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    Hotel Lux
    Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
    2,5
    durchschnittlich
    Hotel Lux
    Von Björn Becher
    Nur weil eine Komödie vor einem ernsten historischen Hintergrund spielt, muss man nicht gleich die Meisterwerke „Der große Diktator" oder „Sein oder Nichtsein" zum Vergleich heranziehen, aber auch Regisseur Leander Haußmann selbst hat mit seiner Mauer-Komödie „Sonnenallee" bereits einen sehenswerten Film in diesem Metier gedreht – und auch an diesen reicht sein neues Werk „Hotel Lux" nicht heran. In dem titelgebenden Hotel wurden im Rahmen von Stalins Säuberungsaktionen einst etliche kommunistische Exilanten als Feinde des Diktators ermordet. In diesem düsteren Setting platziert Haußmann eine Verwechslungskomödie, der es zwar nicht an amüsanten Einfällen mangelt, bei der es der Regisseur aber verpasst, eine stimmige Balance zwischen ersthaften und humorvollen Szenen herzustellen. Trotz eines famosen Michael Bully Herbig, der in der Hauptrolle zeigt, dass er weit mehr drauf hat, als den rosa Indianer zu mimen, entpuppt sich „Hotel Lux" so leider nur als mäßig amüsante Nazi- und Stalinisten-Schelte.

    Berlin 1933, kurz vor der Machtergreifung Hitlers: Der unpolitische Komiker Hans Zeisig (Michael Bully Herbig) und sein bester Freund Siggi Meyer (Jürgen Vogel) stehen jeden Abend als Stalin und Hitler auf der Bühne des Kabaretts Valetti, wo selbst die anwesenden Nazis über ihre Revue lachen. Doch der Kommunist Meyer ahnt, dass dem Land Böses bevorsteht und setzt sich mit der schönen niederländischen Genossin Frida van Oorten (Thekla Reuten) in den Untergrund ab. Zeisig macht dagegen auch nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten weiter. Als aber das Theater unter die Kontrolle der Nazis gerät und er antisemitische Stücke aufführen soll, wird es auch ihm zu viel. Mit einer bösen Hitler-Parodie schlägt er zurück, muss daraufhin aber Hals über Kopf das Land verlassen. Zeisig verschlägt es nach Moskau ins berüchtigte Hotel Lux. Dort trifft er nicht nur Frida wieder, in die er sich längst verliebt hat, sondern wird auch für Hitlers Chefastrologen gehalten, der nun Stalin (Valery Grishko) persönlich beraten soll. Zeisig hat keine andere Wahl, als in diese Rolle zu schlüpfen, in der der Schauspieler bald nicht mehr nur um sein eigenes Überleben spielt...

    Die problembelastete Produktionsgeschichte von „Hotel Lux" kommentiert Produzent Günter Rohrbach („Das Boot ") erstaunlich offen: Als er den herausragenden Roman- und Drehbuchautor Uwe Timm („Die Entdeckung der Currywurst"), der ein erstes Exposé geschrieben hatte, mit Regisseur Leander Haußmann zusammenbrachte, habe dies überhaupt nicht funktioniert. Haußmann habe Ideen wie Bälle in die Luft geworfen und gehofft, dass der Autor herumrenne und sie auffange. Nach dem Ausstieg von Timm und dem Verschleiß eines weiteren Autors, nahm sich schließlich Haußmann selbst des Drehbuchs an. Und um Rohrbachs Bild treu zu bleiben: Die Bälle sind so zahlreich wieder nach unten gekommen, dass sie alles andere unter sich begraben haben. „Hotel Lux" steckt voller kleiner Ideen, die nur zum Teil wirklich funktionieren, aber immerzu die eigentliche Story in den Hintergrund drängen.

    Haußmann hat etliche Einfälle, um gegen Nazis und Stalinisten gleichermaßen auszuteilen und beide Seiten kräftig durch den Kakao zu ziehen. Da verabschieden die Kommunisten bei ihrer Versammlung jeden Tagesordnungspunkt schneller mit einem lauten „Ja", als Frida diese überhaupt verlesen kann – da ist es dann auch egal, ob es sich gerade um Banalitäten oder richtig harten Tobak handelt. Arg bemüht wirken dagegen die Reibereien der im Lux abgestiegenen, später die deutsche Geschichte prägenden Figuren wie Walter Ulbricht (Axel Wandtke), Herbert Wehner (Daniel Wiemer) oder Johannes R. Becher (Robert Dölle). Ebenso symptomatisch wie überflüssig ist eine im Moment größter Spannung eingebaute Szene, in der Ulbricht, der als Staatsratsvorsitzender der DDR die treibende Kraft hinter dem Mauerbau war, mit Zuckerwürfeln ein Mäuerchen baut. Das ist einer der erwähnten Bälle, also eine ganz witzige Idee, die man auf keinen Fall unter den Tisch fallen lassen wollte – ob sie nun passt oder nicht. Ganz ähnlich verhält es sich auch bei der Inszenierung, denn längst nicht alle Einfälle sind so gelungen wie Zeisigs Flucht vor den Nazischergen, die im Stil des klassischen Charlie-Chaplin-Slapsticks gedreht wurde.

    Das Hotel Lux war nicht nur eine Zuflucht für Kommunisten aus aller Welt, sondern auch ein Ort des Schreckens. Der russische Geheimdienst ließ jeden töten, den er für einen Anhänger von Stalins Widersacher Trotzki hielt. Die daraus resultierende Paranoia der Bewohner will auch Haußmann verdeutlichen. Während die Kinder auf dem Flur „Erschießungen" spielen, lugen die Erwachsenen nachts durch den Türspalt, um zu sehen, welcher Genosse jetzt schon wieder abtransportiert wird. Leider findet Haußmann dabei oft keine rechte Balance zwischen brutalem Terror und bissiger Komik. Wenn Stalin seine Treffen mit Zeisig in seinem Badezimmer abhält, weil der meist auf der Toilettenschüssel sitzende Diktator Angst hat, von seinem eigenen Geheimdienst belauscht zu werden, ist das eine von Haußmanns gelungeneren Ideen. Wenn im Anschluss allerdings der hinter dem Duschvorhang sitzende Dolmetscher des Vier-Augen-Gesprächs eiskalt erschossen wird, bleibt dem Publikum das Lachen im Halse stecken. Da ist es mehr als unnötig, dass Haußmann diese Gewaltexzesse für seine inszenatorischen Sperenzchen ausnutzt: Da spritzt erst das Blut quer über die Leinwand, nur um die Situation mit dem nächsten Kameraschwenk schon wieder zu entschärfen – nur eine Ratte, diesmal musste ausnahmsweise kein Mensch dran glauben.

    Ein Triumpf ist hingegen die Besetzung. Dass Michael Bully Herbig sich lange zierte, die Rolle anzunehmen, ist verständlich. Schließlich ist der ernste Hintergrund weit entfernt von seinen eigenen Produktionen, die immer dann besonders erfolgreich sind, wenn die Frequenz an Blödeleien und Schwulenwitzen so hoch ist wie bei „Der Schuh des Manitu" oder „TRaumschiff Surprise - Periode 1". Doch der einstige TV-Komiker beweist, dass er auch das ernste Fach beherrscht. Dass das Drehbuch nach seiner Besetzung extra auf ihn angepasst wurde, zahlt sich aus, weil Herbig nun seinen ganz eigenen Charme auf die Figur Hans Zeisig überträgt. Ihm sieht man von der ersten Sekunde an, dass er sich aus jeder noch so misslichen Lage herausreden kann - und auch der Lebemann und Frauenheld steht ihm ausgesprochen gut. Jürgen Vogel („Die Welle") offenbart als Hitler-Imitator vor allem in der wundervoll choreographierten Eröffnungsnummer sein Bühnentalent, während der Niederländerin Thekla Reuten („Brügge sehen... und sterben?") die undankbare Aufgabe zufällt, den naiv-idealistischen Blickfang zu geben.

    Fazit: „Hotel Lux" steckt voller guter Ideen, die oft auch gut umgesetzt sind, vor allem wenn Hauptdarsteller Michael Bully Herbig ins Spiel kommt. Ähnlich oft schießt Regisseur Leander Haußmann aber auch übers Ziel hinaus, weil er einzelnen Einfälle nicht dem großen Ganzen unterordnet. Statt die tragischen und komischen Momente der Geschichte in ein ausgewogenes Verhältnis zu bringen, ist der nächste Witz immer der Wichtigste – mag er in diesem Moment auch zynisch und unpassend sein.
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