst ihr Lenkrad abschrauben und kassiert es ein. Graffiti-Sprayern sprüht er mit ihrer eigenen Farbdose ins Gesicht und einen inkontinenten Studenten stellt er mit einem „Ich habe ins Becken gepinkelt“-Schild an den Beckenrand. Mit solchen Methoden will er die gefürchtete Rückfallquote gering halten. Das alles macht er rein aus der Motivation, die Welt verbessern zu wollen, reich wird er dabei nicht – er hält sich selbst allerdings für ein Genie und nennt sich in einem Atemzug mit Goethe und Schiller.

Während des Films entsteht eine zunehmende Identifikation mit der muxschen Methode. Es ist zum einen stellenweise extrem komisch, ihm bei der „Arbeit“ zuzusehen, zum anderen hat er wohl mit seiner Vorgehensweise Erfolg, wie die Rückfallquote von 10 Prozent offenbar beweist. Das Weltbild von Mux scheint auf Sinn und Verantwortung zu basieren, alles hört sich sehr nach der Philosophie Kants an, die auch in Buchform auf dem Nachttisch von Herrn Mux liegt. Ist sein Weg also vernünftig? Ja und nein. Mit der Zeit wird klar, dass ihm seine klaren moralischen Werte und Vorstellungen vom Leben menschlich ziemlich viele Probleme bereiten. In Kira (Wanda Perdelwitz) verliebt er sich Hals über Kopf, doch mangelnde Erfahrung und etwas weltfremde Ansichten bringen ihn in schwere innerliche Konflikte. Außerdem wird er mit der Zeit langsam aber sicher auch zum Straftäter und seine Bestrafungen sind oder gehen stark in Richtung Folter.

Stark schwankend ist die Stimmung der Szenen. Wie bei Satiren üblich ist es oft die Entscheidung des Zuschauers, ob er geschockt auf die Leinwand starren oder sich vor Lachen schütteln will. Doch manchmal ist das Amüsieren dann auch gänzlich unmöglich und die Bestrafung zu krass, um für Belustigung zu sorgen. Die Umschwünge geschehen jedoch gleichsam plötzlich wie passend und kehren die Stärken des Drehbuchs ganz klar heraus. Dieses besitzt zwar nur einen ziemlich lockeren roten Faden, weiß aber immer wieder zu überraschen und bietet am Ende doch eine sich halbwegs entwickelnde Handlung. Leider will das Ende dann etwas zu besonders sein, was nicht komplett funktioniert. Kurz vor Schluss kommt eine der konsequentesten Handlungen von Mux, die die Identifikation mit ihm vollends abreißen lässt. Das ist mutig, genau wie eigentlich der ganze Film, aber der folgende Teil gelingt nicht vollends. Doch zerstört wird die Aussage zum Glück nicht, lediglich ein genialer Abschluss fehlt, es wirkt ein wenig ungelenk, wie sich Stahlberg aus dem Schlamassel herauswinden will.

Auch bleibt stets der dokumentarfilmartige Stil erhalten, was dem Film einen interessanten Look verpasst. Der schöne Titel „Muxmäuschenstill“ ist übrigens interessant in den Film eingebunden, alles andere als still ist jedoch der Soundtrack, der mit einer Mischung aus ruhigen Klängen und technoartigem Sound aufwartet. Das ist stets ausgesprochen stimmig und hört sich außerdem als Musik an sich fabelhaft an. Komponiert wurde dieser an jeder Stelle passende Soundtrack vom Berliner Trio Phirefones.

Jan Henrik Stahlberg spielt den von ihm erfundenen Charakter sehr eindringlich und schafft es, dass das Ganze tatsächlich als echte Dokumentaraufnahmen durchgehen könnte. Das Schauspielern ist ihm nicht anzusehen, er scheint vollends sich selbst zu spielen. Fritz Roth spielt die rechte Hand von Mux und darf hauptsächlich als Kameramann fungieren. Seine Version des Langzeitarbeitslosen, der eine neue Berufung gefunden hat, aber sich das kaum anmerken lässt, ist sehenswert, weil auch sie komplett echt wirkt. Wanda Perdelwitz darf ausgesprochen gut aussehen und auch wenn sie nur wenige Auftritte hat, fällt sie neben den beiden anderen nicht ab. Ihre Blicke sagen stets eine Menge aus, was sie denkt und fühlt, ist ihr oft von den Augen abzulesen - nur Mux hat damit ab und an so seine Probleme.

„Muxmäuschenstill“ ist ein interessantes Experiment. Eines, das Aufmerksamkeit verdient und eines, das es sehr gut versteht, den Zuschauer zu unterhalten. Auch die Zutaten, die satirischen, lustigen Ideen sowie die Schockelemente sind im richtigen Verhältnis zueinander angesiedelt. Ein deutscher Independent-Film, der den Zuschauer zum Nachdenken anregt über sein Thema, die Bestrafung von Straffälligen und es außerdem schafft, seine herrliche Idee in einen guten Film umzusetzten. Die Schwächen am Ende sind zu verkraften, es viel besser zu machen, wäre schwierig gewesen. Ein Warnung noch: Die Freigabe ab 16 Jahre findet eine klare Berechtigung in einigen recht drastischen Gewaltszenen und der harschen Umgehensweise mit dem Thema. Zu junge Kinogänger würden ähnlich wie bei "American History X" den Film wahrscheinlich falsch verstehen.
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