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    Stimme des Herzens - Whisper Of The Heart
    Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
    4,0
    stark
    Stimme des Herzens - Whisper Of The Heart
    Von Ulf Lepelmeier
    „Stimme des Herzens – Whisper of the Heart“ ist eine Wunschkritik der Filmstarts-Leser. Wünsche für die akuelle Woche könnt ihr in diesem Forum-Thread äußern.

    „Stimme des Herzens - Whisper Of The Heart“ sollte Yoshifumi Kondos erste und zugleich auch letzte Regiearbeit werden. Kondo, der als Animationsdirektor an der Realisierung der Ghibli-Produktionen Kiki‘s kleiner Lieferservice, „Only Yesterday“ und Die letzten Glühwürmchen beteiligt war und als möglicher Nachfolger Hayao Miyazakis (Chihiros Reise ins Zauberland) gehandelt wurde, war nur dieser eine Film vergönnt, bevor er im Alter von 47 Jahren an einem Aneurysma verstarb. Mit leichtfüßiger Erzählweise und gut ausgearbeiteten Charakteren erweist sich seine fantasievolle Coming-of-Age-Romanze als ein gefühlvoller Animationsfilm über die Wirren der Pubertät und die Suche nach der eigenen Bestimmung.

    Die 14-jährige Shizuku ist ein echter Bücherwurm und leiht sich in der städtischen Bibliothek ein Buch nach dem anderen aus. Da fällt dem verträumten Mädchen auf, dass ein gewisser Seiji Amasawa alle von ihr ausgewählten Bücher schon vor ihr gelesen hat. Sie beginnt, sich ein Traumbild von dem Jungen auszumalen, der die gleichen Geschichten wie sie schätzt. Eines Tages verfolgt Shizuku eine mit der U-Bahn umherfahrende Katze und gelangt so zu einem kleinen Antiquitätenladen, dessen Ausstellungsstücke sie faszinieren. Hier trifft sie auf einen Mitschüler, der sie schon öfters aufgezogen hat. Dieser Junge, der Enkel des Ladenbesitzers, heißt zufällig auch noch Seiji. Schon bald findet sich Shizuku in einem Gefühlschaos wieder und sieht sich zudem mit der Frage konfrontiert, was für eine Zukunft sie eigentlich anstrebt…

    Regisseur Yoshifumi Kondo beweist ein ausgeprägtes Gespür für seine jugendlichen Figuren, deren Design er an die Charaktergestaltung des thematisch ähnlich gelagerten „Kiki`s kleiner Lieferservice“ anlehnt. So versprüht die sich in den Wirren der Pubertät befindende Protagonistin mit ihrem kindlichen Entdeckungsdrang ansteckende Lebensfreude. Shizukus sonniger Charakter ist jedoch auch durch jugendliche Naivität und große Unsicherheit geprägt. Die Bekanntschaft mit dem zielstrebigen Seiji, der sich in den Kopf gesetzt hat, nach Italien zu gehen und dort die Kunst des Violinenbauens zu erlernen, lässt Zukunftsängste in ihr aufsteigen. Ihr wird bewusst, dass sie sich selbst bisher noch keine Gedanken darüber gemacht hat, was sie nach der Schule eigentlich machen möchte. Und so fängt das fidele Mädchen an, sich ernsthaft mit ihren Fähigkeiten und Interessen auseinanderzusetzen. Sie kreiert ein Traumbild ihrer Zukunft, in dem sie eine Laufbahn als Schriftstellerin einschlägt.

    Basierend auf einem Drehbuch von Animationsgroßmeister Hayao Miyazaki (Ponyo, Das wandelnde Schloss), das sich lose am gleichnamigen Manga von Aoi Hiiragi orientiert, erzählt Kondo eine sehr stark in der Realität verankerte Geschichte, die sich mit dem Alltagstrott und der Gefühlswelt eines japanischen Teenagers auseinandersetzt. So erlebt Shizuku die erste Liebe, muss mit schulischen Problemen und ihren Eltern klarkommen, und sich ihrer ersten kleinen Identitätskrise stellen. Trotz all dieser Probleme behält der Film jedoch stets einen fröhlichen Grundton bei und verzichtet gänzlich auf unnötige Dramatisierungen. Einzig in einer kurzen Traumsequenz, in der das Animationsstudio Ghibli erstmals von CGI-Effekten Gebrauch machte, wird die Realitätsebene verlassen und der Fantasie des Mädchens gehuldigt: Der in ihrem selbstverfassten Roman vorkommende Katzenbaron Humbert von Gikkingen steht plötzlich lebendig vor ihr. Eben jene Katzenfigur sowie der dicke Kater Muta tauchten sieben Jahre später auch in Das Königreich der Katzen wieder auf, in dem die Geschichte aus Shizukus Roman erzählt wird.

    Die Animationsqualität und insbesondere der Detailreichtum der Hintergründe sind hervorragend. In den liebevoll gezeichneten Szenerien gibt es immer wieder etwas zu entdecken und die Ansichten der Stadt oder auch das Interieur des Antiquitätenladens erreichen beinahe Fotoqualität. So gehören die Hintergrundzeichnungen von „Stimme des Herzens“ mit zu den schönsten des für hohe Animationskunst stehenden Ghibli Studios. Die akustische Seite des Films wird dominiert vom bekannten Country-Song „Take Me Home, Country Roads“, der gleich in mehreren Variationen vorkommt. Das Lied zieht sich wie ein roter Faden durch die gesamte Handlung und wird von der Protagonistin, die sich an einer japanischen Übersetzung des Songs für den Schulchor versucht, mehrfach angestimmt.

    „Stimme des Herzens – Whisper Of The Heart“ bietet fantastisch animierte Hintergründe, liebevoll entworfene Figuren und eine lockerleicht erzählte Geschichte, welche die Probleme der frühen Jugendzeit anklingen lässt und den alltäglichen Rhythmus aus Schule, Freizeitprogramm und ersten Schwärmereien einfängt. Ein sonniger, in der Realität verhafteter Anime, der unaufgeregt von den kleinen Freuden und Komplikationen einer verträumten Schülerin erzählt, die sich auf die Suche nach einer Zukunftsperspektive macht.
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