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360
Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
3,5
gut
360
Von Tim Slagman
Mit seinem temporeichen, schockierenden Durchbruch mit „City Of God" hat sich der brasilianische Regisseur Fernando Meirelles als Filmemacher empfohlen, der den Alltag konfrontativ, direkt und vor allem in all seiner Grausamkeit auszubreiten versteht. Seine Milieustudie der Favelas war zweifelsohne ein Film mit Anliegen, für den Polit-Thriller „Der ewige Gärtner" galt dasselbe – und auch die durchaus umstrittene Saramago-Verfilmung „Die Stadt der Blinden" fiel thematisch sehr ambitioniert aus. Meirelles‘ Episodenfilm „360" mag im Kontext des bisherigen Werkes daher ein wenig irritieren: Das Aufrüttelnde und Anklagende ist einer stark mitfühlenden Beobachtung gewichen, das Fantastische, Spekulative dem Alltäglichen und Gewöhnlichen. Doch wie Meirelles in kurzen, dicht erzählten Momentaufnahmen Spannung und Anteilnahme zugleich erzeugt, das ist faszinierend zu beobachten – und zu fühlen.

Die junge Slowakin Mirka (Lucia Siposová) wartet in Wien nervös auf ihren ersten Freier. Doch der britische Geschäftsmann Michael Daly (Jude Law) macht in der Hotelbar im letzten Moment einen Rückzieher – und kehrt nach London zu seiner Frau Rose (Rachel Weisz) zurück. Die steckt in einer so leidenschaftlichen wie chancenlosen Affäre mit dem jungen brasilianischen Fotografen Rui (Juliano Cazarré), dessen Freundin Laura (Maria Flor) hinter den Betrug gekommen ist und heim nach Rio fliegen will. Aber dann strandet sie in einem Schneesturm am Flughafen von Denver, gemeinsam mit einem älteren Herrn (Anthony Hopkins). Doch ihre Verabredung mit ihm hält sie nicht ein und nimmt stattdessen den groben, unsicher wirkenden Tyler (Ben Foster) mit aufs Hotelzimmer – einen verurteilten Sexualstraftäter auf dem ersten Freigang seit Jahren.

Drehbuchautor Peter Morgan („Die Queen", „Hereafter - Das Leben danach") hat Arthur Schnitzlers Drama „Reigen" als Ausgangspunkt seiner Geschichte genommen, jenes Sittengemälde, in dem es auch darum geht, dass sich letztlich alles um Sex dreht. Dem großen Gefühl gilt das Interesse der Filmemacher dabei aber genauso wie dem fleischlichen Akt, um die Anziehungskräfte zwischen zwei Menschen geht es, die man mal Liebe und mal Lust nennen kann und an manchen Stellen entfernen sich Morgan und Meirelles von beidem und erzählen von der Begierde an sich, nach Alkohol, nach Macht, nach Freiheit.

Ein strenges dramaturgisches Korsett haben sie „360" dabei nicht übergestreift. Das gemeinsame Schicksalsnetz der globalisierten Welt hat eben an manchen Stellen dickere Knoten, an anderen laufen die Fäden einsam einem ungewissen Ende zu. Manche Figuren tauchen früh auf, scheinen schnell in Vergessenheit zu geraten und begegnen einem dann doch irgendwann wieder. Andere, wie Sergei (Vladimir Vdovichenkov), Chauffeur und Mädchen für alles eines Gangsterbosses, werden erst zum Ende hin eingeführt und dominieren fortan die Handlung. Das kann man lässig und ungezwungen finden – oder auch ein wenig beliebig.

Die wirkungsvollste, konzentriert im Stile einer klassischen Kurzgeschichte erzählte Episode ist in jedem Falle die um die betrogene Brasilianerin Laura, die auch in der Chronologie der Ereignisse eine zentrale Stellung einnimmt. Ohne spekulative Bilder, ohne beschwörende Musik zaubert Meirelles nur aus einem Gespräch, aus der Inszenierung eindringlicher oder scheu abgewandter Blicke, aus kleinsten Berührungen, die in Tyler einfahren wie Stromstöße, ein bedrohliches Szenario. Ohnehin sind die intimen Dialoge in den Situationen der Zweisamkeit das Meisterstück des Films: Durch das Zögern und die langen Pausen, sowie durch die Trennung der Gesprächspartner durch Wände und offene Türen, entsteht etwa ein viel eindringlicheres Bild davon, wie es um die Ehe von Rose und Michael steht, als es Bettszenen mit Dritten je zeichnen könnten.

Fernando Meirelles präsentiert sich hier als ruhiger, zurückhaltender Regisseur und verzichtet konsequent auf das Laute, Grelle und Spektakuläre. Das heißt aber keineswegs, dass sein Film weniger intensiv ausfällt als die Vorgänger. Dabei kann Meirelles besonders auf seine Schauspieler zählen, die starke internationale Besetzung sorgt für emotionale Wahrhaftigkeit. Am längsten im Gedächtnis bleibt indes keiner von den Stars, sondern die Newcomerin Gabriela Marcinkova („Byzantium") als Anna, die Schwester der Prostituierten Mirka. Ihrem skeptischen Blick und dem breiten Lächeln, dem er manchmal weicht, kann nicht einmal ein Gangster widerstehen.

Fazit: Fernando Meirelles erzählt in seinem Episodenfilm „360" von den Verlockungen und der Last der Liebe in einer globalisierten Welt. Die ruhige, konzentrierte Inszenierung und die sehr guten Darsteller verleihen besonders den zentralen Geschichten große Intensität.
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