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Satte Farben vor Schwarz
Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
4,0
stark
Satte Farben vor Schwarz
Von Christian Horn
Bruno Ganz und Senta Berger zählen zu den Urgesteinen der deutschsprachigen Filmlandschaft. Der eine dreht seit 1960, erlebte in den Siebzigerjahren seinen Durchbruch und spielte bislang in beinahe hundert Filmen, darunter Sternstunden des deutschen Kinos wie „Der Himmel über Berlin" oder „Der Untergang". Die andere steht seit 1955 vor der Kamera, feierte 1960 mit „Der Brave Soldat Schwejk " einen ersten großen Erfolg und spielte in 143 Filmen. Ein halbes Jahrhundert machen Bruno Ganz und Senta Berger also schon Kino, eine lange Zeit, und doch standen sie noch nie gemeinsam vor der Kamera. Sophie Heldman hingegen, die junge Regisseurin von „Satte Farben vor Schwarz" und Absolventin der dffb, ist neu dabei: ein Kurzfilm, eine Regie-Assistenz, eine TV-Dokumentation, jetzt das Kinodebüt. Und was für eins! Nicht nur, dass Bruno Ganz und Senta Berger mit großer Präsenz ein Liebespaar spielen, auch die Inszenierung ist ungeheuer sensibel, treffsicher und angenehm sparsam.

Seit vielen Jahren sind Fred (Bruno Ganz) und Anita (Senta Berger) ein Paar. Sie haben eine Tochter, einen Sohn und eine Enkelin, ein schönes Zuhause und materiellen Wohlstand. Sie lieben sich noch immer, wenngleich es in ihrer Beziehung auch Tiefpunkte gab. Doch jetzt, im Alter, müssen die beiden eine letzte Prüfung bestehen. Ohne das Wissen seiner Frau hat Fred eine Zweitwohnung angemietet, die er als Rückzugsort nutzen will. Kürzlich wurde bei ihm Prostatakrebs diagnostiziert – ob er sich operieren lassen oder den Rest seines Lebens außerhalb fahler Krankenhäuser verbringen soll, weiß er nicht. Anita ist gekränkt, als sie von der zweiten Wohnung erfährt und hadert damit, dass Fred die Entscheidung über seinen Umgang mit der Krankheit ohne sie treffen will. Anita und Fred reiben sich ein letztes Mal aneinander auf...

Es ist kein Zufall, dass dieser Text mit einem Establishing Shot auf Bruno Ganz und Senta Berger beginnt, denn es liegt zu einem Großteil an deren Schauspiel, dass „Satte Farben vor Schwarz" so hervorragend aufgeht. In kleinen Gesten, glaubhaft vorgetragenen Dialogen und alleine durch die pure Präsenz der beiden Mimen, durch die Art und Weise, in der sie sich die Bälle zuspielen und die Intensität ihrer Blickwechsel, gewinnt Sophie Heldmans Film ungemein. Mit weniger begabten oder nicht ganz so passend besetzten Darstellern würde das Drama sicherlich nicht so gut funktionieren – nicht, dass die gelungene und auf die Figuren zugeschnittene Inszenierung dann hinfällig wäre, aber wie bei jedem Kammerspiel-artigen Drama wie diesem wäre eine Fehlbesetzung mehr als tragisch. So ist es ein wahrer Glücksfall für den Film, dass in diesem Punkt aber auch gar nichts im Argen liegt.

Doch es sind nicht nur die Darsteller, darunter in Nebenrollen auch Barnaby Metschurat („Solino") und Sylvana Krappatsch („Die Besucherin"), die „Satte Farben vor Schwarz" tragen. Das Drehbuch, geschrieben von Sophie Heldman und Felix zu Knyphausen, überzeugt auf der ganzen Linie. Die Themen des Films – das Leben im Alter und der Abschied von demselben, der Platz des Einzelnen in der Gesellschaft, kleine Fluchten und der Kampf um Freiräume – ziehen sich absolut konsistent durch den gesamten Film und werden dabei nie allzu augenfällig oder simpel abgehandelt. Dazu hat das Buch auch noch den Mut, Reflektionsräume für den Zuschauer offen zu lassen (gerade bei einem Debütfilm ist das durchaus bemerkenswert): Nicht alles wird ausgesprochen, Antworten oder eine moralisierende Haltung gegenüber den Handlungen und Ansichten der Figuren liefert Heldman nicht mit. Es liegt am Betrachter, sich ein eigenes Bild zu machen und eine Perspektive auf das Geschehen wählen.

Geschaffen werden diese Freiräume nicht nur durch das Skript, sondern auch durch die Inszenierung: Lange Einstellungen, Nahaufnahmen der Darsteller und sprechende Bilder, eine so ruhige wie präzise Erzählweise und die wiederholt zum richtigen Zeitpunkt angebrachten Abblenden ins Schwarzbild zeugen nicht nur von einem großen filmischen Gespür und den Ambitionen der Regisseurin, sondern bedeuten einen weiteren Grundstein für das Gelingen ihres Erstlings.

Eine Szene aus „Satte Farben vor Schwarz" bleibt ganz besonders in Erinnerung: Bruno Ganz und Senta Berger besuchen die Abi-Party ihrer Enkelin. Erst stehen sie ein wenig deplatziert am Tresen, doch die übermütige Enkelin zieht sie auf die Tanzfläche – es läuft „I'm so excited" in der Coverversion von Le Tigre: Bruno Ganz und Senta Berger, die alten Hasen (nicht nur im Filmgeschäft, auch und gerade auf dieser Abi-Party), tanzen dazu, erst zurückhaltend, dann ausgelassen. Eine wunderschöne Szene, in der Melancholie und Ektase, Abschied und Lebensbejahung nahe beieinander liegen. Hier könnte „Satte Farben vor Schwarz" aufhören und es wäre ein großartiges Ende, nicht nur, weil Berger und Ganz zum Ausklang der Szene in Richtung ihrer Begleiter winken und durch eine Tür verschwinden. Aber Sophie Heldman bringt den Film konsequenter zu Ende, ohne Wohlgefallen und auf die Gefahr hin, den Zuschauer zu irritieren – auch das spricht für die Qualitäten dieser jungen Filmemacherin.
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