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Catfish
Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
4,0
stark
Catfish
Von Thilo Podann
Wäre Facebook ein Land, läge die soziale Gemeinschaft mit über 900 Millionen Einwohnern hinter China und Indien auf Rang Drei. Ständig wachsende Mitgliedszahlen suggerieren Außenstehenden schnell, den kommunikativen Anschluss zu verlieren. Kein Wunder, dass das Netzwerk zunehmend auch Thema von Filmen wird, allen voran David Finchers Meisterwerk „The Social Network". Doch nicht nur der Regie-Star wagte sich in diesem Jahr an einen Film zum Thema Facebook: Ende des Jahres kam ein kleiner, zu unrecht unbeachteter Dokumentarfilm mit dem ungewöhnlichen Namen „Catfish" in die Kinos. Wer trotz des nichtssagenden Titels einen Blick riskierte wurde mit einem außergewöhnlich spannenden und interessanten Film, des Regie-Duos Ariel Schulman und Henry Joost belohnt. Ein kleiner Tipp noch: Catfish wirkt am intensivsten wenn man möglichst wenig über den Inhalt weiß. FILMSTARTS empfiehlt daher, was auch das Plakat zum Film schon rät: „Don´tletanyonetellyouwhatitis."

Yaniv Schulman, genannt ‚Nev' ist Fotograf und teilt sich mit seinem Bruder Ariel Schulman, genannt ‚Rel' und dessen Kollegen Henry Joost ein Büro in New York. Ariel und Henry sind von Beruf Filmemacher. Als Nev immer wieder unglaublich liebevoll nachgemalte Bilder seiner veröffentlichten Fotografien von der 8 jährigen Abby zugeschickt bekommt, beginnen die Regisseure diese ungewöhnliche Freundschaft zu dokumentieren. Da das Mädchen noch sehr jung ist, steht Nev ebenfalls in regem Kontakt mit ihrer Mutter Angela und später auch mit Abbys gesamter Familie. Bald werden alle zu seinen Facebook-Freunden werden, da ein Großteil der Kommunikation ohnehin nur über die soziale Plattform abläuft. Besonders intensiven Kontakt pflegt Yaniv zu Abbys attraktiver Halbschwester Megan, mit der er bald eine Beziehung beginnt, die auf Grund der Entfernung zunächst rein virtuell verläuft. Doch als Nev sie nach Monaten des Anstupsen, Nachrichtenschreibens und Telefonierens endlich in der Realität treffen will, kommt alles anders als gedacht.

Sieht man „Catfish" fällt als erstes auf, wie geschickt das Regie-Duo Schulman/Joost dokumentarisches Material zu inszenieren versteht. Immer wieder werden Details der Geschichte mit dem Einsatz von Google Maps, Google Street View oder Facebook aussagekräftig untermalt und eine Authentizität suggeriert, die möglicherweise reine Fiktion ist. Neben der handwerklichen Originalität (die den Regisseuren passenderweise schon den Regieposten der jüngsten „Paranormal Acticity" Folge bescherte) ist es die Präsenz von Protagonist Ne, die von Beginn an fesselt. Wäre die Geschichte nicht einem unbefangenen, ebenso naiv wie sympathischen Mensch passiert, sondern einem emotionsloseren Realisten, hätte der Film auch nicht ansatzweise funktioniert. Auch wenn Nev gegen Ende endlich aktiv wird und die Konfrontation sucht, bleibt er einfühlsam, obwohl er eigentlich er das Opfer war. Nur durch seine herzliche Art ist es ihm möglich, einen Blick unter das meterdicke Fundament aus Lügen und Halbwahrheiten zu werfen, mit dem seine Zuwendung erschlichen wurde.

Und gerade wenn man sich nach dieser traurigen Reise durch die menschliche Psyche mit der Situation angefreundet hat und glaubt Abbys Mutter Angela endlich verstanden zu haben, reißen die ihm Abspann schriftlich zusammengefassten Informationen neue Wunden auf. Nicht zuletzt, da das Problem von Manipulationen und Täuschung durch die zunehmende Bedeutung von Facebook für immer mehr Menschen immer alltäglicher erscheint. Wer „Catfish" gesehen hat, wird in Zukunft zweimal überlegen, welche Freundschaftsanfrage er annimmt und vor allem, welche er ablehnt.

Skeptiker haben dem Film vorgeworfen ein Fake zu sein, eine Mockumentary, der nur durchschaubarer Spiegel der abgestumpften Digitalisierung unserer Welt ist. Doch dieser Aspekt ist Grunde genommen zweitrangig. Denn ob die drei New Yorker nun einige Szenen nachgedreht haben oder die Handlung ihrer Fantasie entstammt, ändert nichts an der Wirkung, Aussage und der fraglos vorhandenen filmischen Qualität von „Catfish".

Fazit: „Catfish" ist nicht nur eine erstaunliche Dokumentation über Täuschung und Manipulation, sondern auch eine moderne Sozialstudie, die gleichermaßen spannend wie erschütternd ist. Ein absolut sehenswerter Film, nicht nur für die unaufhaltsam wachsende Generation-Facebook.
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