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    The People vs. George Lucas
    Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
    2,5
    durchschnittlich
    The People vs. George Lucas
    Von Robert Cherkowski
    Wer sich im Internet auf die Suche nach dem „meist gehassten Filmemacher der Gegenwart" begibt, dem begegnen bekannte Namen wie Michael Bay („Transformers"), M. Night Shyamalan („Die Legende von Aang") und der unvermeidliche Uwe Boll („Auschwitz"). Nur einer zieht noch mehr Schmähungen auf sich als der Wermelskirchener Regieberserker: George Lucas. Das ist auf den ersten Blick erstaunlich, denn im Gegensatz zu Boll, der sich selbst gerne als unverstandener Wahrheitsverkünder sieht und keine Provokation auslässt, ist der silberlockige Tausendsassa aus Kalifornien ein eher zurückhaltender Zeitgenosse. Aber der Mann, der einst zu den jungen Filmverrückten des New Hollywood gehörte und mit seinem Langfilmdebüt „THX 1138" einen wegweisenden Klassiker des Science-Fiction-Kinos drehte, ehe er die Filmlandschaft 1977 mit dem Blockbuster-Phänomen „Krieg der Sterne" nachhaltig veränderte, gilt gewissen Leuten inzwischen nur noch als geldgieriger und egomanischer Mogul. In seiner insgesamt wenig ergiebigen, aber besonders für „Star Wars"-Interessierte eines Blickes würdigen Dokumentation „The People vs. George Lucas" zeichnet Regisseur Alexandre O. Philippe nach, wie der einst gefeierte und von Millionen Fans verehrte Filmemacher, es sich im Laufe der Jahrzehnte mit großen Teilen der Anhängerschar von einst verscherzte und liefert dabei mindestens ebenso viele Erkenntnisse über die Kritiker wie über den Kritisierten.

    Schon aus dem anklägerischen Titel „The People vs. George Lucas" spricht die Maßlosigkeit und Unversöhnlichkeit vieler Gegner des Regisseurs und Produzenten, deren Sache sich Filmemacher Philippe unübersehbar zu eigen macht. Schnell wird klar, dass es kein Zufall ist, wenn diejenigen, die Lucas heute so lauthals kritisieren, früher oft zu seinen leidenschaftlichsten Fans gehörten. Aus dem Unmut über die ständigen digitalen Nachbearbeitungen der ursprünglichen Trilogie aus „Krieg der Sterne", „Das Imperium schlägt zurück" und „Die Rückkehr der Jedi-Ritter" sowie aus der individuellen Enttäuschung über die Qualität der so lang und so sehnsüchtig erwarteten Episoden I bis III erwuchs eine extreme Ablehnungshaltung gegenüber der Person Lucas. Dieser Entwicklung in der prekären Beziehung zwischen einem Künstler und seinem Publikum folgt Philippe bei seiner Befragung von Fans und Experten. Er beginnt mit ausschweifender Lobhudelei auf das Phänomen „Star Wars" und auf dessen Schöpfer, bevor der Ton in Ernüchterung und schließlich in blanken Hass umschlägt, wenn es um „Die dunkle Bedrohung", „Angriff der Klonkrieger" und „Die Rache der Sith" geht. Da verständlicherweise kein Material von Lucasfilms zur Verfügung gestellt wurde, behilft er sich mit Animationen, Fanfilmen und miesen Cartoons. Der Nährwert dieser kleinen Fan-Doku ist dabei zu keinem Zeitpunkt sonderlich hoch und beizeiten verfällt Philippe in eine öde Nerd-Litanei, die vielleicht für ein 20-minütiges YouTube-Essay ausreichen würde, in abendfüllender Länge jedoch schmerzhaft trivial ausfällt.

    Sehr viel mehr Reiz birgt „The People vs. George Lucas" als Porträt einer gespaltenen und schließlich völlig zerbrochenen Beziehung zwischen dem Gründer eines Kults und seiner Jüngerschaft. Oft wirkt Philippes Film wie eine Studie enttäuschter Liebe und anhaltender Entfremdung. Dabei gehören zum Scheitern einer einst leidenschaftlichen Beziehung naturgemäß immer zwei Parteien. Auf der einen Seite befindet sich der ehemalige Underdog Lucas, der sein Lebenswerk früh geschaffen hat, es aber nie als abgeschlossen ansah. Er hasste die Arbeit am Set und mit Schauspielern über alle Maßen, verstand sich daher nach „Krieg der Sterne" eher als Orchestrator des „Star Wars"-Kults und vertraute die Regie von Episode V und VI den Hollywood-Routiniers Irvin Kershner und Richard Marquand an. Aber Lucas wollte sein filmisches Imperium immer wieder auf dem neuesten tricktechnischen Stand bringen und stand federführend hinter den veränderten Neuauflagen der Saga, in denen er bereits einige höchst umstrittene Eingriffe vornahm – schließlich wusste jedes Kind, dass Han Solo (Harrison Ford) erst schießt und dann fragt. Hieraus sprach durchaus eine fehlende Sensibilität für die Anliegen der Fans, zumal es außerhalb des Strebens nach vermeintlicher technischer Perfektion keine nachvollziehbare Motivation für die Veränderungen gab. So erschienen nicht nur den enttäuschten Anhängern die weiteren Wiederaufführungen und Überarbeitungen als reine Geldmacherei. Für viele war der Mann, der einst das System herausforderte zum Inbegriff des Systems selbst geworden.

    Ihm stellt Philippe eine unüberschaubare Anzahl von Fans gegenüber, die mit der alten Trilogie in ihrer ursprünglichen Form einen Rausch geheiligter Nostalgie verbinden und deren verklärte Erinnerung durch die (schlechten) Änderungen verwässert wird. Auffällig ist dabei das Alter dieser herbeizitierten Anhänger, die „Krieg der Sterne" und seine beiden Fortsetzungen meist entweder in allerfrühester Kindheit oder im Fernsehen gesehen haben. „Star Wars" wurde für sie eine Ersatzreligion und war ein wesentlicher Teil ihrer kulturellen Erziehung. Die Ausführungen dieser passionierten Geeks hinterlassen mehr als einmal den Eindruck, dass die Fans die ursprüngliche Saga als ihr Privateigentum betrachten, an dem sich Autor Lucas nun völlig unrechtmäßig vergehen würde. Dass dies Unsinn ist, liegt ebenso auf der Hand wie die Tatsache, dass Lucas selbst nicht so recht zu wissen scheint, dass es gerade der Charme des Alters ist, der seine Filme über die Jahrzehnte hinweg so viel Reiz versprühen ließ. Egal wie oft er sich noch an das Ausgangsmaterial setzen wird und wie viele platte Spezialeffekte er noch hineinquetscht – die Filme selbst werden dadurch nicht zeitlos, sondern wirken mit jeder Veränderung mehr wie ein endloses Work-in-Progress-Flickwerk. Ob es für solch einfache Urteile jedoch 97 Minuten schräges Geplapper sektenartiger (Anti-)Fans gebraucht hätte, steht auf einem anderen Blatt und auch die Handvoll Filmwissenschaftler, die Philippe zwischendurch auch befragt, sorgt nicht für einen substanzielleren Befund.

    Fazit: Wird „Star Wars"-Schöpfer George Lucas als Revolutionär des Unterhaltungsfilms oder als der fehlgeleitete Vater des ungeliebten Jar Jar Binks in die Filmgeschichte eingehen? Die Fan-Dokumentation „The People vs. George Lucas" wird keinen Einfluss auf die Beantwortung dieser Frage haben, für einen nett-nerdigen Filmabend ist sie trotzdem zu gebrauchen, wenn man denn die nötige Leidenschaft für das Thema aufbringt. Wer vorher keine Meinung zu Lucas und seinem Lebenswerk hatte, der wird auch hier keine gewinnen.
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